Einblick in die rechte Rockerszene

Thomas Kuban hat sich ins Neonazi-Milieu gewagt und heimlich Rockkonzerte gefilmt. Gestern haben Schüler aus Ehingen den Film angeschaut und mit dem Produzenten Peter Ohlendorf gesprochen.

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Filmproduzent Peter Ohlendorf und Lehrer Erich Pöschl (von links) unterhalten sich nach dem Film mit Schülern des Johann-Vanotti-Gymnasiums. Foto: Stefan Bentele

"Angst", sagt Thomas Kuban zu Beginn seines Films, verspüre er. Deshalb ist sein Name nur ein Pseudonym. Mehrmals sind in der verwackelten Aufzeichnung die schwarzen Springerstiefel zu sehen, die der Journalist auf dem Weg zu seinem ersten Neonazi-Rockkonzert trägt, irgendwo in einem Dorf in Deutschland. Unter seiner Bomberjacke läuft ein Festplattenrekorder und zeichnet den Ton auf. Eine versteckte Videokamera liefert Bilder. 40 Mal hat er in den vergangenen Jahren heimlich Neonazi-Konzerte gefilmt. Fliegt seine Tarnung auf, ist Kubans Leben in Gefahr.

Schüler und Lehrer der Jahrgangsstufen 9 bis 12 des Johann-Vanotti-Gymnasiums haben gestern Kubans Film "Blut muss fließen" angeschaut und sich anschließend mit Produzent Peter Ohlendorf ausgetauscht. "Wieso unternimmt die Polizei nichts gegen die Szene", lautete etwa eine Frage. Für Ohlendorf ebenso unverständlich wie für die Schüler. Aber die Politik widme sich seit Jahren vor allem zwei Themen: der Terrorgefahr von radikal-fundamentalen Islamisten und der vermeintlichen Gefahr des Linksextremismus. Rechtsextremismus dagegen sei fast kein Thema. Erst seit der Aufdeckung der Morde des Nationalsozialistischen Untergrundes, kurz NSU, hat sich das geändert. "Fragt sich nur, wie lange es anhält", sagt Ohlendorf.

Dabei bescheinigt der Film den Neonazi-Rockern eine große und treue Anhängerschar. Auf Konzerten grölen Musikband und Publikum gemeinsam Lieder mit rechtsradikalen, hetzerischen und zur Gewalt aufrufenden Inhalten - seit Jahren. Szenen, die jeden Polizisten und jeden Verfassungsschützer aufhorchen lassen und zum Eingreifen bewegen sollten. So werden Konzertbesucher gezeigt, die den rechten Arm zum Hitler-Gruß emporstrecken. Sieg-Heil-Rufe sind zu hören. Die Kamera filmt glatt rasierte Köpfe der Skinheads, in ihre Oberkörper sind rechtsextreme Codes tätowiert. "88" etwa steht für "Heil Hitler." Dazwischen tanzen Jugendliche, dem Aussehen nach aus dem bürgerlichen Milieu. "Mit Rechtsrock die Jungen ködern." Der Brite Ian Stuart Donaldson, selbst Sänger einer rechten Rockband, hat diesen Satz vor Jahrzehnten geprägt. Seitdem hat sich die Szene etabliert: in England, Frankreich, in ganz Europa, auch in Deutschland.

"Wie kam die Finanzierung zustande", war eine andere Frage an Ohlendorf. "Da sind wir regelrecht abgeblitzt", sagt der Produzent. Unterstützer durch öffentlich-rechtliche Sender oder Stiftungen konnten die Filmemacher bislang nicht finden. Auch nicht, nachdem der Film im vergangenen Jahr auf der 62. Berlinale lief. Seit einem Jahr tourt Ohlendorf deshalb mit dem Film durch Deutschland, besucht Schulen, sammelt Spenden. Die 200 000 Euro Produktionskosten aber konnten so noch nicht refinanziert werden.

"Wie kann man dagegen vorgehen? Was kann man tun", war von mehreren Schülern zu hören. "Im Kleinen beginnt die Reise", antwortete Ohlendorf. Etwa dann, wenn Mitmenschen über Ausländer oder Andersdenkende mit rechtsgerichteten Sprüchen herziehen. "Da zeigt man einfach Flagge", sagt Ohlendorf. Zivilcourage sei gefragt - tagtäglich.

Mit dem Film bekommt die Öffentlichkeit erstmals Einblicke in ein rechtes Milieu, das eine Gefahr für die demokratische Grundordnung und damit dem friedlichen Zusammenleben der Gesellschaft darstellt. Zehn Jahre seines Lebens hat Kuban für die Recherche investiert, oft genug sein Leben riskiert und muss wegen Drohungen gegen sein Leben anonym bleiben. Ein hoher Preis für seine Zivilcourage.

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