Freispruch vom Vorwurf des versuchten Totschlags

Ein 28-jähriger Ehinger ist am Mittwoch vom Vorwurf des versuchten Totschlags freigesprochen worden. Ein 21-jähriger Ehinger und ein gleichaltriger Kumpel wurden hingegen nach Jugendstrafrecht verurteilt.

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Die Freude und Erleichterung waren dem 28-jährigen Ehinger, seiner Familie und den Freunden deutlich anzumerken. Er wurde am Mittwoch von der 6. Großen Jugendkammer des Ulmer Landgerichts vom Vorwurf des versuchten Totschlags freigesprochen. Bereits im Gerichtssaal hatte es bei der Urteilsverkündung durch den Vorsitzenden Richter Gerd Gugenhan leise wahrnehmbare Freudenausbrüche gegeben. Vor dem Saal nun brach sich die Erleichterung ihre Bahn. Es wurde sich umarmt und gelacht.

Für den 28-Jährigen gehen damit auch drei Jahre der Ungewissheit zu Ende. Ihm war vorgeworfen worden, einem in mehreren Fällen wegen Körperverletzung ebenfalls angeklagten 21-jährigen Ehinger im August 2011 mit einem kaputten Weizenbierglas Schnitte an Kehlkopf, Kinn und Arm mutwillig zugefügt zu haben. Die Kammer aber sah es als erwiesen an, dass er in Notwehr handelte, nachdem er in jener Nacht nach dem Schlecker-Cup in Ehingen auf einer wahren Verfolgungsjagd bereits zweimal zu Boden gegangen und mehrfach geschlagen und getreten worden war. "Er versuchte sich weiteren Schlägen zu entziehen", sagte Gugenhan. Wie er weiter begründete, seien der 21-jährige Ehinger und sein 21-jähriger Begleiter, der noch in einem weiteren Fall angeklagt war, die Aggressoren gewesen. Sie wurden wegen gemeinschaftlich begangener gefährlicher Körperverletzung nach Jugendstrafrecht verurteilt.

Auch wenn die Frage, wer die folgenschwere Auseinandersetzung angezettelt hat, nicht vollends geklärt werden konnte, waren sich die Richter doch einig, dass die beiden 21-Jährigen auf den 28-Jährigen und dessen Freundin zielstrebig zugegangen seien, "um zu provozieren". Diese Ableitung trafen sie auch aufgrund von Zeugenaussagen aus den anderen verhandelten Fällen. "Pöbeln bis zur Eskalation", das sei das Motto gewesen - insbesondere des 21-jährigen Ehingers.

Bei ihm erkannte Gugenhan eine besondere Schwere in den insgesamt sechs Taten, die ihm drei Verurteilungen wegen gefährlicher und fünf wegen vorsätzlicher Körperverletzung einbrachten. Außer dem Vorfall beim Schlecker-Cup werteten die Richter einen Vorfall in Munderkingen als besonders schwer.

Hier hatte der 21-Jährige, obwohl nicht eingeladen, auf einer Geburtstagsparty für Stunk gesorgt. Doch auch als die Feier nicht zuletzt aufgrund seines Verhaltens abgebrochen wurde, setzte er die Provokationen auf dem Heimweg fort. Am Ende versetzte er dem Bruder des Veranstalters derartige Schläge, dass dieser mit einer gebrochenen Nase sowie einem doppelten Kieferbruch in einen Zaun flog. Richter Gugenhan sprach von einer "nachhaltigen Tat", die das Opfer bis heute physisch und psychisch belaste. Die Schilderungen des Opfers werteten die Richter als äußerst glaubhaft - "beinahe wie in einem Film mitzuerleben".

Bei dem 21-Jährigen sei auch in den anderen Taten "beinahe ein Schema F", eine "schädliche Neigung", zu erkennen gewesen, sagte Gugenhan: Alkohol trinken, provozieren, schlagen. Sechs Fälle in sechs Monaten. Der Ehinger sammelte Anklagen, ohne dass "eine Reaktion erkennbar gewesen ist" - selbst dann nicht, als er selber schwer verletzt wurde.

Deshalb wurde er zu einem Jahr und neun Monaten Jugendstrafe verurteilt. Die Anklage hatte zwei Jahre gefordert. Die Strafe wurde zur Bewährung (drei Jahre Frist) ausgesetzt: "Wir wagen das", sagte der Vorsitzende. Die Bewährung sieht für den "trainierten Trinker", wie er den 21-Jährigen nannte, unter anderem die Teilnahme an einer Suchtberatung und einem Anti-Aggressions-Training vor. "Sie haben mehrere Probleme", sagte Gugenhan an den 21-Jährigen gerichtet. Ihm wird für drei Jahre ein Bewährungshelfer zur Seite gestellt. "Eine Bewährung ist kein Freispruch. Verwechseln Sie das nicht. Sie sind ihres Glückes Schmied", sagte Richter Gugenhan, der in seiner Begründung eindringlich an das Gewissen des 21-jährigen Ehingers appellierte.

Der andere 21-Jährige wurde außer wegen des Falls beim Schlecker-Cup noch für einen Vorfall in Ulm wegen Körperverletzung und Beleidigung zu 1500 Euro Geldstrafe verurteilt. Er solle das als "Fingerzeig" verstehen, mahnte Gugenhan. Gegen die Urteile kann binnen einer Woche Revision eingelegt werden.

Hatten die beiden Verurteilten den Ausführungen Gugenhans drinnen scheinbar unbeteiligt zugehört, feixten sie nachher draußen vorm Landgericht wieder mit zwei Freunden. Die Verhandlung, der Zeigefinger, das Gewissen, sie waren da ja aber auch schon wieder 100 Meter entfernt. Oder wie Gugenhan sagte: Jeder ist seines Glückes Schmied.

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