Brunnenspringer duschen schon seit Januar kalt

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Seit 2016 sind sie ein gutes Team: Julian Schaible und Marcel Weiss, die Munderkinger Brunnenspringer, die am gleichen Tag Geburtstag haben und beide aktive Fußballer sind (im VfL und SSV Emerkingen), bereiten sich schon seit dem frühen Januar mit kalten Wechselduschen vor. Denn Warmduscher riskieren womöglich einen Kollaps bei der Tradition des Sprungs in den unbeheizten Marktbrunnen. „Tatsächlich war die Kälte das Überraschendste für mich beim ersten Mal“, sagt Julian, der 2017 zum dritten und damit letzten Mal die Trommgesellenzunft in der Fasnet auch auswärts auf Umzügen mit repräsentiert. „Leider!“ Und Marcel: „Man kann sich zwar vorbereiten, aber die Kälte ist dann doch ein Schock.“ Unter dem Springerhäs ist kein Neopren erlaubt. Ist es sehr kalt, fühlt sich das Wasser beim Eintauchen warm an. Ansonsten ist es andersherum. „Aber danach ist man mit dem Küssen noch beschäftigt und so oder so lange in der Kälte“, sagt der 26-jährige Industriemechaniker bei Heidelberg Cement.  Julian fügt hinzu: „Dann freut man sich auch auf die warme Dusche und die Sauna.“ Die beiden gehen dazu schnell in das Elternhaus des 24-jährigen Disponenten bei Stöhr Logistik (Rottenacker).

„Schon als kleiner Stöpsel habe ich am Brunnen gestanden und gedacht, das will ich auch mal machen“, sagt Julian, dessen Opa Roland Schaible 1965 bis 1969 Brunnenspringer war und mächtig stolz auf den Enkel ist, und dessen Brüder in der Belagerungsgruppe sind und später vielleicht bei den Trommgesellen einsteigen: erst als „Aushilfe“, dann mit zugeordneter Maid und irgendwann, wenn sie am längsten „gedient“ haben, wären sie als Brunnenspringer dran. In Marcels Familie durfte Onkel Uwe Heckmann (1984 bis 1986) springen, und auch die Tante ist Fasnets-Fan. Seine Schwester Alisa ist Julians Brunnenspringer-Maid.

Die Nervosität stellt sich immer wieder ein, sagt Julian, „spätestens, wenn du in der Kirche am Sonntag zum 100. Mal gefragt wirst: ,Bisch aufg’regt?’“ Man wolle ja alles richtig machen und die Tradition würdig weiterführen. Ein Patzer wie 2015, als Julians Krug nicht an der Brunnensäule zerschellte, wird nicht ohne nette Häme verziehen. Er wolle auch Vorbild sein, wenn die kleinen Kinder am Brunnenrand stehen. „Das ist auch das Schöne an der Sache, die Brauchtumspflege, die hoffentlich nie ausstirbt“, fügt Marcel hinzu. Julian: „Dass es eine historische Figur ist, die es schon ewig lang gibt, ist eben das Besondere.“

Der Usprung des Wasserbrauchs, dessen erste urkundliche Erwähnung vor 275 Jahren heuer gefeiert wird, geht auf die einstigen Handwerkszünfte zurück, deren Lehrlinge die Trommgesellen darstellen. „Mit dem Sprung gelingt dem jungen Burschen die Aufnahme in die Zunft im Rahmen des Hochzeitsbrauchs“, schreibt die achte Klasse der Förderschule 2001 für einen Geschichtswettbewerb „– daher muss er ledig sein. Als Lossprechungsritual des Junghandwerkers“. Einst am Aschermittwoch ausgeführt, könne der „Bußesprung“ auch als Abwaschen der Sünden oder Erneuerung der Taufe gedeutet werden. „Wahrscheinlich ist es eine Mischung aus beidem“, sagt Claudia Brunner von der Trommgesellenzunft. Das Ritual werde – wie in der Beschreibung des Munderkinger Heimatdichters Carl Borromäus Weitzmann – noch heute ausgeführt wie vor hunderten von Jahren. Gebaut wurde der Brunnen im 16. Jahrhundert. Wann genau es mit der Tradition losging ist unklar.

Schwester ist Springermaid

Auf einer Trommel wird zur Schau ausgewürfelt, wer springen soll. Zum Ritual gehören vier Maischer und der Obermaischer (Paul Gröber), die den Brunnen „vorbereiten“, ein Tanz auf dem Rand und natürlich der Trinkspruch, in dessen Rhythmus das Wasser in Wallung gebracht wird: „Dem Bürgermeister a Glas, dem Schultes a Maß, dem Pfarrer d’r Wei, so soll es sei!“ Zur Narrenmusik tanzen die Trommgesellenpaare den „Hopser und Schleifer“ auf dem Podium der Burg, die Brunnenspringer auf dem Brunnenrand. Dann erhalten sie von den Brunnenspringer-Maiden (auch Maren Hepp), die Kette, Hut und die grüne Weste abnehmen, einen Becher Glühwein und bringen drei Sprüche aus: „Ein Hoch auf Magistrat und Deputat, ein Hoch auf Pfarrer und Bürgersleut, ein Hoch auf meine Liebste!“ Nach dem Krug-Wurf und ihren Sprüngen ruft alles „Narro-Hee“, bevor die beiden rund um den Brunnen „ein jeglich Maid“ küssen dürfen. Claudia Brunner: „Den Kuss zu erhalten ist eine besondere Ehre, man wird auch Teil dieser Tradition.“ Geküsst wird auf den Mund, wobei sich vor allem junge Mädchen manchmal wegdrehen und dann einen Backenbussi statt dem nach Glühwein schmeckenden Kuss bekommen, wie die Springer sagen. Synchron hineinzuspringen werde nicht geübt, es wird nach den traditionellen Sprüchen getaktet. Mindestens drei Mal landet jeder Brunnenspringer im kalten Nass, und zwar normalerweise am Fasnetssonntag gegen 16 Uhr und am Fasnetsdienstag um 18.30 Uhr. Zum großen Narrentreffen bei einer Brauchtumsvorführung wird der Sprung auch noch am Sonntag zuvor, am 19. Februar, um elf Uhr gezeigt.

Kleine technische Tipps – den Schlappen über der Strumpfhosen-Schlaufe tragen – gibt es von den alten Hasen gerne, und viele nette Worte der älteren Brunnenspringer, die sich freuen über den Zuwachs in der eingeschworenen Gruppe, die heuer besonders gefeiert wird. Eine besondere Aktion hat Schaible für seinen Abschied am Ende der Saison nicht geplant. Wahrscheinlich wird er aber seinen Rekord vom vergangenen Jahr mit sieben Brunnensprüngen übertrumpfen. Was Marcel Weiss und Julian Schaible am besten am ganzen Spektakel gefällt? Darauf antworten beide gleich: „Es ist einfach alles zusammen, alles was dazu gehört.“ 2018 übernimmt voraussichtlich Timo Steiner den Ehrenposten, der mit vielen Arbeitsstunden zur Fasnetszeit verbunden ist. Dazu gehört auch das Putzen der Kutsche. Auch unterm Jahr repräsentieren die Brunnenspringer die Trommgesellenzunft, sei es beim Sommerfest oder beim Brunnenfest.

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