Eine Vision wird Wirklichkeit

Zehn Jahre lang hat Georg Hiller vom Vorstand der Stiftung Urgeschichtliches Museum dafür gekämpft, dass die älteste Kunst der Menschheit ins Blaubeurer Spital kommt. Seine Vision ist Wirklichkeit geworden.

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Manchmal war es nicht leicht, Türen für die Erweiterung und Neugestaltung des Urgeschichtlichen Museums zu öffnen. Georg Hiller in der niedrigen Tür der historischen Pfründnerstube des Blaubeurer Spitals. Foto: Volkmar Könneke

Aus dem alten Spital ist ein modernes Museum geworden, das einige der ältesten Kunstwerke der Menschheit zeigt. Ein erhebendes Gefühl?

HILLER: Erhebend ist der falsche Begriff. Ich würde einfach sagen: Erleichterung, dass das komplexe Werk gelungen ist. Und Freude darüber, dass wir dort hingekommen sind, was wir uns vor zehn Jahren in einer Vision vorgestellt haben.

Sie haben lange gekämpft, wo lagen die größten Widerstände?

HILLER: Man kann nicht direkt von Widerständen reden. Dass es bei der Ausstellung weltbekannter Kunst unterschiedliche Interessen im Land gibt, ist klar. In den Verhandlungen dorthin zu kommen, dass trotzdem eine Entscheidung zugunsten unserer Einrichtung gefallen ist, das war das Schwierigste. Im übrigen habe ich nicht alleine gekämpft. Viele haben an einem Strang gezogen.

Wer hat Sie am meisten unterstützt?

HILLER: Das ist ganz arg schwierig, da Einzelne herauszugreifen. Von der Universität Tübingen, dem Archäologischen Landesmuseum und dem Wissenschaftsministerium haben wir sehr große Unterstützung gehabt. Ohne die Uni und ohne das enorme Engagement der Stadt mit Bürgermeister Jörg Seibold an der Spitze gäbe es kein Museum. Auch die Entscheidung des Kreistags, uns zu unterstützen, war eine Schlüsselentscheidung. Und ohne eine Museums-Kustodin wie Dr. Stefanie Kölbl wäre das alles nicht möglich. Sie hat eine große Begabung, Ideen zu entwickeln, Wissenschaft verständlich zu machen und viele Dinge sinnvoll zu organisieren. Sie praktiziert echtes Teamwork mit einem super Museumsteam. Außerdem sind 1,1 Millionen Euro von Spendern und Sponsoren geflossen. Das war ein enormer Rückhalt.

Worin liegt für Sie der größte Vorteil im Konzept des Landesregierung, bedeutende Kunst nicht an einem, sondern an verschiedenen Orten im Land zu zeigen?

HILLER: Ich gehe selber an viele kulturelle Plätze in Europa und empfinde es immer als Mangel, wenn ich bei archäologischen Funden die Landschaft nicht miterleben kann. Besser ist es, wenn ich sehe und spüre: Da war das geschichtliche Ereignis. Ich nenne ein Beispiel: In Frankreich ist ein Gebiet ähnlich bedeutend wie unsere Region für die Urgeschichte: Im Dordogne-Tal gibt es die kleine Stadt Les Eyzies. Sie können dort an Höhlenplätze gehen und drei Kilometer weiter sind zwei Museen, wo man Funde aus den Höhlen direkt sehen kann. Das ist ein völlig anderes Erlebnis, als in einem Museum ohne den Kontext. Wir können hier beides bieten. Weltberühmte archäologische Fundplätze und eine nahe Präsentation. Das bringt Blaubeuren und der Region weitere Gäste.

Welches der jetzt in Blaubeuren ausgestellten Exponate ist Ihr Lieblingsstück?

HILLER: Ich finde es natürlich toll, dass die Venus hier ist, und sie ist ja auch unser Star-Stück, um das sich die ganze Werbung dreht. Aber für mich persönlich noch faszinierender ist die Elfenbeinflöte aus dem Geißenklösterle. Wenn man sieht, was da an handwerklicher und künstlerischer Leistung drin steckt, dann kann man nur fasziniert sein. Dass jemand vor 35 000 Jahren hergeht und aus einem Mammut-Stoßzahn in mühseliger Arbeit so ein Instrument rausschält, dies dann in der Mitte teilt, innen so aushöhlt, dass die Stücke wieder zusammenkommen, die Löcher richtig setzt und dann Klänge entstehen, die Melodien hergeben, das ist schon was Faszinierendes.

