Des Brunnensprungs Ursprung

Die Trommgesellenzunft feiert 2017 beim Landschaftstreffen in Munderkingen auch 275 Jahre Brunnensprung. Dabei waren 1935 schon 700 Jahre gefeiert worden. Warum, kann Sepp-Dieter Kaspar erklären.

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  • Das historische Foto vom Munderkinger Brunnensprung links zeigt, wie die Maischer in den 50er Jahren das Wasser in Wallung bringen, bevor die zwei Jünglinge ins kalte Nass springen, die übrigens danach "ein jeglich Maid küssen" dürfen. Rechts oben ist der Sprung 2013 zu sehen, darunter rechts ein Foto von 1950, auf dem (von links) Erwin Braisch, Trommmeister Paul Selg, Egon Braisch und "Fürst" Lorenz Locher zu sehen sind, daneben kleine Brunnenspringer in den 30er Jahren. Fotos: Ingeborg Burkhardt 1/2
    Das historische Foto vom Munderkinger Brunnensprung links zeigt, wie die Maischer in den 50er Jahren das Wasser in Wallung bringen, bevor die zwei Jünglinge ins kalte Nass springen, die übrigens danach "ein jeglich Maid küssen" dürfen. Rechts oben ist der Sprung 2013 zu sehen, darunter rechts ein Foto von 1950, auf dem (von links) Erwin Braisch, Trommmeister Paul Selg, Egon Braisch und "Fürst" Lorenz Locher zu sehen sind, daneben kleine Brunnenspringer in den 30er Jahren. Fotos: Ingeborg Burkhardt
  • Eine Brunnensprung-Zeichnung aus einem Fasnetsbüchle von 1933 aus dem Archiv von Manfred Locher. 2/2
    Eine Brunnensprung-Zeichnung aus einem Fasnetsbüchle von 1933 aus dem Archiv von Manfred Locher.
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Beim Fasnet feiern hat es den Munderkingern an Einfällen noch nie gefehlt. So auch im Jahre 1935, als die "Carnevalisten" laut einer nie mehr im Landesarchiv Stuttgart aufgetauchten Urkunde aus dem Jahr 1235 "das vorzüglichste Spektakel des Brunnenspringens" das 700-jährige Jubiläum gefeiert haben. Sepp-Dieter Kaspar hat in seinem Archiv die Berichte darüber im Donau-Boten aufbewahrt. Nach der dort wiedergegebenen Narrenrede soll der erste Brunnenspringer Ignatius Revellio gewesen sein. Prinz Carneval "Friderikus I.", Prinz Friedrich von Eisen (Eisenwarenhändler Fritz Braunger) hatte vom "meisterhaften Sprung" des Ignatius Revellio 700 Jahre zuvor gesprochen. Dem Hobby-Heimatforscher Kaspar fiel gleich ein, dass es im Städtle ja Nachfahren des italienischen Einwanderers gab und gibt, einer war Georg Diemer, dessen Vater sich aufgrund seiner italienischen Wurzeln selbst den Titel eines Barockschreiners gegeben hat.

Dass Revellio als Mitarbeiter im Bahnbau im 19. Jahrhundert nach Munderkingen kam, will Kaspar ja nicht ausschließen. Viel besser hätte es ihm aber gefallen, wenn der Italiener schon im 13. Jahrhundert mit Kaiser Friedrich von Hohenstaufen oder dem Anselm von Justingen von Sizilien ins Schwabenland gekommen wäre, spinnt er den Faden für die 780-jährige Brunnensprunggeschichte weiter. Dabei ist ihm klar, dass es für den ersten italienischen Brunnenspringer ein bisschen schwierig gewesen wäre in den Marktbrunnen zu springen, weil dieser erst nach dem Martinsbrunnen 1572 von dem Künstler Leonhard Baumhauer aus Schwäbisch Gmünd an Stelle eines Ziehbrunnens in seiner heutigen Form gebaut wurde.

Bürstenfabrikant, Musiker und Heimatforscher Lorenz Locher (1903-1974) hatte, wie man vermuten könnte, vielleicht zur Gaude die Urkunde aus 1235 ausarbeiten und auch wieder verschwinden lassen. Obwohl er 1964 gegenüber dem damaligen Bürgermeister Albert Rist immer noch von dem Dokument gesprochen hat, in dem gestanden habe, dass die Ortsadeligen Rudolf und Rüdiger im 13. Jahrhundert aus Wien den Brauchtum des Brunnenspringens mitgebracht und in Munderkingen eingeführt haben.

