Fantastischer Klang im Klosterhof

Das größte historische Geläut im Land befindet sich in den Türmen des Münsters in Obermarchtal. Jetzt wurden die Klänge der 13 Glocken für das Glockenarchiv aufgenommen.

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  • Im Klosterhof in Obermarchtal hilft Florian Wittekind seinem Vater Johannes bei der Aufnahme der Glocken für die Glockendatenbank. 1/2
    Im Klosterhof in Obermarchtal hilft Florian Wittekind seinem Vater Johannes bei der Aufnahme der Glocken für die Glockendatenbank. Foto: 
  • Johannes Wittekind mit der Glocke Hosanna im Südturm. 2/2
    Johannes Wittekind mit der Glocke Hosanna im Südturm. Foto: 
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Der Klosterhof hat eine phantastische Akustik. Ich bin fasziniert“, sagt Johannes Wittekind in Obermarchtal. „Selbst wenn man ganz leise spricht, ist die Stimme im ganzen Hofraum zu hören“. Der aus Heidelberg angereiste Glockeninspektor des Erzbistums Freiburg war am Freitagabend da: im Auftrag der Diözese Rottenburg- Stuttgart und in Absprache mit Professor Hans Schnieders.

Der Fachmann kam mit seinem Sohn Florian und seinem Mitarbeiter Jonas Kastl nach Ober­marchtal, um auch hier, wie in Zwiefalten und der kleinen Dorfkirche Haisterkirch bei Bad Waldsee, ein Klangbild des Geläuts zu erarbeiten. Das Obermarchtaler Münster mit seinen 13 Glocken ist demnach das größte historische Geläut in Baden-Württemberg, das nicht Opfer der „Metallspende des Deutschen Volkes“ im Zweiten Weltkrieg wurde. Das Geläut, das zwischen 1683 und 1770 errichtet wurde, gehört auch zu den schönsten in Süddeutschland und genießt, wie die Holzhey-Orgel im Münster, in Fachkreisen hohe Anerkennung.

Wie der Glockenatlas belegt, stammen zwei der 13 Glocken aus dem 14. und 15. Jahrhundert. Das Evangelistenglöckle mit einem Durchmesser von 50,5 Zentimetern entstand um 1350 wohl in der Biberacher Gusshütte, in der Jakob Vollmer 1491 die 1300 Kilogramm schwere „zweite Marienglocke“ goss, die „Lieblingsglocke des Klosters“, wie der frühere Bürgermeister Hermann Branz weiß.

„Man muss sich vorstellen, dass diese über 500 Jahre Glocke heute noch so gut klingt wie damals“, betont Wittekind, der sich als Architekt mit Schwerpunkt Kirchenbau und Pianist zum Glockenfachmann weitergebildet hat. So kann er bei seiner heutigen Tätigkeit auch die Schwingungen des Turms, die von den unterschiedlich großen Glocken ausgelöst werden, mit einbeziehen. Am Freitag hatte Mesnerin Ingrid Rieger für ihn und sein Team die Türen der Kirche, der Türme, zum Schaltraum und zum Innenhof offen gehalten. Um 18 Uhr begannen die Tonaufnahmen des ältesten Glöckle, ihm folgten Aufnahmen der acht Glocken, die von den wandernden Handwerkern, den Gebrüdern Claudius Joannes, Jonas und Nicolaus Rosier 1663 und 1688 gegossen wurden. Sie waren wohl gerade in der Region, als in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhundert die alte Stiftskirche der Prämonstratenser einem imposanten Neubau mit zwei Türmen und einem als „Thronsaal Gottes“ gestalteten Kirchraum“ nach zwölf Jahren Planung Platz machen musste.

Zwei Glocken hatten sie schon 1663 gegossen, die 440 Kilogramm schwere Mariaglocke und die 160 Kilogramm schwere Johannesglocke. 700 Gulden stellten sie dem Stift 1688 in Rechnung für die größte, zehn Zentner schwere „Hosanna“-Glocke, die 1700 Kilogramm schwere „Gloriosa“, die Apostelglocke (440 kg), die Josephsglocke (320 kg), die Tiberius (220 kg), die Norbertus-Glocke und das „Zweite Wetterglöckle“ mit 44 kg. Hinzu kam 1750 noch die erste Wetterglocke von der Gießerei Claudius Arnoldt und 1989 die 125 Kilogramm schwere Heiligenglocke aus der Gießerei Alfred Bachert, Heilbronn.

„Vor 200 Jahren, als die Melodien eingeführt wurden, waren die Glocken im Dreiklang“, erklärt der Experte. Seither ist ihr Klangbild melodiös, es wird auf den Anlass abgestimmt, und inzwischen wird es auch elektronisch gesteuert. So werden am Schaltkasten die Melodien nach einem Läutplan gestartet. Bei fröhlichen Festtagen oder den christlichen Hochfesten wie Ostern, Weihnachten oder Fronleichnam erklingen sie in C-Dur-Akkorden, und am Karfreitag oder bei einem Requiem in s-Moll.

Die jetzt professionell von Wittekind aufgenommenen Klänge der Glocken von den beiden Türmen der Kirche St. Peter und Paul können in Glockenmuseen später individuell vom Besucher zu einem Klangbild gemischt werden, erklärte Wittekind. In dem wegen der Ferienzeit ruhigen Innenhof des Klosters waren die besten Voraussetzungen für die Aufnahmen gegeben.

Wer die Glocken und das Geläut des Münsters zuhause anhören will, dazu gibt es im Internet bei Youtube bereits ein Video, bei dem auch eine Liste der Töne der 13 Glocken steht. „Das ist natürlich in einer anderen Klangqualität als unserer“, wie der Heidelberger Fachmann weiß.

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