Infoabend zu erwarteten Asylbewerbern

Skepsis, Besorgnis und Unsicherheit prägen die Stimmung in Oberstadion angesichts der Zuweisung von 38 Asylbewerbern. Der Bürgermeister appellierte beim Infoabend, diesen Menschen offen zu begegnen.

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  • Sehr viele Bürger haben sich am Mittwochabend in Oberstadion über die Asylbewerberaufnahme informiert. 1/2
    Sehr viele Bürger haben sich am Mittwochabend in Oberstadion über die Asylbewerberaufnahme informiert. Foto: 
  • Josef Barabeisch vom Landratsamt Alb-Donau-Kreis hat in Oberstadion die Not des Kreises erklärt, Wohnraum schnell beschaffen zu müssen. 2/2
    Josef Barabeisch vom Landratsamt Alb-Donau-Kreis hat in Oberstadion die Not des Kreises erklärt, Wohnraum schnell beschaffen zu müssen. Foto: 
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"Vor gut 2000 Jahren fand die Herbergssuche in Bethlehem statt, aktuell sind Menschen aus vielen Krisen- und Kriegsgebieten auf der Suche nach Sicherheit und Frieden und etliche von ihnen werden auch nach Oberstadion kommen - bitte nehmt sie freundlich auf, zeigt Mitgefühl und Nächstenliebe und helft nach Kräften mit, dass sie sich hier wohlfühlen können", appellierte Bürgermeister Klaus Schwenning zu Beginn der Bürgerversammlung in Sachen Asylbewerber am Mittwochabend. Wie berichtet, sollen im ehemaligen Gesundheitszentrum Schäfer voraussichtlich 38 Asylbewerber eine vorübergehende Bleibe finden. Aus welchen Ländern und wann diese Menschen in Oberstadion ankommen, ob es Einzelpersonen oder Familien sind, ist noch nicht bekannt. Etwa eine Woche vor der Zuteilung erfahre das Landratsamt davon und gebe die Infos an die betreffende Gemeinde weiter. "Wir wollen so bald als möglich auch die Nachbarn informieren, und sie sollen auch die Ansprechpartner bei unserer Behörde kennen lernen", sicherte Sozialdezernent Josef Barabeisch vom Landratsamt zu, der mit dem Fachbereichsleiter Erwin Bolach in Oberstadion vor Ort war.

Etwa 120 Besucher ließen sich im Bürgersaal darüber informieren, worauf sie sich einstellen müssen, wenn die Fremden kommen. "Sie brauchen nicht nur ein Dach über dem Kopf und Essen, sondern zunächst auch Unterstützung in vielen Dingen des alltäglichen Lebens; man muss ihnen zeigen, wie hier die Abläufe sind und wie alles funktioniert", sagte Barabeisch. Wenn sich Menschen aus Oberstadion bereitfinden würden, um mal einen Fahrdienst zum Arzt oder zur Behörde zu übernehmen und gegebenenfalls bei Hausaufgaben helfen, wäre schon viel geholfen. Sehr gut wäre es, wenn sich ein Freundes- oder Helferkreis etablieren könnte, der sich ehrenamtlich um die Zuzügler kümmern könnte. Ein Anfang ist hier schon gemacht, denn das örtliche DRK wird sich an der Betreuung beteiligen. Auch einige Bürger haben bereits ihre Mithilfe bekundet. Alsbald werden Deutschkurse starten, jeden Tag sei ein Sozialarbeiter vor Ort, allerdings nicht 24 Stunden, es gebe jedoch eine Notrufliste, und auch zur Polizei bestünden für den Fall des Falles gute Kontakte, sicherte Barabeisch auf geäußerte Bedenken hin zu.

Wie die Hilfe aussehen kann, erläuterten Peter Bausenhart vom Integrationsdienst Asyl und Dr. Ursula Helldorff vom Ehinger Freundeskreis für Migranten. 99 Prozent der Asylbewerber machen ihren Worten nach überhaupt keine Probleme und meistern rasch ihren Alltag eigenständig. Wichtig sei es, den Menschen offen zu begegnen, sie haben Schlimmes erlebt, sind häufig von ihren Familien getrennt und auch sie wissen nicht, was sie an ihrem neuen Wohnort erwartet. Auf beiden Seiten gebe es also Verunsicherung, gab Helldorff zu bedenken, denn wohl niemand verlasse seine Heimat freiwillig. Es sei auch nicht einfach, in einer völlig fremden Umgebung einen geregelten und sinnvollen Tagesablauf zu finden, zumal die Asylbewerber zunächst nicht arbeiten dürfen und somit viel freie Zeit haben.

