Bierkeller mit Rosenbeeten

Die Gebäude Lindenstraße 74 und 76 werden bis auf die Reste der Stadtmauer im Innern abgerissen. Anlass für Walter A. Schaupp, auf die fast 150-jährige Geschichte des Hauses zurückzublicken.

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  • Das Gebäude Lindenstraße 74 wird abgerissen. Früher haben hier Schneider Kunze und Arzt Breitmaier gewohnt. 1/3
    Das Gebäude Lindenstraße 74 wird abgerissen. Früher haben hier Schneider Kunze und Arzt Breitmaier gewohnt. Foto: 
  • Umbauplan aus dem Jahr 1906: Architekt Albert Buck hat am Magazin das Scheunentor entfernt und zwei Fenster eingebaut. Repro: Schaupp 2/3
    Umbauplan aus dem Jahr 1906: Architekt Albert Buck hat am Magazin das Scheunentor entfernt und zwei Fenster eingebaut. Repro: Schaupp Foto: 
  • Die alte Flurkarte von 1821 mit dem Einlaß, einem 12 bis 14 Meter starken Tor, das 1847 abgrissen worden ist. Es war damals die einzige Möglichkeit, nachts noch in die Stadt zu kommen. Das Grundstück rechts ist leer. Repro: Schaupp 3/3
    Die alte Flurkarte von 1821 mit dem Einlaß, einem 12 bis 14 Meter starken Tor, das 1847 abgrissen worden ist. Es war damals die einzige Möglichkeit, nachts noch in die Stadt zu kommen. Das Grundstück rechts ist leer. Repro: Schaupp Foto: 
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Die Häuser an der Lindenstraße, die jetzt einer Neubebauung durch die Firma Brotbeck weichen, sind nach Forschungen von Walter A. Schaupp aus Ehingen etwa 150 Jahre alt und waren im Bereich des ehemaligen Einlasses die ersten, die außerhalb der damaligen Stadtmauer gebaut worden sind - als eine Art Aussiedlung eines weiteren Gebäudes, das zum Komplex des Gasthauses Adler gehörte. Der Adler hatte in der Unteren Stadt zwischen Straße und Schmiech mehrere Gebäude, und als dort der Platz zu klein geworden ist, wurde an der Lindenstraße, Abzweigung Webergasse, gebaut. Das genaue Baujahr hat Schaupp nicht in Erfahrung bringen können, die Zeit lässt sich aber eingrenzen: Auf einer Flurkarte von 1821 ist die Parzelle beim "Einlaß" unbebaut (siehe Foto unten). Die Stadtmauer durchtrennt das Gelände. Auf einem Lageplan von 1858 sind dann Häuser eingetragen, darunter auch das Forstamt (Lindenstraße 72).

Die Bebauung an der Lindenstraße, damals als Ortsweg No. 3 bezeichnet, begann Mitte des 19. Jahrhunderts, schließt Schaupp daraus. "Das Grundstück östlich unweit des 1847 abgebrochenen Einlaß war wohl entfernungsmäßig der nächste freie Platz für den Adlerwirt und es wurde hier gebaut", schreibt er in seiner Abhandlung über die Geschichte des Hauses, zu dem er dann in einem geometrischen Handriss und der Mess-Urkunde von 1863/64 erste Angaben gefunden hat: Direkt an die schon auf viele Meter abgebrochene, aber hier noch vorhandene Stadtmauer werden "Keller und Faßremise" genannt mit dem Zusatz "Georg Felder, Adlerwirth".

Mitte des 19. Jahrhundert gab es kein Grundbuch, erklärt Schaupp. Dieses wurde erst 1900 eingeführt. Bis dahin gab es Güterbücher, die alle Besitztümer eines Inhabers aufgelistet haben. Von Ulrich Köpf hat er erfahren, dass früher so genannte untergeordnete Gebäude mit Buchstaben der Stammnummer des Hauptgebäudes nummeriert wurden, auch wenn sie örtlich getrennt vom Hauptgebäude waren. Voraussetzung war, dass die Gebäude alle im selben Eigentum waren und vom Stammgebäude aus genutzt wurden. Danach war das Haus, das in den Lageplan von 1858 als 237h eingetragen ist, das achte Nebengebäude zum Hauptgebäude 237, dem Adler.

"Es ist davon auszugehen, dass das Grundstück und Gebäude Lindenstraße 74 und 76 bereits zu dieser Zeit der Familie ,Felder zum Adler' gehörten und bebaut wurde", schreibt Schaupp. "Denkbar ist es schon deshalb, weil damals zu jeder Gastwirtschaft mit eigener Brauerei eine Landwirtschaft gehörte, die die Grundstoffe für die Brauerei lieferte. Südlich der einstigen Stadtmauer waren um diese Zeit nur Äcker, Felder und Wiesen und gut erreichbar für den landwirtschaftlichen Betrieb. Und der Weg durch die Webergasse zum Adler war auch nicht weit."

Ein Blick in Forschungen von Dr. Johann Franzreb zur Geschichte der Ehinger Wirtschaften zeigt, dass Johann Georg Felder (sen.) vor 1848 gestorben war, denn seine Frau Magdalena, die am 4. November 1848 starb, war bei ihrem Tod bereits Witwe. Sie verteilte ihren Besitz unter ihren Kindern: Georg Felder (jun.) bekam den Adler, sein Bruder Lorenz Felder wurde Wirt im Grünen Baum und die Tochter Josefa wurde mit dem Pflugwirt Johann Luitgart verheiratet.

Adlerwirt Georg Felder heiratete die aus dem Strauß stammende Maria geb. Thomas. Diese erbte später den Strauß, der damit eine Zeitlang zum Adler gehörte. Georg Felder starb im Alter von 56 Jahren. Den Adler hatte sein Sohn August Felder schon vor dessen Tod vom Vater abgekauft. Dieser heiratete die Tochter des Kästlesmüllers, Pauline Manz. August Felder starb am 16. Oktober 1880 mit gerade mal 35 Jahren. Er hinterließ neben der Witwe unmündige Kinder, deren Vormund Löwenwirt Albert Manz wurde.

August Felder war jener Stadtrat Felder, der im Volksfreund für Oberschwaben im Zusammenhang mit dem Brand am 21. August 1875 so erwähnt wird: "Wir haben heute eine Schreckensnacht hinter uns. Durch boshafte Hand oder auch durch unglücklichen Zufall gerieth gestern Nacht 1/2 10 Uhr der im Hofe des Gemeinderaths Felder in der Lindenstraße dahier aufgehäufte Strohvorrath, einige tausend Büscheln, mit dem dort lagernden Holze, Faßdauben ec. in Brand. Die mächtige Lohe schlug himmelhoch an und verbreitete ihren Schein verderbenddrohend über unsere Stadt. Doch hatten wir, Gott sei Dank, ziemliche Windstille und in Folge dessen nahm der gefährliche Brand keine größeren Dimensionen an, was in unmittelbarer Nähe der vorhandenen Gebäulichkeiten wohl leicht hätte geschehen können und namentlich auch deshalb, da der herbeigeeilten Spritzenmannschaft es an hinreichendem Wasser fehlte. Es dürfte somit in dieser Beziehung wohl bessere Vorsorge getroffen werden, sonst könnte bei ähnlichem Falle und unter weniger günstigen Umständen das entfesselte Element eine furchtbare Zerstörung anrichten."

Wichtig war das Gebäude für den Adler vor allem auch als Bierkeller. