Exkursion auf den Spuren der Prämonstratenser von Marchtal

Professor Wolfgang Urban hat Interessierte bei einer Exkursion Juwelen der Marchtaler Klostergeschichte gezeigt. Nur über Orgeln wollte er nicht sprechen.

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    In der St. Georg-Kapelle in Datthausen hat Wolfgang Urban... Foto: 
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    ... Maria als Schmerzensmutter von Christian gezeigt. Foto: 
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    In Uttenweiler konnten die Besucher eine reich verzierte Kanzel betrachten. Foto: 
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    Gregor Simon hat die Orgel in Uttenweiler gespielt. Foto: 
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Mit Orgeln hat sich der Experte für Kirchen und Kunstgeschichte noch nicht befasst. „Deswegen rede ich heute über alles, aber nicht über Orgeln“, ließ Prof. Wolfgang Urban aus Rottenburg die Gruppe wissen, die auf Einladung des Fördervereins für Kirchenmusik und Klosterkultur Obermarchtal mit ihm zur Exkursion im Herrschaftsgebiet des Prämonstratenser-Chorherren-Reichstifts Marchtal im 18. Jahrhundert aufbrach.

Der Vorsitzende, Dr. Bernhard Saup, hatte 47 Teilnehmer der Bus-Tour zu weniger bekannten Kleinodien begrüßt, bei der sich erst zur Mittagszeit die Sonne durch die Wolken schob. Bis  dahin hatte der Fachmann  für Kirchen- und Kunstgeschichte Urban mit seinem Ausführungen über die „Weltkulturerbe-würdigen“ Kunstschätze in Oberschwaben schon die Gemüter erhellt und den Lokalpatriotismus geweckt: Eine solche Vielfalt an Kunst von hervorragender Qualität finde man weder in Venedig noch in Bordeaux, und auch nicht sonst in der Welt, schwärmte der Mathematiker und Philosoph. Der 69-jährige Diakon, pensionierte Diözesankonservator im Ruhestand und Autor brachte so auch Bürgermeister Anton Buck und dessen Vorgänger Hermann Branz „aus der kleinen Residenzstadt des Hochadels und des Klosters Marchtal, das erst seit der Säkularisation Ober­marchtal heißt“, zum Strahlen, ebenso Bürgermeisterin Romy Wurm aus Rechtenstein.­

Dann schob der Wissenschaftler während der Fahrt gleich die Geschichte der Ahalolfinger hinterher, die schon vor 776 in Marchtal residierten, das Petrus-Kloster stifteten und es der Abtei St. Gallen übergaben. Nach mehrfachem Wechsel der Besitzer sei das inzwischen Peter und Paul gewidmete Kloster 1171 an die Prämonstratenser übergeben worden. „Weil die Prämonstratenser Chorherren im weißen (Tauf-)Gewand Seelsorger“ seien, hätten sie in den Dörfern Gotteshäuser und Pfarrhäuser gebraucht, von denen einige nun besichtigt werden sollten, wie Urban vor dem stattlichen Pfarrhaus in Unterwachingen sagte.

Er zeigte auf das Wappen des Abtes Edmund II. Sartor unter dem Fachwerk: Dass dieser Schneidersohn aus Munderkingen war, werde mit einer Kleiderpuppe im Wappen symbolisiert. Nebenbei erfuhren die Zuhörer, dass Sartor, obwohl Munderkinger, „nichts von der Fasnet gehalten hat, die doch zum Kirchenjahr gehört“. Dann betonte der Historiker, dass es Edmund II. war, der im 18. Jahrhundert die dritte große Bauphase der Prämonstratenser nach dem Dreißigjährigen Krieg eröffnet und dafür die besten Künstler und Handwerker eingesetzt hat, die auch in Marchtal oder bei den Benediktinern in Zwiefalten Hervorragendes geschaffen haben, an dem sich  noch heute Menschen erfreuen.

Die Gruppe erfuhr in der Unterwachinger Pfarrkirche auch, dass der dortige Mesner auch nach einem Ausflug zur weltweit als schönste Dorfkirche geltenden Kirche in Steinhausen über die eigene gesagt habe: „Für mich ist es die schönste Dorfkirche der Welt“. Zudem beleuchtete Urban das Leben der Märtyrer Cosmas und Damian, die Zwillingsbrüder und Schutzpatrone der vom 1754 bis 1756 gestalteten Kirche des Baumeisters Johann Caspar Bagnato. Sie wurde mit Meisterwerken aus der Werkstatt von Johann Joseph Christian aus Riedlingen geschmückt, und vom Riedlinger Maler und Bürgermeister Joseph Ignaz Wegscheider und dessen Sohn Tiberius sowie den Stuckateuren Giuseppe und Frabcesco Pozzi mit Fresken und Stuck. Zeitgleich waren diese übrigens auch in der Kapelle St. Georg in Dietershausen tätig - der letzten Station der Exkursion im Bereich der Prämonstratenser zwischen Marchtal und dem Federsee.

