Hilfe bei Sprachdefiziten für deutsche und ausländische Kinder

Lebt man in einem Land, dessen Sprache man nicht spricht, muss das sehr schwer sein - insbesondere für Kinder. Die Sprachförderung der Caritas widmet sich diesem Problem, doch es fehlt an Lehrkräften.

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Gabriele Abrahamczyk beim Sprachförderunterricht.  Foto: 

"Ich bin Gabi und ich mache so." Gabriele Abrahamczyk dreht sich einmal im Kreis und nickt dem Mädchen neben sich aufmunternd zu. Das überlegt kurz. "Sie ist Gabi und machet so", sagt sie, dreht sich ebenfalls im Kreis und lächelt breit. "Macht", korrigiert Abrahamczyk sie sanft.

Auf den ersten Blick wirkt die Szene an diesem Nachmittag in der Grund- und Werkrealschule Munderkingen wie eine gemeinsame Spielrunde: Abrahamczyk, die immer wieder neue Ideen für ein anderes Spiel hat und die fünf Kinder um sie herum, die begeistert auf jeden neuen Vorschlag reagieren. Doch tatsächlich erhalten die Erstklässler einen Sprachförderunterricht der Caritas Ulm, der ihr Deutsch verbessern soll.

"Je jünger die Kinder sind, desto leichter erwerben sie eine Sprache", erklärt Hansjörg Ludwig, Leiter der Familienhilfe und Sprachförderung bei der Ulmer Caritas. "Erst ab einem gewissen Alter müssen Kinder Sprachen tatsächlich aktiv lernen."

Den Sprachförderunterricht der Caritas im Alb-Donau-Kreis gibt es bereits seit mehr als 20 Jahren, inzwischen betreut sie 100 Gruppen im gesamten Raum. Eine Gruppe besteht aus drei bis sieben Kindern. "Die Betreuung ist dann intensiver", erklärt Ludwig. In drei bis vier Wochenstunden werden Schul- oder Kindergartenkinder durch geschulte Kräfte in ihrer Sprachentwicklung mithilfe des Denkendorfer Modells gefördert, das eine positive Beziehung zwischen der Lehrkraft und dem Kind voraussetzt.

Wenn die Kinder etwas falsch sagen, wiederholt Abrahamczyk den Satz oder das Wort lediglich, stößt die Kinder aber nicht mit dem Finger auf den Fehler. "Da ist Putzfrau", sagt eines der Kinder. "Ah ja, da ist die Putzfrau", wiederholt Abrahamczyk. Sagen die Kinder etwas richtig, gibt es viel Lob. "Das Erfolgserlebnis ist entscheidend für die Motivation", sagt Wolf. "Haben die Kinder Spaß an der Sprache, lernt sie sich fast von allein."

Die Sprachförderung ist sowohl für deutsche als auch für Kinder mit Migrationshintergrund gedacht. Es werden keine Unterschiede gemacht, dennoch entstehen andere sprachliche Herausforderungen. "Die Kinder, die wir in Munderkingen unterrichten, sind alle erst seit ein paar Monaten in Deutschland", berichtet Wolf. "Ihnen müssen wir zunächst einmal ein Grundverständnis der Sprache vermitteln." Bei Schulkindern sei das eine wesentlich heiklere Situation, da sie auch fachlich mitkommen müssen. Eine weitere Schwierigkeit sei der Erwerb falscher Sprachkenntnisse: "Sprachfehler zu beheben ist mühsamer und schwerer, als die Sprache an sich zu vermitteln", sagt Ludwig. Die Aufforderung mancher Politiker an ausländische Familien untereinander Deutsch zu reden, hält er daher für wenig sinnvoll.

Aus der Sicht der Sprachentwicklung sei es besser, wenn Eltern mit ihren Kindern in der eigenen Muttersprache reden, auch das helfe beim Erwerb einer weiteren Sprache. Außerdem sollten die Kinder viel mit deutschen Muttersprachlern zusammen sein, so würden sie automatisch ein korrektes Deutsch lernen.

"Stopp!", rufen die Kinder, als zwei richtige Karten aufgedeckt werden. Das letzte Spiel des Nachmittags: Memory. "Sehr gut!", lobt Abrahamczyk. "Und was hast du aufgedeckt?" - "Ein Ball", sagt ein Junge und deutet auf das passende Paar. "Zwei Ball" Abrahamczyk nickt zufrieden. "Genau, zwei Bälle." Abrahamczyk erzählt mit einem Lächeln: "Die Kinder sagen immer, sie freuen sich zu uns zu kommen, in der Schule müssten sie so viel lernen." Wolf ergänzt: "Sie erwerben die Sprache so spielerisch, dass sie es nicht als Lernen wahrnehmen."

Abrahamczyk hat selbst einmal als Lehrerin gearbeitet, seit 2010 unterrichtet sie in der Sprachförderung. Eine pädagogische Ausbildung ist von Vorteil, aber kein Muss. "Wir schulen die Leute natürlich entsprechend", sagt Ludwig. Nach einem fünftägigen Einführungskurs finden alle sechs Wochen Fortbildungen statt, in denen die Lehrkräfte ihre Fähigkeiten vertiefen. "An dieser Tätigkeit wird geschätzt, dass sie sehr sinnvoll ist."

Dennoch konnten zum ersten Mal seit der Gründung der Sprachförderung zwei Stellen an den Schulen in Munderkingen und Rottenacker nicht besetzt werden, ebenso an einem Kindergarten in Erbach. "Dabei haben wir dringenden Bedarf", betonen Ludwig und Wolf. Geeignet sei jeder, der Spaß an der Arbeit mit Kindern hat und zeitlich flexibel ist: Der Unterricht im Kindergarten findet vormittags statt, nachmittags erhalten die Schulkinder Nachhilfe.

Info Die Caritas Ulm sucht für Munderkingen, Rottenacker und Erbach nach Interessenten für eine Lehrtätigkeit in der Sprachförderung. Nähere Informationen gibt es bei Hansjörg Ludwig unter Telefon: (0731) 206336 und per Mail: ludwig@caritas-ulm.de

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