Das unsichere Leben nach Schlecker

Für Frida Müller, Julia Fuchs und Helene Lechner war die Drogeriemarktkette Schlecker eine beruflichen Heimat. Wochen danach haben sie die Kündigungen noch nicht verkraftet. Drei Schicksale von vielen.

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    Das Schlecker-Zentrallager in Berg. Archivfoto
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    Frida Müller kämpft um ihre Altersteilzeit. Fotos: Lars Schwerdtfeger
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Die Gewerkschaft Verdi meldet, dass die meisten der 11 200 entlassenen oder freigestellten Schlecker-Mitarbeiterinnen wohl kaum schnell eine neue Arbeit im Handel finden werden. Bis Ende April hatten nur 800 eine Stelle. Den 25 000 Angeboten stehen laut der Bundesarbeitsagentur 300 000 Arbeitssuchende gegenüber.

Solche Nachrichten kommen für Frida Müller, Julia Fuchs und Helene Lechner nicht überraschend. Sie verloren ihre Arbeitsplätze, als der Schlecker-Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz die Kündigungen und Freistellungen verschickte. Damals brach für sie eine heile Welt zusammen. Seither kämpfen sie mit sich, den Finanzen und darum, die so sicher geglaubte Zukunft zurückzugewinnen. Drei Lebenswege von vielen, die durch die Insolvenz der Drogeriemarktkette in andere Bahnen gezwungen wurden.

"Schlecker war mein Leben", sagt Frida Müller. Die 62-jährige Frau aus Rottenacker arbeitete 27 Jahre bei Schlecker, war im Lager in Ehingen, lange Zeit Betriebsrätin vor Ort und auch im Gesamtbetriebsrat. Sie ist eine der wenigen, die nicht um einen neuen Job kämpft, sondern um Geld. Als die Kündigungswelle kam, war sie schon in der Freistellungsphase der Altersteilzeit.

Sie hatte sich alles durchgerechnet, damit sie auch finanziell über die Runden kommt, bevor sie sich für die Altersteilzeit entschied. Knapp 1200 Euro sollte sie bekommen, netto, bis die Teilzeit am 28. Februar 2013 endet und die Rente fällig wird. Weil der Sozialversicherungsvertrag aufgelöst wurde, musste sie sich arbeitslos melden. Eine nervenaufreibende Wartezeit begann. Es gab keine Informationen und keine Nachrichten. Die Unsicherheit ist das Schlimmste, sagt sie. Immer wieder melden sich frühere Kolleginnen aus dem Rest der Republik, weil sie auch früher als Betriebsrätin Ansprechpartnerin war, erzählen, wie es ihnen geht. Dann sieht sie, dass die meisten mit ähnlichen Schwierigkeiten kämpfen. Wenn sie es nicht mehr aushält, schreibt sie an den Ulmer Betriebsseelsorger Alfons Forster, der die Schlecker-Frauen eng begleitet. Der beruhigt sie wieder. Wenigstens einer, an den sie sich wenden kann.

Vor wenigen Tagen kam der Bescheid der Arbeitsagentur. Sie erhält künftig 841 Euro statt der 1200. Das sind 60 Prozent vom Bruttolohn vor der Altersteilzeit. Bei allein 400 Euro Monatsmiete muss sie an die geringen Ersparnisse gehen, um über die Runden zu kommen. Obendrein ging kürzlich auch noch das Auto kaputt, und eine neue Brille brauchte sie auch. Manchmal kommt eben alles zusammen. Hoffentlich zahlt die Hamburger Pensionskasse bald den Anteil des Gehalts aus, der in der Arbeitsphase der Teilzeit für die Freistellungsphase angespart wurde. Dieses Geld ist insolvenzgeschützt, es kann nicht verfallen und darauf hat auch der Insolvenzverwalter keinen Zugriff. Nur die 20 Prozent, die die Arbeitsagentur für die Teilzeitphase an Schlecker überwies, sind mit der Insolvenz untergegangen. Trotzdem: Ein Hoffnungsschimmer. Kurzfristig zumindest. Aber auch ihre Rente wird geringer ausfallen, weil die Arbeitsagentur nur einen geringen Anteil des ursprünglichen Beitrags an die Rentenkasse überweist. Und das alles nur, "weil ein paar Leute größenwahnsinnig geworden sind", schimpft sie wütend auf die frühere Schlecker-Führung. "Sie haben viele Menschen in Existenznöte gebracht."