In der Fragerunde kritisierte Bernhard Götz, dass erstens die Asylbewerber vorwiegend in Gemeinden am Rande des Kreisgebietes untergebracht würden und zweitens 38 Fremde auf einen Schlag für ein Dorf einfach zu viele seien. "Eine solche Anzahl lässt sich niemals integrieren, da gibt es Probleme bis hin zum Kindergarten und zur Schule", bekräftigte Thomas Ege. Götz zufolge sind die aktuell vorgeschriebenen fünf Quadratmeter je Person zu wenig; sogar Hunden werde mehr Raum zugebilligt. Ab 2016 seien es acht Quadratmeter, informierte Barabeisch. Spannungen seien bei einer so engen Belegung von wahrscheinlich verschiedenen Nationalitäten und Religionen vorprogrammiert. "Wenn Ehingen als Große Kreisstadt 126 Asylbewerber hat und davon alleine fast 30 in Dintenhofen leben, und wir in Oberstadion sollen 38 bekommen, so stimmt die Relation bei weitem nicht", legte Götz nach.

"Wir sind in großer Not", sagte Barabeisch zur angespannten Lage bei den zur Verfügung stehenden Räumlichkeiten. Alle Potenziale seien ausgeschöpft und der Kreis sei darauf angewiesen, Wohnraum anzumieten. Zumal der Flüchtlingsstrom anhalten werde. Weitere 570 Menschen müsse der Kreis heuer nach jetzigem Stand mindestens aufnehmen. Die geplante Unterkunft in Oberstadion sei in Ordnung, auch im Blick auf die Lage im Gewerbegebiet. Eine Änderung der Richtlinien mache dies bis 2019 möglich. Klaus Gairing hatte Bedenken geäußert, weil das Anwesen Schäfer im Gewerbegebiet liegt, mit viel Schwerlastverkehr und ohne Gehwege.

Carola Burkhart forderte das Landratsamt als direkte Nachbarin auf, in Oberstadion möglichst Familien mit Kindern einzuquartieren, denn zum Anwesen gehöre ein eingezäunter Garten, und das Gebäude in Obermarchtal direkt neben der B 311 vorzugsweise mit Einzelpersonen zu belegen. Nach zwei Stunden wurde die Versammlung mit Beifall beendet, kein ganz schlechtes Zeichen für die neue Herausforderung.

Mietobjekt droht Zwangsversteigerung

Nicht einfach Der Mietvertrag für das Objekt Schäfer sei verhandelt, aber noch nicht unterzeichnet, erklärte Sozialdezernent Josef Barabeisch auf Fragen aus dem Publikum. Gegenwärtig werde der Vertrag einer rechtlichen Prüfung unterzogen, weil die Konstellation nicht ganz einfach sei. Die fraglichen zwei Objekte des Anwesens sind vom Amtsgericht Ulm seit Ende Januar zur Zwangsversteigerung ausgeschrieben mit Termin Ende April bei einem Verkehrswert von rund einer halben Million Euro. Die Frage, ob der Mietvertrag mit dem jetzigen Eigentümer oder mit der Gläubigerbank geschlossen werden soll, beantwortete Barabeisch lediglich mit einem Hinweis auf die rechtliche Prüfung der Angelegenheit. Dem Resultat entsprechend werde das Landratsamt handeln. Das Ehepaar Schäfer Senior werde in der Immobilie wohnen bleiben, sollte diese vom Sohn als Eigentümer zur Belegung mit Asylbewerbern vermietet werden, sagte Barabeisch auf Anfrage. Auf Kritik, dass es für die Immobilie 2014 einen Kaufinteressenten gegeben habe, der jedoch kein Gewerbe hatte und somit das Anwesen im Gewerbegebiet nicht erwerben durfte, hieß es, dass eine bis 2019 befristete neue Regelung es möglich mache, dass dort nun Asylbewerber einziehen.

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