Dr. Buck und die Wasserversorgung: "Es sprudelt im dreckigen Ehingen"

Vor 125 Jahren starb der Arzt und Dichter Dr. Michel Buck. Ihm hat Ehingen den Bau einer Wasserversorgung zu verdanken. Buck hatte mit Widerständen zu kämpfen - erwies sich aber als schlauer Taktiker.

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"Die neue städtische Wasserleitung habe ich auch durchgesetzt", berichtet Dr. Michel Buck in einem Brief vom 17. November 1876, in dem er auch über den Bau eines Krankenhauses in der Stadt spricht. "Übers Jahr um diese Zeit wird es im dreckigen Ehingen ordentlich sprudeln."

Dass Buck sich als Oberamtsarzt für eine gute Wasserversorgung einsetzte, hatte gewichtige Gründe. Denn sauberes Wasser war die Grundlage für die Gesundheit der Bürger. Um 1830 war die Cholera erstmals in Europa ausgebrochen und hatte viele Tote gefordert. Immer wieder gab es danach verheerende Infektionswellen. Von der Mitte des Jahrhunderts an breitete sich langsam die Erkenntnis aus, dass der lebensbedrohende Brechdurchfall und andere Krankheiten durch verunreinigtes Trinkwasser ausgelöst werden. Buck hatte als Amtsarzt beispielsweise auch die Aufgabe, die Brunnen in Ehingen und der Region zu kontrollieren.

Gutes Trinkwasser zu bekommen war in Ehingen seit langem ein Problem. Über Jahrhunderte hinweg mussten sich die Ehinger mit Schmiechwasser begnügen, das über ein Pumpwerk hinter der Stadtpfarrkirche St. Blasius zur Oberstadt befördert wurde. Dies berichtet Stadtarchivar Dr. Ludwig Ohngemach auf einer Tafel, die im Wolfertturm angebracht ist. Über Holzstämme, die der Länge nach durchbohrt waren - so genannte Teichelleitungen - gelangte das kostbare Nass dann in die wenigen Ehinger Brunnen mit laufendem Wasser. Die Bürger deckten ihren Bedarf zudem aus zahlreichen "Gumpbrunnen", die das Grundwasser nach oben holten. Doch die alte Wasserversorgung war zu Michel Bucks Zeiten an ihren Grenzen angelangt. 1873 wurde laut Ohngemach moniert, dass das Schmiechwasser "von Auswurffstoffen schlimmster Art inficiert" sei. Man mag man sich nicht vorstellen, was damals alles im Schmiechwasser trieb und kreuchte - demselben Wasser, das dann unter Umständen in Küche und Bad Verwendung fand. Zudem fielen die Grundwasserbrunnen in Ehingen bei großer Trockenheit aus, und bei Bränden war das Löschwasser in der Stadt knapp.

Der Bau einer neuen Wasserversorgung war also höchst notwendig - und es war die entsprechende Zeit dazu. Die Ingenieure hatten endlich das geeignete Wissen und die technischen Mittel, um das Wasser über weite Strecken auf unterschiedliche Höhen zu befördern. Andere Städte hatten ihre Wasserversorgung bereits umgestellt. 1871 war die von Karl von Ehmann gebaute Albwasserversorgung der Gemeinden Justingen, Ingstetten und Hausen in Betrieb gegangen - eine technische Pionierleistung. Die Ehinger hatten im Übrigen ein gelungenes Beispiel in der Stadt vor Augen: Die Lindenbrauerei hatte seit 1864 eine eigene, private Wasserzufuhr, um das für Ehingen so wichtige Bier einwandfrei herstellen zu können.

Dem Bau der neuen Ehinger Wasserversorgung war allerdings ein zähes kommunalpolitisches Ringen vorausgegangen. In seinen Briefen schildert Michel Buck seine Sicht der Vorgänge. Seit sechs Jahren sei man dran an einer eigenen Ehinger Wasserversorgung, berichtet Buck. Der Stadtschultheiß, wie der Bürgermeister damals hieß, habe die ganze Zeit sein eigenes Projekt im Auge gehabt. "Unglücklich" nennt Buck die Pläne des damaligen Stadtoberhaupts. Er habe dem nicht zustimmen können, weil das geförderte Wasser sehr schlecht gewesen wäre. "Aber er wollte nur von seinem Projekt hören", beklagt sich Buck. Dann aber folgt eine Wende: "Nun ist der Stadtschultheiß ein alter Studienfreund von mir und durch langes Zureden bewog ich ihn, von dem Projekt abzustehen", berichtet Buck in seinem Brief von 1876.