Sich noch einmal eine Arbeit suchen? Das geht nicht, selbst wenn sie eine bekäme. Sie ist gesundheitlich schwer angeschlagen, auch vom Schleppen der schweren Lasten bei den Retouren im Lager. Einmal hatte sie einen Bandscheibenvorfall, und Gelenke mussten auch ausgetauscht werden. Folgen auch eines langen und manchmal beschwerlichen Arbeitslebens. Aber sie hat die Arbeit bei Schlecker geliebt, die Gemeinschaft, das selbstständige Entscheiden. Sie ist sogar auf Krücken ins Geschäft gehumpelt. Und sie hat dort kämpfen gelernt, ist rebellisch geworden, sagt sie. Plötzlich blitzen ihre Augen wieder. So wie damals, als sie die guten Tarifverträge für die Beschäftigten erstritten. Jetzt, wo sie nichts mehr tun kann für sich und die Kolleginnen, fühlt sie sich ausgeliefert.

Julia Fuchs (34) ist Alleinerziehende, lebt mit ihrem achtjährigen Sohn in Ulm. Seit drei Jahren ist sie bei Schlecker. Zuletzt arbeitete sie im Laden in der Ulmer Platzgasse. Anfangs hatte sie nur einen 400-Euro-Job, dann eine Teilzeitarbeit bis 25 Stunden, und schließlich wurde sie stellvertretende Filialleiterin mit 30 Wochenstunden. Alles über zehn Stunden wurde jedoch als Überstunde berechnet, Urlaub gab es nur auf der Zehn-Stunden-Basis. Weil sie engagiert war und den Umgang mit den Kunden mochte, hat sie zuviel gearbeitet. Aber am 28. März kam auch für sie die Kündigung. Durch die Insolvenz verfielen 19 Urlaubstage, zwei Gehälter fehlen ihr, weil immer erst mit einem Monat Verzögerung ausgezahlt wurde. In der ersten Hälfte des Aprils wurden ihr 35 Euro überwiesen, dann kamen noch einmal 7,05 Euro. Sie lebt in einer Mietwohnung. "Wenn ich meine Mutter nicht hätte, müsste ich ein Zelt aufschlagen." Sie hat sich arbeitslos gemeldet, ihr Bescheid fiel bescheiden aus: etwa 500 Euro erhält sie. Sie wird Wohngeld beantragen. Und sie sucht dringend eine neue Arbeit, schreibt eine Bewerbung nach der anderen. Aber es sind auf einen Schlag so viele Verkäuferinnen auf den Markt gekommen, dass man kaum eine Chance hat, sagt sie. Die Freundinnen von früher sind plötzlich Konkurrentinnen.

Ursprünglich hatte sie Bauzeichnerin gelernt, aber das ist lange her. Deshalb hatte sie, als von der Insolvenz noch keine Rede war, eine Umschulung zur Handelswirtin begonnen, um beruflich voranzukommen. Aber die Arbeitsagentur weigere sich, diese Maßnahme weiter zu bezahlen, weil sie nicht in bestehende Verträge eintreten will. Sie selbst kann die Kosten aber nicht mehr tragen. Das ist doch widersinnig, sagt sie: Sie tut etwas, um schnell eine neue Stelle zu finden, und dann macht ihr ausgerechnet die Arbeitsagentur einen Strich durch die Rechnung. Deshalb wird sie Widerspruch einlegen gegen den ablehnenden Bescheid. Aber es ist jedesmal noch ein weiterer Tiefschlag, sagt Julia Fuchs. Als wäre es nicht schon schlimm genug.

