Interview mit Psychiater Dr. Frank Reuther: Warum Menschen Steine werfen

Ein Steinewerfer attackierte bislang mindestens 15 Autofahrer. Er nimmt in Kauf, Menschen zu verletzen oder gar zu töten. Wer tut so etwas und warum? Psychiater Dr. Frank Reuther hat eine Vermutung.

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Herr Reuther, was sind das eigentlich für Menschen, die mit Steinen auf fahrende Autos werfen?
DR. FRANK REUTHER: Im Allgemeinen ist davon auszugehen, dass es sich hierbei nicht um psychisch kranke Menschen handelt. Vielmehr sind es psychisch gesunde Menschen, die ein besonderes Interesse an solchen Straftaten haben. Klassisch wäre eine Person, die ihre Gefühle und Bedürfnisse im Alltag nicht ausdrücken kann, sich minderwertig und zurückgesetzt vorkommt und durch so eine Aktion in der Anonymität eine gewisse Bedeutung erlangt - ähnlich, wie das auch bei Brandstiftern der Fall ist. Diese Personen wollen zwar nicht entdeckt werden, aber trotzdem etwas vermeintlich Großartiges machen, das dann in den Medien Aufmerksamkeit erregt. Es ist Teil des Vorgehens, dass man die Berichte verfolgt, und sich dadurch kurz groß und berühmt fühlen kann.

Das Motiv hinter diesen Taten ist also Aufmerksamkeit, die die Täter sonst nicht bekommen?
REUTHER: Das wäre jedenfalls ein Teil der Motivation. Andere Menschen engagieren sich ehrenamtlich, bekommen mal die Hand vom Bürgermeister geschüttelt oder werden von ihrer Familie anerkannt. Wer aber emotional ausgeklammert ist, wer alles mit sich ausmacht, der kann eine solche Tat als Ersatzweg wählen, um auch mal etwas Besonderes zu machen. Wobei man immer dazusagen muss, dass dies keine Entschuldigung ist. Diese Menschen sind weder psychisch krank noch bedürfen sie einer psychiatrischen Behandlung.

Ist den Tätern bewusst, dass sie mit ihren Handlungen andere Menschen verletzen und töten können?
REUTHER: Bei der Staatsanwaltschaft heißt es immer: Er hätte wissen können und müssen. Das stimmt natürlich, aber die Person selbst macht sich das in der Situation nicht bewusst, sie verdrängt es. Die freut sich, dass der Stein das Auto getroffen hat und die sich aufdrängende Konsequenz, dass dabei auch Menschen verletzt werden können, schiebt der beiseite. Es ist auch nicht das Ziel dieser Personen, andere zu töten. Ziel ist es, Autos mit Steinen zu treffen. So wie kleine Kinder, die von einem Hochhaus hinunterspucken und sich freuen, dass die Spucke unten ankommt. Das Steinewerfen ist eine Steigerung dessen, die natürlich erheblich schlimmer und vorwerfbar ist.

Wie sicher fühlen sich solche Täter vor der Polizei?
REUTHER: Die rechnen natürlich nicht damit, entdeckt zu werden, das ist Grundlage für die meisten Straftaten. Und in dem Moment, in dem diese Person den Stein wirft und ein anderes Auto trifft, ist sie so begeistert, dass sie es wahrscheinlich wieder macht. Selbst wenn die Angst da ist, entdeckt zu werden.

Heißt das, die Person wird so lange weitermachen, bis sie gefasst ist?
REUTHER: Ja, die Person hat es auch schon mehrfach getan. Für eine Verhaltensänderung müsste es nun Gründe geben. Sie müsste sich etwa bewusst machen, dass sie eine schwere Straftat begeht - die Polizei ermittelt ja wegen versuchten Mords, was auch sehr hart bestraft wird. Meistens ist es jedoch kein Umdenken, sondern die Polizei, die eine solche Serie beendet.

Gibt es ein klassisches Täterprofil für solche Menschen?
REUTHER: Ein isolierter, zurückgezogener junger Mann trifft es wahrscheinlich am ehesten. Aber ein Profiling bringt nicht besonders viel. Diese Täter werden am ehesten durch normale kriminalpolizeiliche Arbeit gefasst und nicht dadurch, dass man im Voraus ein Profil von ihnen erstellt.

Gehen sie von einem Einzeltäter aus oder ist die Tat auch typisch für Gruppen?
REUTHER: Die Tat ist typisch für einen Einzelnen. Wobei natürlich nicht auszuschließen ist, dass sich eine enge Gruppe zu so etwas zusammenschließt und dann gemeinsam darüber freut, dass man in der Zeitung steht. Das müsste allerdings eine sehr zusammengeschweißte Gruppe sein. Normalerweise führt die Kommunikation untereinander eher dazu, dass man das massive Unrecht, das in so einer Tat steckt, erkennt und aufhört.

Dem Täter auf der Spur

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