Chillige Hunde und viel Kopfkino: Neue Wörter des Duden in Ehingen abgefragt

Der neue Duden ist da, scheint aber ein Ladenhüter zu werden. Die SÜDWEST PRESSE hat in Ehingen an einigen Stellen die neuen Wörter abgefragt, mit amüsanten Ergebnissen.

|
Vorherige Inhalte
  • Familie Mauz aus Harald Mauz, seinen Eltern Helga und Heribert und den Kindern Kolja, Polly und Marie hat fast alle Wörter gekannt. 1/3
    Familie Mauz aus Harald Mauz, seinen Eltern Helga und Heribert und den Kindern Kolja, Polly und Marie hat fast alle Wörter gekannt. Foto: 
  • Sabine Behn-Bartl hat nur wenige Duden-Exemplare im Ehinger Buchladen. 2/3
    Sabine Behn-Bartl hat nur wenige Duden-Exemplare im Ehinger Buchladen. Foto: 
  • Fatma Cesme hat mit Ibrahim Serbest einen chilligen Hund präsentiert. 3/3
    Fatma Cesme hat mit Ibrahim Serbest einen chilligen Hund präsentiert. Foto: 
Nächste Inhalte

Zum fröhlichen Familienratespiel artet die Straßen-Umfrage der SÜDWEST PRESSE in dieser Woche unter anderem für Familie Mauz aus. Vater, drei Kinder sowie Oma und Opa machen mit, und Papa Harald Mauz kennt so gut wie alle aus unserer Liste der neuen Wörter in der neuen Duden-Ausgabe. Barrierefreiheit ist seiner Mutter Helga Mauz natürlich auch ein Begriff, und sie bekennt sogar, durchaus schon mal chillig zu sein – ein Begriff, den die Seniorin offenbar von den Enkeln Marie, Kolja und Polly kennt. Doch meint sie, noch nie durchgezappt zu haben. „Klar hast du das schon“, erklärt der Sohn, dem Hashtags, Hoodie und die Playlist völlig geläufig sind, und der auch schon Couchsurfing betrieben habe. Beim Adblocker hört es aber auch bei ihm auf, der Maschinenbauingenieur aus Schaiblishausen kennt die Software zum Blocken von Werbung im Internet nicht. „Was isch des?“, fragt Marie auf die Frage, ob sie eine Datenbrille trägt. Der Papa kann’s erklären, die Oma nimmt’s gelassen: „Das ist mir wurst.“

„Das ist mir wurst“

5000 neue Wörter hat das neue Standardwerk der deutschen Rechtschreibung aufgenommen, dafür war ihre Nutzung online und in Veröffentlichungen ausgewertet worden. „Sind die denn alle nötig?“, fragt Astrid Bunzel. Als sie unsere Liste mit einer kleinen Auswahl durchschaut, bezweifelt die Ehinger Büchereileiterin, dass dem so ist. Der Hoodie etwa sei doch eine temporäre Erscheinung, „wir haben hier auch Handarbeits-Bücher über Skoodies, also Kapuzenschals, und Haramaki, das sind Hüftschmeichler, aber die gehören doch nicht gleich in den Duden.“

Schade sei, dass wieder viele Anglizismen dabei sind, die vielleicht vermeidbar seien. „Zum Beispiel Fake News, wie schade, dass wir für dieses wichtige Wort keinen deutschen Begriff haben.“ Die Ente oder Zeitungsente tue es nicht, weil darin noch nicht unbedingt die vorsätzliche Verfälschung von Fakten enthalten sei. Die Mütterrente gehe in Ordnung, schließlich sei dies ein neuer politischer Begriff, und leider habe auch der Drohnenangriff als Wort eine Zukunft. Sehr schön findet Bunzel das Kopfkino, „das sagt man ja schon ganz lange, und durch diese Zusammensetzung der Wörter wird auch gleichzeitig ein Bild erzeugt“, freut sich die Bücherfachfrau, die eine Ausgabe des neuen Dudens bestellt hat und das frühere Buch ausrangiert. Durchaus werde es noch genutzt, etwa auch von Flüchtlingen, die gezielt nach dem Standardwerk fragen. „Aber früher hatten wir schon mehrere Ausgaben da, da hat sich was verändert.“