Helene Lechner aus Neu-Ulm ist verheiratet und hat zwei Kinder. Seit neun Monaten war sie als Verkäuferin bei Schlecker, zuerst als Sommervertretung, dann in der Filiale am Petrusplatz in Neu-Ulm, bis diese im Dezember geschlossen wurde. Seither war sie als Springerin zwischen den Geschäften in der Ulmer Platzgasse und dem Laden in Pfuhl unterwegs. Nein, fotografiert werden möchte sie nicht. Sie fürchtet, dann bei Bewerbungsgesprächen Nachteile zu haben. Die Zukunftsängste sind groß. Aber erzählen will sie. Dass sie manche Monate mit 700 bis 800 Euro nach Hause gekommen ist, und dass die Familie das Geld braucht. Ihr Mann verdient nicht so viel Geld, ihr Einkommen war für das Essen, die Kleidung und den Alltag da. Die Kinder verstehen die Situation nicht. Zu Ostern wusste sie nicht, was sie schenken kann.

Zehn Jahre war sie zuhause gewesen, der Kinder wegen. Als sie bei Schlecker anfangen konnte, war sie froh: "Endlich wieder rauskommen, unter den Menschen sein." Sie fand schnell Kontakt, viele Kunden kannten sie bald beim Namen, ältere Leute kamen vorbei, um mit ihr zu reden und nebenbei etwas einzukaufen. Es war wie eine große Familie. Und sie waren weitgehend auf sich allein gestellt, erledigten und organisierten selbst, vom Waren einräumen über Verkaufen und Kassieren bis zum Schneeschippen vor dem Laden. Sie musste zwar viele Überstunden machen, "sonst hätte ich viel zu wenig verdient". Zeitweise arbeitete sie 70 Wochenstunden. Aber das störte sie nicht. Der neue Lebensabschnitt währte nur kurz, am 28. März kam die Kündigung. Danach ging es ihr schlecht: Bluthochdruck, Migräne, Magenschmerzen. "Das war für mich ein Schock", sagt Helene Lechner.

Früher war sie Kosmetikerin. Aber sie hat zu wenig Berufserfahrung, um heute in Studios zu arbeiten. Wie sie ihre Zukunft sieht? "Das steht für mich in den Sternen." Auf das Geld von der Arbeitsagentur würde sie lieber heute als morgen verzichten und wieder arbeiten. Die ganze Bürokratie, der Umgangston - "man kommt sich vor wie ein Täter, nicht wie ein Opfer".

Manchmal treffen sich noch ein paar frühere Schlecker-Mitarbeiterinnen, reden über alte Zeiten, als lägen diese schon lange zurück. Als kürzlich der Gesamtbetriebsrat im Hotel Maritim in Ulm tagte und mit dem Insolvenzverwalter Gespräche führte, fuhr Frida Müller lieber in ein Café, um Leidensgenossinnen zu treffen. Sie hätte gern ihre früheren Mitstreiterinnen aus dem Betriebsrat im Hotel begrüßt, "aber das hätte ich nicht ausgehalten". Sie hätte sofort losgeheult. Schlecker, das war ihr Leben. Und jetzt ist für sie der Name zum Albtraum mutiert.

Das alles wird sie nicht so schnell loslassen, sagen alle drei. "Es ist für uns noch nicht vorbei." Sie hoffen, dass den Menschen, die heute noch bei Schlecker beschäftigt sind, dieses Schicksal erspart bleibt.

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Die Schlecker-Pleite

2012 meldete Schlecker, Europas ehemals größte Drogeriemarktkette, Insolvenz an. Damals hatte Schlecker noch 7000 Filialen und etwa 30.000 Mitarbeiter.

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