Doch dies war nicht der einzige Hemmschuh für Bucks Pläne. Wie auch heute pochten die Bürger damals bei großen - und teuren - Vorhaben darauf, ein Wort mitzureden. "Ein zweites Hindernis war die Opposition des Bürgerausschusses", berichtet Buck. Die Bürger wollten die hohen Kosten für die Wasserversorgung nicht tragen. Sie stellten sich gegen den Stadtrat, der für die Neuerung war. Buck erweist sich als schlauer kommunalpolitischer Taktiker. "Ich riet, den Hauptoppositionsmann in den Stadtrat zu wählen und vor 14 Tagen hatten wir die Genugtuung, diesen neugebackenen Stadtrat mit ,Ja stimmen zu hören", berichtet er. Das neue Amt hatte offenbar den Ehrgeiz des Mannes befriedigt. "Ich wußte wohl, wo es dem Mann fehlte", schreibt Buck dazu. Beide bürgerlichen Kollegien hätten dann der neuen Wasserversorgung zugestimmt - "zu meinem freudigen Erschrecken", berichtet Buck. Der Arzt schildert genau, was er forderte. "Ich verlangte 4000 x 130 Liter gutes Quellwasser per Tag, dieses wird aus einer großen reichen Quelle auf einen Berg vor der Stadt gepumpt (durch Wasserkraft), und dort von einem Reservoir aus über die Stadt verteilt. Das Wasser wird wohl in den 3. und 4. Stock der Häuser durch seine eigene Schwere hinaufgetrieben."

Der "Berg vor der Stadt", den Buck in seinem Brief beschreibt, ist der Wolfert. Den Auftrag für den Bau der Wasserleitung erhielt Karl von Ehmann. Die Ehinger investierten die für damalige Zeiten große Summe von 190 000 Mark in die neue Wasserversorgung, berichtet Franz Michael Weber in seinem Ehingen-Buch. Zum Vergleich: Der Tageslohn eines Maurers lag damals bei etwa 3 Mark. Ehmann ließ einen großen Wasserbehälter in der Wolfertanlage errichten. Die Ruine dieses - später noch erweiterten - Reservoirs ist heute noch neben dem Wolfertturm zu sehen. Offenbar stand auf dem Wasserbehälter einst auch ein kleines Häuschen. Zumindest ist ein solches auf einer Skizze abgebildet, die heute wiederum als Kopie im Wolfertturm hängt. Das Wolfert-Reservoir füllten die Wassermeister mit Wasser aus einem stadteigenen Brunnen. "Es wurde hiezu eine Quelle nördlich und südlich des Weiherbachs erfaßt", schreibt Weber. Wie Buck in seinem Brief andeutete, pumpte ein großes Wasserrad das Wasser hinauf zum Wolfert-Behälter.

Bereits im November 1877 nahm die Stadt die neue Leitung in Betrieb, nachdem erst im April der Baubeschluss gefallen war. Die Bevölkerung nahm die neue Wasserversorgung mit "Begeisterung" auf, wie Weber vermerkt. Es hatten neue Zeiten begonnen. Missfallen bei den Ehingern erregte aber, dass schon ein paar Monate später der alte Röhrbrunnen auf dem Marktplatz abgebrochen wurde.

Die Ehinger Wasserversorgung wurde immer weiter ausgebaut und verbessert. Das Reservoir in der Wolfertanlage ist seit langem außer Betrieb. Aber die erste moderne Ehinger Wasserversorgung von 1877, an deren Entstehen Michel Buck entscheidend mitgewirkt hat, legte den Grundstein für die Versorgung der Stadt mit hygienisch einwandfreiem Trinkwasser.

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