Wie lange bleiben Venus, Elfenbeinflöte und Co. in Blaubeuren?

HILLER: Es ist so, dass die Eiszeitkunst-Originale im Eigentum des Landes sind. Das Land macht Verleihungen im Fünf-Jahres-Rhythmus. Dann wird wieder darüber gesprochen. Das heißt nicht, dass die Venus in fünf Jahren wegkommt. Das Land hat sich ja zu einem dezentralen Konzept der Präsentation der Eiszeitkunst bekannt, uns bei den Investitionen stark unterstützt - auch im Bewusstsein, welche Originale wir hier ausstellen.

Weshalb darf man, auch speziell als Blaubeurer, die neue Ausstellung auf keinen Fall verpassen?

HILLER: Als erstes denke ich, dass das Thema Urgeschichte jeden packt, wenn er beginnt, sich damit zu befassen. In der Urgeschichte stecken all die Fragen drin, die uns Menschen immer beschäftigen. Wo kommen wir her? Wie ist das geworden, was wir heute sind? Die Urgeschichte gibt spannende Antworten auf solche Fragen. Zum zweiten: Wenn man im ländlichen Raum Kunst zu sehen bekommt, die Weltbedeutung hat, kann man nicht daran vorbeigehen, selbst wenn man kein Urgeschichts-Freak wird.

Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit dem Archäopark Niederstotzingen?

HILLER: Wir haben Verbindung seit vielen Jahren. Wir wollen verstärkt zusammenarbeiten. Ein Instrument ist die neu gebildete Arbeitsgemeinschaft Weltkultursprung. Da werden Niederstotzingen und Blaubeuren ein zentraler Teil sein, zusätzlich das Ulmer Museum. Wir haben mit Niederstotzingen jetzt schon die Regelung getroffen, dass derjenige, der dort eine Eintrittskarte kauft, bei uns eine Ermäßigung bekommt - und umgekehrt. Es wird in der Zukunft gemeinsame Werbemittel geben.

Also kein Konkurrenzdenken, obwohl der Archäopark in der ersten Saison schon 30 000 Besucher zählte?

HILLER: Wenn man auf Landes- oder Bundesebene Aufmerksamkeit erreichen will, ist es wichtig, dass Menschen in Hamburg oder Dresden wahrnehmen, dass es nicht nur ein einzelnes Museum, sondern eine ganze Landschaft gibt, wo sie die unterschiedlichsten Möglichkeiten haben, zu einem spannenden Thema einen Zugang zu bekommen. Im Archäopark kann man im Freien viel machen, in Ulm steht der Löwenmensch im Fokus als eines der ältesten Kunstwerke der Erde, in Blaubeuren hat man den ganzen Bogen der Urgeschichte von der Forschung bis hin zum ältesten Menschenbild, der Venus. Der Gast wird mit dieser Vielfalt eher motiviert, hierher zu fahren.

Welche Besucherzahlen erwarten Sie?

HILLER: Wir sind vorsichtige Leute. Ich will jetzt keine Zahl in den Raum stellen, aber wir sind absolut sicher, dass die Besucherzahl kräftig nach oben gehen wird. Unser normales Level liegt bisher zwischen 15 000 und 18 000 Besuchern pro Jahr.

Worin sehen Sie die größten Herausforderungen fürs Museum in den nächsten Jahren?

HILLER: Die größte Herausforderung ist, dass ein Museum nie stillsteht. Wir werden Anstrengungen unternehmen müssen, Sonderausstellungen zu kreieren oder das museumspädagogische Programm ständig weiterzuentwickeln. Und wir werden noch mehr Marketing machen müssen.

Zur Person vom 16. Mai 2014

Georg Hiller war von 1978 bis 2002 Bürgermeister in Blaubeuren. Der 68-Jährige ist Vorsitzender der Blaubeurer Gesellschaft für Urgeschichte (GfU) und Geschäftsführendes Vorstandsmitglied der für den Museumsbetrieb verantwortlichen Stiftung Urgeschichtliches Museum & Galerie 40tausend Jahre Kunst. In der 2014 gegründeten "Arbeitsgemeinschaft Eiszeitkunst" zur Vermarktung der Dachmarke "Weltkultursprung" ist er Geschäftsführer.

SWP

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