Ein Klassiker mal anders: Goethes "Faust" mit viel Witz und Charme

Goethes "Faust I" ist ein Klassiker, aber auch eine Humoreske. Jedenfalls dann, wenn Michael Quast und Philipp Mosetter den "Faust" lesen. In der Lindenhalle wurde jedenfalls am Montag herzhaft gelacht.

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Michael Quast mit der Handpuppe, die ihm als Mephisto ab und an Teuflisches ins Ohr raunte - oder ihn bei Bedarf besänftigte. Foto: Christina Kirsch

Goethes Faust wird wurde seit 1829 auf deutschen Bühnen in allen möglichen Fassungen gespielt. Michael Quast und Philipp Mosetter gaben den Faust auf der Bühne der Lindenhalle als Lesung aus dem Reclam-Heft. Das klingt erst einmal langweilig, aber der Tragödie erster Teil ist bei dem Schauspieler-Duo ein Einblick in die Tier- und Gefühlswelt des Nationalepos, garniert mit Psychoanalyse, der Quantentheorie und der Kunst, Papierflieger zu falten.

Alles das, was nicht zusammenpasst, vermengte Philipp Mosetter ohne literarische Skrupel zu einem faustschen Potpourri, das dem Zuschauer ungewohnte Einblicke in die Tragödie gab. So habe Goethe die Quantenphysik vorweggenommen, behauptete Philipp Mosetter, denn er wusste bereits, "was die Welt im Innersten zusammenhält". Selbst der feministischen Goethe-Forschung anhand der Worte "Fliegen" und "Flucht" gaben die beiden Darsteller genügend Raum.

Zu Beginn der Aufführung versuchte sich Michael Quast an den ersten Versen und stolperte bereits über Goethes "Ach"- Ausruf. Das sei eine entscheidende Vokabel, dozierte der stets oberlehrerhaft aufgelegte Mosetter. Also probierte Michael Quast dieses "Ach" in allerlei Varianten und Gefühlslagen. Erst als alter Goethe, zitternd und mit einer Aussprache ohne Zähne, ließ Mosetter das "Ach" halbwegs durchgehen.

An anderer Stelle fand Mosetter in Vers 701 sehr zum Erstaunen Quasts eine Sexualmetapher. "Die Lustangst hat Goethe produktiv gemacht", verkündete er und war von dieser Feststellung scheinbar so gerührt, dass er unbedingt seine eigene jugendliche Lustangst auch noch einfließen lassen musste. Nicht nur Wagner habe grillenhafte Stunden gehabt, gab Mosetter etwas verschämt zu. Mosetters unerfüllte Liebe zu jener Anita begleitete die Lesung den ganzen Abend.

Als Requisiten hatte das Schauspieler-Duo ein paar wissenschaftliche Bücher zum Nachschlagen, das Osterglöckchen und eine Handpuppe dabei. Als Mephisto raunte diese Puppe Herrn Quast Teuflisches ins Ohr und besänftigte ihn bei Bedarf mit einem zarten Kraulen hinter dem Ohr. Michael Quast gab auch eine Kostprobe seines Gesangstalents, weil er feststellte, Gretchen habe "den Blues" gehabt. Am amüsantesten war sein großes Repertoire an Tierlauten. Natürlich kam der Pudel vor. Nicht ganz vorlagengemäß störte in der Gartenszene eine Armada von Mücken die Idylle. Flatternde Waldvögelein zischten ebenso vorbei wie Hexenbesen. Statt einer Meerkatze mimte der Schauspieler eine Hauskatze. Mosetter belehrte den Rezitator etwas distinguiert und schon wechselte Quast zu einem schrecklichen Affengebrüll.

Im Laufe des Abends kamen der Teufelspakt, die Gretchen-Tragödie und die Walpurgisnacht vor. Man sei der Werktreue verpflichtet, meinten die Schauspieler, die das Original gekonnt ins Komödiantische verbogen. Das Publikum hatte sein Vergnügen daran.

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