LEITARTIKEL · SSV 46 FUSSBALL: Die allerletzte Chance

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Wo die Ulmer Kicker denn nun in der kommenden Saison spielen werden, wollte Jack Sparrow auf der Mitgliederversammlung des SSV Ulm 1846 Fußball wissen. Jenes etwas grimmig dreinschauende Maskottchen der Spatzen meinte damit die Spielklasse - Oberliga, Landesliga oder, puuh, Bezirksliga? Die Antwort kam prompt aus dem Saal: im Stadion! Und sie zeigt zweierlei: Zum einen haben die Mitglieder des Regionalligisten den Humor nicht völlig verloren; zum anderen lässt sich ein gewisser Stolz erkennen. Nach dem Motto: Ganz gleich, wo wir auch spielen, wir sind der SSV 46 - trotz der zweiten Insolvenz innerhalb von drei Jahren. Den Fußballern, 2009 aus dem Hauptverein ausgegliedert, gelang damit ein Kunststück. Andere Vereine brauchen wesentlich länger, um in die Fußball-Geschichte einzugehen.

So bitter die neuerliche Insolvenz für Mitglieder, Fans, Sponsoren und in besonderem Maße für die aktiven Kicker ist - diese Stunde Null des Ulmer Fußballs muss für einen wirklichen Neubeginn stehen. Sie bedeutet nicht mehr und nicht weniger als die allerletzte Chance der Traditionsmarke, die in den vergangenen Jahren, genauer: seit dem Abstieg aus der Bundesliga, vor allem Negativ-Schlagzeilen produziert hat. Mit zwei Ausnahmen: den Aufstiegen in die Regionalliga 2007/08 und 2011/12, beide eng verbunden mit dem Trainer Paul Sauter. Dass jetzt ausgerechnet Sauter, dessen Name für eine gewisse Seriosität stand und der in der Vergangenheit viel für den Ulmer Fußball getan hat, diesen Niedergang verantworten muss, stempelt ihn - bei all seiner positiven Fußballverrücktheit - zur tragischen Figur. Sein Beispiel zeigt: Ein guter Trainer ist nicht zwangsläufig auch ein guter Präsident. Ein Fußballspiel lesen zu können, ist eine Sache, mit Bilanzen umzugehen, eine gänzlich andere.

Um den Blick nach vorne zu richten: Der Verein benötigt jetzt ein Präsidium, das erstens auf den Boden der Tatsachen zurückkehrt und für Verlässlichkeit steht - Verlässlichkeit der ganzen Ulmer Öffentlichkeit gegenüber. Sponsoren sind durchaus bereit, sich finanziell zu engagieren - aber nur, wenn die Voraussetzungen stimmen. Denn: Welch einigermaßen seriöse schwäbische Geschäftsmann wird Geld in einen Verein investieren, der Wunsch mit Wirklichkeit verwechselt und sich an dubiose Investoren klammert? Dass sich dazuhin verschiedene Lager intern Grabenkämpfe liefern und gewisse Schreihälse aus dem D-Block ihr Mütchen an denen kühlen, die in dieser verfahrenen Situation Verantwortung übernehmen, ist wenig hilfreich.

Das neue Präsidium, so sich denn eines findet, muss zweitens moderierend wirken und drittens: die Vereinsstrukturen auf einen zeitgemäßen Stand bringen. Es kann nicht sein, dass ein Regionalliga-Verein mit einer herausragenden Jugendarbeit wie ein Karnickelzüchterverein geführt wird - ohne jetzt den Karnickeln und ihren Züchtern zu nahe treten zu wollen. An einem hauptamtlichen Management, das professionell arbeitet, darf kein Weg mehr vorbeiführen. Vielleicht muss das Maskottchen Jack in die Bezirksliga - nicht unbedingt der schlechteste Ort, um wieder Grundvertrauen zum SSV Ulm 1846 Fußball aufzubauen. Vielleicht auch muss der Verein völlig anders durchstarten: unter einem neuen Namen, weil die alte Marke mittlerweile verbrannt ist. Und in die Kreisklasse. Tja, Jack Sparrow, Maskottchen haben es nicht leicht.

Zitate aus der Versammlung

"Die Verluste haben sich nicht von heute auf morgen entwickelt, sondern die letzten drei Jahre."

"Ich bin nicht auf der Flucht" - Notvorstand Dr. Dietmar Voss, der gestern in den Urlaub gefahren ist.

"Ich sehe, alle Hände gehen nach oben" - Versammlungsleiter Hans-Peter Behm auf seine Frage, ob sich jemand als Präsident wählen lassen will.

"Den würde ich nicht unterschreiben, wenn ich 7 Promille hätte" - Der Elchinger Unternehmer Anton Gugelfuss über den Vertrag, den das alte SSV 46-Präsidium mit der MKI Group geschlossen hat.

"Im November hätten wir noch was machen können. Jetzt stehen wir mit dem Rücken an der Wand", sagte Jürgen Springer, der Mann im Maskottchen.

Zeitweise wurde es bei der Versammlung turbulent, etwa, als ein Mitglied forderte, die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen.

SWP

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