Kelche, Kannen, Humpen

Die Ulmer galten zwar nie als ausgesprochen prunksüchtig. Dennoch haben ihre Goldschmiede Glänzendes geleistet. Das beweist die neue Ausstellung des Ulmer Museums, die heute Abend eröffnet wird.

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"Goldene Zeiten" herrschen bis Anfang Februar im Gewölbe des Kiechelhauses. Die gleichnamige Ausstellung präsentiert in drei Räumen, was die Ulmer Goldschmiede vom ausgehenden Mittelalter bis zum Ende der Reichsstadtzeit geschaffen haben - genauer gesagt: Das, was davon übrigblieb. Und das ist nicht allzu viel. Denn Gold ist bekanntlich eine Wertanlage, die in Notfällen versilbert wird. Und das, was daraus gefertigt wurde, fällt nicht selten dem sich ändernden Zeitgeschmack zum Opfer.

Dennoch bietet sich dem Besucher beim Eintritt ins Gewölbe ein strahlender Anblick. In den Vitrinen stehen zuvörderst die wenigen Relikte aus der Zeit, bevor die Ulmer sich 1530 für die Reformation ausgesprochen haben. Noch deutlich katholisch, mit Marienfigur, eine Monstranz des Wengenklosters aus der Zeit um 1460/70 sowie, ebenfalls von dort, ein Kreuzreliquiar. Eher schlicht sind die sieben Abendmahlkelche und vier Hostienteller, die im Münster und später teilweise in der Dreifaltigkeitskirche die Reformation überdauert haben. Von der Dreifaltigkeitskirche gelangten drei Kelche und die vier Schalen in die Pauluskirche. Und die hat sie im vorigen Jahr dem Ulmer Museum als Dauerleihgabe überlassen.

Dieser Neuzugang sowie der ebenfalls 2012 getätigte Kauf eines Silberreliefs, das der Ulmer Goldschmied Conrad Meyr gegen Ende des 17. Jahrhunderts angefertigt hat, boten den Anlass für die neue Ausstellung. Es ist die erste Ausstellung überhaupt, die sich mit der Ulmer Goldschmiedekunst befasst, so erläutert Museums-Leiterin Gabriele Holthuis. Sie ist stolz auf ihre Kuratorin Eva Leistenschneider, die, wie Holthuis betont, diese Ausstellung samt einer Begleitbroschüre trotz eines geringen Budgets zuwege gebracht hat.

Sakrale Kunst aus der Zeit nach der Reformation ist im nächsten Raum zu sehen. Dort sticht eine Abendmahlkanne aus dem Besitz der Ulmer Münstergemeinde ins Auge, die um 1620/30 ein namentlich nicht bekannter Meister geschaffen hat. Man kennt nur sein Markenzeichen: ein M. Ihr Design weicht völlig vom Gewohnten ab: Die Grundform vom Fuß bis zum Deckel, der Henkel inbegriffen, ist achteckig. Die Kanne strotzt vor figürlichen und bildlichen Darstellungen und Inschriften. Die Kuratorin sieht darin den Versuch, eine neue, genuin evangelische Ausdrucksform im Bereich des liturgischen Geräts zu finden und kommt daher zu dem Schluss, dass diese Kanne eines der außergewöhnlichsten Werke evangelischer Goldschmiedekunst überhaupt darstellt.

Tatsache ist allerdings auch, dass in der Zeit nach der Reformation sehr viel kirchliches Prunk-Gerät verloren gegangen ist. Das beweisen zwei Inventare aus den Jahren 1525 und 1529, die noch Objekte auflisten, welche verschollen sind.

Die Ulmer Goldschmiede fertigten freilich nicht nur Sakrales an, sondern auch Profanes - sehr Profanes. Die Zeit, in der sie in Ulm ihre Blüte erlebten, das 17. Jahrhundert, war auch die Blütezeit der Trinkkultur. Die Gefäße, die zu deren Ausübung von den Ulmer Goldschmieden angefertigt wurden, haben teilweise schon bislang in der Dauerausstellung beeindruckt: der aus einem Straußenei geschaffene Pokal etwa oder die zum Teil gewaltigen Humpen mit kunstvoll geschnitzten Reliefs aus Elfenbein. Bemerkenswert auch das Etui, welches das größte Prachtexemplar schützte. Erhöhte Kunstfertigkeit erforderte auch das Anfertigen von Scherzgefäßen wie etwa einem filigranen Trinkschiff. Das wurde, mit Wein gefüllt, über den Tisch gerollt. Und der, vor dem es stehen blieb, musste es austrinken.

Gehörten die Auftraggeber solcher Gegenstände zum begüterten Bürgertum in der Stadt, haben die Goldschmiede auch für Menschen mit schmalerem Geldbeutel gearbeitet. "Galanteriewaren" heißen die etwas bescheideneren Gegenstände, die über die Schnupftabaksdose über das Taschenuhr-Gehäuse bis zur silbernen Taufplakette reichen.

Info "Goldene Zeiten. Die Kunst der Ulmer Goldschmiede." Bis 2. Februar im Ulmer Museum: Di-So 11-17 Uhr, Do bis 18 Uhr. Eröffnung heute, Freitag, 19 Uhr, im Lichthof. Die dazu erschienene Broschüre umfasst 27 Seiten und kostet 4.50 Euro.

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