Auch Fatma Cesme, die gerade mit Ibrahim Serbest zur Zeitung unterwegs ist, um eine Wohnung in den Anzeigen zu suchen, hat ganz oft Kopfkino, wie die 27-Jährige aus Ulm sagt. „Zum Beispiel. wenn er alleine ausgeht, krieg ich Kopfkino“, meint sie über Ibrahim. „Ich verstehe nicht warum“, meint der Öpfinger daraufhin, während sie noch durch die Liste schaut und immer wieder fast empört sagt: „Das ist doch kein Deutsch mehr.“ Etwa bei Tikitaka oder Hashtag. Der „Sexperte“ entlockt der Ulmerin ein „im Ernst?“, und das Darknet ist ihr ein Begriff. Den neuen Duden werden die beiden nicht kaufen, „ich hab zwar noch einen, aber der ist bestimmt zehn Jahre alt“. Sie schlage alles online nach.

Für Peter Dunkl ist es gerechtfertigt, dass viele neue Wörter aufgenommen werden. „Sprache war schon immer im Wandel, das weiß auch jeder, der Hermann Wax schonmal gehört hat.“ Schließlich sei auch das Schwäbische aus vielen verschiedenen Sprachen zusammengesetzt, was historische Gründe hat. Der Ehinger VHS-Leiter sagt: „Ich bin kein Purist, mir kommt es manchmal ein bisschen unlogisch vor, wie manche Wörter eingedeutscht werden.“ Auch die neue Rechtschreibung des Delfin und der Demografie mit „f“ sieht für ihn komisch aus. Dunkl ist bekennender Hoodie-Träger, kennt die Thumbnails als kleine Vorschau-Bilder von Videos im Internet, und ja, „chillig bin ich auf der Couch, aber dann nicht surfend“, spielt er auf den Begriff Couchsurfing an, der den Trend meint, bei anderen Leuten über ein Portal eine einfache Schlafmöglichkeit zu organisieren. „Undercut – ist das ein Anzug?“ Bei der am unteren Kopf rasierten Frisur gibt sich der VHS-Leiter geschlagen, ebenso beim Adblocker. Keiner der Befragten kannte Tikitaka oder auch Tiki-Taka, „Substantiv, Neutrum – auf geringe Entfernung gespieltes Passspiel“, wie auf „duden.de“ ebenfalls nachzulesen ist. „Das ist doch ein Fachwort und gehört vielleicht eher in ein Fachwörterbuch“, sagt Astrid Bunzel, die in der Jugendsprache im Übrigen eine Art für die Jugendliche sieht, sich abzugrenzen. „Und das hat es schon bei den alten Griechen gegeben.“

Sabine Behn-Bartl kennt den Tüddelkram: „Das ist norddeutsch, dazu würde man auf Schwäbisch Kruscht sagen.“ Die meisten Wörter in unserer Liste kennt die Geschäftsführerin des Ehinger Buchladens. Kopfkino habe sie auch oft, da sie ja viele Bücher lese. Den Duden verkaufe sie im Laden nicht mehr so wie früher, „da hatten wir ihn stapelweise, als die neue Rechtschreib­reform kam, und jetzt haben wir nur drei bestellt“. Gekauft werde das Wörterbuch doch eher von der älteren Generation, die sich mit den Gebräuchen der Jüngeren auch vertraut machen möchte. „Ich finde das richtig, dass man aktuelle Wörter aus dem Sprachgebrauch in den Duden aufnimmt.“ Als ein völlig bescheuertes Wort empfindet sie die Willkommenskultur. „Wieso muss man für Dinge, die selbstverständlich sind, noch extra eine weitere Kultur aufmachen.“

Standardwerk Der neue Duden hat 1264 Seiten und kostet 26 Euro. Es wurden 5000 neue Wörter aufgenommen, nur eine handvoll entfernt, etwa „Goalmann“ und „Jahr-2000-fähig“. Insgesamt sind 145.000 Stichwörter verzeichnet. Die Änderungen des neuen amtlichen Regelwerks des Rates für deutsche Rechtschreibung wurden umgesetzt. So wurden etwa Schreibweisen wie Co-Trainer und Ex-Minister aufgenommen. Auf die Option zur Verwendung des großen ß wird hingewiesen. Längstes Wort: Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivititätsstörung.

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Naturdenkmal am Benkesberg erinnert an Munderkinger Ingenieur

Zum Gedenken an den 1887 gestorbenen, ehemaligen Vorsitzenden Guillaume Grellet pflanzte der Verschönerungsverein in Munderkingen die beliebte Sommerlinde am Benkesberg, die ein Naturdenkmal ist. weiter lesen