Heischebrauch des Latzmanns nur noch in wenigen Dörfern bekannt

Am Pfingstmontag geht in Oberschwaben der Latzmann um. Sein Gefolge ist streng hierarchisch gegliedert, Mädchen dürfen in Ausnahmefällen mit.

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Vorbereitungen in Volkersheim: Im Mittelpunkt steht der so genannte Latzmann, ein Jugendlicher, der in einem kegelförmigen Strohbüschel steckt.  Foto: 
Jeder männliche Volkersheimer hat schon einmal mitgemacht. Nicht jeder brachte es aber bis zum Latzmann. Doch als Bäumlesträger, Bettler oder Führer waren alle Männer aus dem Dorf bei Ehingen unterwegs. Am Pfingstmontag ist es wieder so weit: Der Latzmann geht mit Gefolge um.

Der Heischebrauch wird nur noch in wenigen Dörfern gepflegt, andernorts ist er weitgehend unbekannt. Im Mittelpunkt steht der so genannte Latzmann, ein Jugendlicher, der in einem kegelförmigen Strohbüschel steckt. In Volkersheim schlüpft diesmal Lukas Geisinger in die Rolle des Latzmanns. „Lukas war letztes Jahr Führer und geht jetzt unters Stroh“, erklärt Patrick Betz, dieses Jahr Führer. Am Pfingstmontag nach dem Gottesdienst schlüpft Lukas in ein Stroh Holzgestell, das mit Stroh umwickelt wird. Mit Kälberstricken binden seine drei Führer den Latzmann an sich. „Weil der sieht ja fast nichts“, sagt Patricks Vater Anton Betz, der selber auch schon einmal unterm Stroh ging.

Drei Stunden sind die Jugendlichen unterwegs. Ganz schön anstrengend für den Latzmann. Zwar schützt ein Schaumstoffpolster den Kopf, aber unterm Stroh wird es warm und schon manchem haben die Halme die Waden zerkratzt.

Im Gefolge des Latzmanns machen die Bäumlesträger mit ihren Schellen gehörig Krach. Die Jungs wedeln mit frisch geschlagenen Tannenbäumchen. Andere, die Soldaten, fuchteln mit Holzschwertern und hölzernen Schießgewehren. Dazu kommen der Schildlesträger und die Wägeleszieher. Den Wagen braucht der Latzmann für die erheischten Gaben. Dabei sind die Rollen ebenfalls klar verteilt, der Eierbettler sagt an den Haustüren genauso sein Sprüchle auf wie der Zuckerbettler und der Mehlbettler (siehe Infokasten). Mit den Zutaten sollen dann Berliner gebacken werden. Doch Patricks Mutter Karola Betz bereitet schon Küchle vor, während der Latzmann und seine Mannschaft noch unterwegs sind. „Die haben danach ja Hunger.“ Was mit dem ebenfalls erbettelten Geld passiert, ist Sache der Jugendlichen. Das werde „dem Dienstgrad entsprechend“ verteilt, heißt es in der Volkersheimer Ortschronik von Herbert Gebert.

Der Latzmann geht auch in Altbierlingen, Dächingen, Oberstadion, Unterstadion und Grundsheim um, wobei es örtliche Besonderheiten gibt. In Altbierlingen zum Beispiel wird der Latzmann auf einem Wagen gezogen. Dort gehören Figuren wie Hex’ und Teufel zu seinem Gefolge. Der Ansager und der Danksager tragen wie die Volkersheimer Soldaten schwarze Hose, weißes Hemd und Gürtel. Abgelegte Feuerwehrhelme erfreuen sich überall großer Beliebtheit. Wer sich im Heer des Latzmanns allerdings noch nicht zu Führungsaufgaben hochgedient hat, muss mit bunten Papphüten Vorlieb nehmen.

Woher der Brauch kommt, darüber bleiben die Chroniken im Ungefähren. Den Kindern gefällt am besten die Deutung, dass der Latzmann auf den 30-jährigen Krieg zurückzuführen ist. Jedenfalls dürfen sie am Pfingstmontag nach Herzenslust mit den Holzsäbel rasseln. Früher war der Latzmann eine Jungen-Domäne, „heute gehen auch Mädchen mit“, sagt Anton Betz, „weil wir immer weniger Jungs haben.“

Hurra Holla: Der Latzmann geht mit Sprüchen um

Eierbettler Bäure, Bäure d’ Eier raus, oder i lass dir da Marder ens Haus. D’r Marder isch a g’fährlichs Tier, drum gib die Eier lieber mir. Hurra Holla.

Zuckerbettler Bäure, Bäure en Zucker sott i hau, denn die Berliner sand gau brau, drum kait no a Zucker na, dass sich der Latzmann laba ka. Hurra Holla.

Mehlbettler Wenne mit d’r Katz end Mihle fahr, noch moss es Mehl aufm Buckel tra, i be an armer Bettelbua, drum gammer au a Mehl, dann lass i ui en Ruh. Hurra Holla.

Führer Ich bin des Latzmanns Adjutant, sein treuester Führer auch genannt. Höchster General, Kriegsminister, Feldmarschall. Seht nur des Latzmanns Macht, wir waren schon in mancher Schlacht. Den Russen, Türken und Franzosen, verklopfen wir alle Zeit die Hosen. Und in dem letzten großen Krieg, erfochten wir den ersten Sieg. Drum freuet euch aufs Beste, wir feiern heut Kinderfeste, bringen frohen Dank euch dar und kommen wieder ’s nächste Jahr. Hurra Holla.

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