"Leider sind die alten Ratsprotokolle und Aufzeichnungen bis zum Ende des 18. Jahrhunderts verloren gegangen," schrieb Rist in den 1970er Jahren in einem Heft über "Die Munderkinger Fasnet". Dann merkt er an: "Munderkingen hat das große Glück, dass umfangreiche schriftliche Aufzeichnungen über die Fasnet wenigstens aus dem Ende des 18. und dem Beginn des 19. Jahrhunderts vorliegen" - das Hauptverdienst von Carl Borromäus Weitzmann (1767-1828).

Die Trommgesellenzunft beruft sich beim von Weitzmann beschriebenen Brunnenspringen, dem "vorzüglichsten Spektakel unter all den uralten und wunderbarlichsten Gebräuchen der Munderkinger, das einst die Trommgesellen am Aschermittwoch als letzten bachanalischen Konvent vor der Fastenzeit durchführten", nicht nur auf dessen Beschreibung im "Lob des Munderkingers". Sondern die Zunft feiert ihr Jubiläum aufgrund der Einträge im Totenbuch aus dem Jahr 1742. Demnach war der erste Tag der Fasnet der Fasnetsmontag, als der Pfarrer in einer Ergänzung zu dem Eintrag eines Todesfalles sich darüber empörte, dass man "die größte Anzahl von Törichten in der Welt sehen kann" und am Aschermittwoch habe der Auftritt der "Histrionum madidorum", der "Wasserschauspieler" stattgefunden, ein "schlechter, törichter und geschmackloser Brauch".

Da der Pfarrer von einem Brauch schrieb, geht die Trommgesellenzunft davon aus, dass es das Brunnenspringen am Aschermittwoch schon lange vor 1742 gab. Wie auch auf der Homepage der Narrenzunft nachzulesen ist, waren 1748 "klerikale Vertreter des Bistums Konstanz" bei einer Visitation empört darüber, dass der Brunnensprung am Aschermittwoch, also dem ersten Fastentag, stattfindet. Sie legten der Stadtverwaltung nahe, den Brunnensprung in die Fastnacht zu verlegen. Man fühlte sich nicht zuständig und verwies auf den vorderösterreichischen Stadtamtmann.

Wie in mehreren Büchern über die Sitten und Bräuche in Oberschwaben und in den Pfarrbüchern aus dem 19. Jahrhundert nachzulesen ist, änderte sich nichts, und so wurde wohl, auf Betreiben des Pfarrers vom damaligen Oberamtmann um 1837 bei Strafe das Brunnenspringen für viele Jahre verboten, wie 1852 eine besondere Tafel an dem Marktbrunnen aussagte. Lange blieb es still um den Munderkinger Wasserbrauch, der Karneval wurde mit Maskenbällen gefeiert. 1866 führte der Liederkranz zur Fasnet am Sonntag und Montag nach historischer Überlieferung den Brunnensprung nochmals auf.

Auch 1906 kam es zu einer einmaligen historischen Aufführung des Brunnensprungs, wie Zeitungsberichten zu entnehmen ist. "Erst in den 30er Jahren hat sich die Carnevalsgesellschaft dem Trend der Zeit entsprechend der schwäbisch-alemannischen Fasnet zugewandt und als Trommgesellschaft den Brunnensprung wieder belebt", ergänzt Rektor a. D. und langjähriger Narrenrat Ludwig Walter, der sich seit Jahren intensiv mit der Geschichte der Fasnet und Weitzmann beschäftigt. Nach dem Zweiten Weltkrieg sei der schwäbisch-alemannische Ansatz wieder aufgenommen worden und habe 1958 zur Gründung der Trommgesellenzunft geführt.

Der Historiker, Musiker und aktive Narr Lorenz Locher hat das Fasnetslied, den Hopser- und Schleifertanz sowie das Lied der Trommgesellen gedichtet und dazu Melodien komponiert. Er fuhr mit seinen Texten und Noten sowie Weitzmanns Belagerungslied nach Stuttgart zu dem aus Munderkingen stammenden Musikdirektor Franz Springer, erzählt Lochers Sohn Manfred und fügt an: "Er hat ihm mit der Geige die Lieder vorgespielt, und Springer hat sie für Blasmusik umgeschrieben." Seither singen die Munderkinger bei allen Gelegenheiten und nach dem Brunnensprung aus vollem Herzen: "Wir aber sind die Erben und lassen nicht verderben die närrische Zeit."

Info Heuer werden Heiko Uhlmann und Julian Schaible am Fasnetssonntag und -montag in den Marktbrunnen springen. Schaibles Großvater Roland war vor 50 Jahren auch bereits Brunnenspringer gewesen.

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