Der Diplom-A-Kirchenmusiker Gregor Simon gab der Fahrt in Unterwachingen und Uttenweiler mit Werken von Johann Sebastian Bach, Wolfgang Amadeus Mozart und Felix Mendelssohn Bartholdy den musikalischen Rahmen. Dafür sprach Urban ihm Dank aus und erinnerte an den Komponisten und und Prämonstratenser Isfrid Kayser, der die Texte seines Mitbruders Sebastian Sailer vertont hat, und fügte an: „Alles zusammen ist ein Gotteslob geworden.“

Zwischen dem „unterhaltenden „Geschichtsunterricht“ baute Urban auch Nachdenkliches ein. Über den Glauben, die Reformation und  Martin Luther. „Der Glaube ist der Anfang aller guten Werke“, hatte Luther gesagt, und Urban meinte, wer sich mit der Vergangenheit beschäftige, der habe Muße die Dinge und sich von außen zu betrachten und nachzudenken wie er sich, unabhängig davon ob er Gläubiger sei oder nicht, „reformieren“ kann.

Berühmte Madonna

Zeit zum Nachdenken war bei der Exkursion keine, es galt zuzuhören was Urban in der schon 1720 erbauten, neuen Kapelle Sankt Georg in Datthausen über die Meisterwerke zu erzählen wusste. Etwa über die von Christian gestaltete Datthausener schmerzhafte Maria: „Ich habe Hochachtung vor jedem Künstler, der totes Material wie Stein oder Holz zum Leben erwecken kann.“ Auch der Heilige Joseph fand Beachtung, und das Hochaltarbild mit den 14 Nothelfern, zu denen die umliegenden Bauern ihre Zuflucht suchten. Im 12. und 13. Jahrhundert gab es ein anhaltenden Streit zwischen dem Prämonstratenserkloster und den Herren von Emerkingen um das Patronatsrecht, in dem die Marchtaler schließlich siegten.

1756 begannen diese in Seekirch damit, die Maria Himmelfahrt-Kirche durch einen Neubau zu ersetzen. Auch hier seien  namhafte Künstler im Einsatz gewesen, wie die Wessobrunner Stuckateure Johann Georg Üblhör und Franz Xaver Schmuzer, Franz Martin Kuen aus Weißenhorn, Franz Sigrist, Joseph Anton Mesmer aus Saulgau und der Ehinger Johann Martin Weller. Sie haben auch „Szenen aus dem Alltagsleben“ der Maria mit Stuck einen besonderen Rahmen gegeben – vom Wochenbett bis zur Aufnahme in den Himmel. Aus der Vorgängerkirche stammt die Pieta aus dem 15. Jahrhundert.

Fast ein Heimspiel hatte Urban in Uttenweiler. In seinen ersten Dienstjahren bei der Diözese Rottenburg-Stuttgart sei er dorthin entsandt worden, weil das Grab der Seligen Uta geöffnet worden war ohne das Landesdenkmalamt Tübingen zu informieren. Es habe sich bald regeln lassen, doch auf einige Fragen habe er bis heute keine Erklärung: Warum aus Uttenweiler keine Stadt wurde. Wo es doch schon  im 13. Jahrhundert einen Schultheiß gab, Wochen- und Jahrmärkte gestattet waren und  die Gerichtsbarkeit gegeben war. Ungeklärt sei auch, weshalb die St. Simon und Judas Kirche Doppeltürme hat, die sonst nur an Bischofssitzen genehmigt sind, und weshalb die Augustiner, die sonst als Bettelprediger in der Stadt lebten, sich in den kleinen Ort niederließen.

Sicher sei jedoch, dass die ehemalige spätgotische Klosterkirche mit den beiden weithin sichtbaren Türmen auch nach der Barockisierung durch die neuen Besitzer, die Chorherren aus Marchtal, innen ihren Charme erhalten hat. Ein Blickfang ist die barocke Kanzel von 1730 in dem mit viel Stuck und Fresken ausgestatteten Kirchenraum.

Nach so viel Kunst und Geschichte ging es zurück nach Obermarchtal. Unterwegs hatten alle viel Neues zu der langen Geschichte des Klosters erfahren, wie Dr. Saup sagte, und auch Busfahrer Roman Seiz aus Emerkingen ging zufrieden heim, Urban hatte dem Bürger des einstigen Filialortes der Pfarrgemeinde von Unterwachingen gesagt, dass Emerkingen „das schönste Dorf auf der Welt“ ist.

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