Im Alphabet ganz nach vorn

Im kommenden Jahr wird der Alb-Donau-Kreis 40 Jahre alt. Die Kreisgebietsreform im Land war aber vor allem für den Altkreis Ehingen eine schwere Geburt. Schließlich stand er vor der Auflösung.

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Was nur Wenige wissen: Quasi über Nacht ist der Name des heutigen Alb-Donau-Kreises entstanden und war dann mit seinem aus der Landschaft entnommenen Namen das Muster für weitere Landkreise in Baden-Württemberg wie Bodenseekreis, Neckar-Odenwald-Kreis, Ostalbkreis und andere mehr. Ventur Schöttle, damals Landtagsabgeordneter für die CDU, hatte nach einer Lösung im Streit um die Auflösung des Kreises Ehingen gesucht, mit der die Ehinger - und eigentlich er selber auch - so gar nicht einverstanden waren.

Am 10. Juli 1971 stand im Landtag die dritte, entscheidende Lesung zur Kreisgebietsreform an, die im Januar 1973 in Kraft trat, und Schöttle saß irgendwie zwischen allen Stühlen. "Ich wusste, dass mein eigener Wahlkreis Ehingen/Münsingen als einziger im ganzen Land komplett aufgelöst werden würde", sagt der heute 82-jährige ehemalige Staatssekretär. Bei den Diskussionen im Ehinger Kreistag hatte er aber auch gemerkt, dass die dortigen Vertreter, ebenso wie die Münsinger, das lange Zeit nicht wahrhaben wollten und meinten, das Blatt noch einmal wenden zu können.

Derweil trat der Biberacher Landrat in abwanderungswilligen Gemeinden um Munderkingen offen auf Werbeveranstaltungen für seinen Kreis auf, während der Ehinger Landrat Wilhelm Tauscher sich in den nach Schöttles Meinung entscheidenden vier Wochen Urlaub auf Mallorca gönnte. Tauscher hatte schon erklärt, in einem neuen Landkreis nicht mehr als Landrat kandidieren zu wollen.

Schöttles Versuche zuvor, Alternativmodelle für den neuen Kreis ins Gespräch zu bringen und zu entwickeln, etwa mit Münsingen, Ehingen, Ulm und Laupheim und dem Landratsamts-Sitz in Ehingen oder Blaubeuren, waren am Widerstand fast aller "grandios gescheitert".

So drohte mit "Landkreis Ulm" also für das katholisch geprägte, zum Teil Richtung Oberschwaben tendierende, ländliche Gebiet der Name der puritanisch protestantischen und dominanten freien Reichsstadt im Osten. Wenige Tage vor besagter Landtagssitzung "ist in der CDU-Fraktion die Diskussion aufgekommen, ob die Landkreise nicht landschaftsbezogene Namen bekommen können", sagt Schöttle. Der damalige Innenminister Walter Krause (SPD) signalisierte, dass er mit einem solchen "Kompromiss" leben könne.

"Ich hatte aber noch gar keinen Namen", sagt Schöttle. Lange habe er überlegt, bis er vor der Sitzung "über Nacht einen Antrag zusammengeschustert" habe. Der ist als "Drucksache 5060 Ziffer 1" im Landtagsprotokoll vom 10. Juli 1971 festgehalten und beinhaltet "nicht ,Landkreis Ulm, sondern ,Alb-Donau-Kreis zu beschließen". Von den überrumpelten Parlamentariern kam wenig Gegenwind, der Antrag wurde mit großer Mehrheit angenommen, erinnert sich der Politiker. "So kamen wir wenigstens im Alphabet der Landkreise ganz nach vorn", sagt Schöttle.

Übrigens ist er im Nachhinein vom Ergebnis der gegen seine Überzeugung beschlossenen Kreisgebietsreform begeistert: "Selten war eine Entscheidung so richtig wie diese." Allerdings hätten auch die Personen, "die mitgespielt haben, zusammengepasst", sagt er und meint damit zum einen die ersten Landräte des Alb-Donau-Kreises, Wilhelm Bühler und Wolfgang Schürle, die viel dafür getan hätten, dass das neue Gebilde zusammenwuchs. Aber auch den damaligen Ulmer Oberbürgermeister Hans Lorenser: Die Ulmer seien wegen der Abkehr von ihrem Namen zwar etwas eingeschnappt gewesen - Sätze wie "dann braucht ihr uns also gar nicht mehr" seien gefallen. Dennoch habe sich das Verhältnis immer mehr verbessert und der Alb-Donau-Kreis sei als gleichberechtigter Partner anerkannt worden.

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