Eigentümlich und atemberaubend

Eine aufwändige, anspruchsvolle und sehr abwechslungs-reiche Tangonacht mit Gesang, Musik und Tanz erlebten die Zuhörer in der Lindenhalle mit "Unknown Piazzolla". Zu Gast waren Könner ihres Fachs.

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Die Zuschauer durften in der Gefühlswelt des Tango schwelgen.  Foto: 

Astor Piazzolla revolutionierte mit seinem von ihm kreierten "Tango nuevo" den herkömmlichen argentinischen "Tango social". Darüber ist sich die Musikgeschichte mittlerweile einig. Der 1992 verstorbene Komponist ist weltweit mit seinen melancholischen Melodien bekannt geworden und seine rund 300 Kompositionen bringen die Zuhörer zum Schmachten. Wobei: Es sind überwiegend die Zuhörerinnen, die den zarten und gleichzeitig fordernden Tangomelodien und dem Klang des Bandoneons erliegen. Bei der Tangonacht in der Lindenhalle konnten sich Frauen wie Männer von dem eigentümlichen Piazzolla-Tango faszinieren lassen. Dabei scheute das Kulturamt offensichtlich keine Kosten. Die Ballettcompagnie des Theaters Ulm trat mit fünf Paaren auf, zwei exzellente Orchester wechselten sich ab und mit dem Bandoneon-Spieler Marcolo Nisinman und der Sängerin Marili Machado traten internationale Stars der Szene auf.

Eine fundierte Einführung vor der Aufführung von Benedicta Walser, die selber Tango tanzt, machte das Publikum neugierig. Mehr als zwei Stunden lang durften die Zuhörer dann in der Gefühlswelt des samtigen, aber auch des tragischen Tango schwelgen. Zunächst tanzten sieben Tangostatisten-Paare Milongas der 40er Jahre, die Roberto Herrera und Laura Legazcue mit einer anmutigen und atemberaubenden Performance aufmischten. Das Paar zeigte perfekten Tango, der artistisch und anmutig zugleich war.

Danach durfte man staunen, welche Klangpalette aus einem Bandoneon heraus zu hören ist, wenn es ein Könner wie Marcolo Nisinmann spielt. In dem Titel "Adios nonino" (Auf Wiedersehen Väterchen), der eine Hommage an Piazzollas Vater ist, schien der Musiker in einem vollkommenen partnerschaftlichen Einklang mit dem Bandoneon zu sein.

Im "Double concierto für Gitarre, Bandoneon und Quintett" hörte man den Gitarristen Friedemann Wuttke als anspruchsvollen Interpreten Piazzollas, der zusammen mit Marcolo Nisinman flirrende Nachttöne und gleißende Sehnsuchtsmelodien hervorbrachte. Kraftvoll, beinahe übermächtig leidenschaftlich, interpretierte Marili Machado Piazzollas Ballade für einen Verrückten. Die Ballettcompagnie des Theaters Ulm tanzte einen Auszug aus Piazzollas Operita "Maria de Buenos Aires", in dem die Paare in verschiedenen Formationen Leidenschaft und Leichtigkeit verströmten. "Five Tango Sensations" des "Infinitum Quartetts", in dem Marcolo Nisinman den führenden Bandoneon-Part übernahm, geleiteten die Zuhörer zum Abschluss des Abends noch einmal durch die Gefühlswelt der unbezähmbaren Leidenschaften. Man hörte in "Loving" pochende und schmeichelnde Forderungen, in "Asleep" Aussichtslosigkeit und in "Anxiety" ein wunderbar singendes Cello von Valeria Lo Giudice. Die Musiker ließen Piazzollas Klänge in großen Wellen anrollen und abebben, streuten Brüche dazwischen und endeten mit "Fear" tänzerisch. Tangobegeisterte konnten danach den Abend noch tanzend ausklingen lassen.

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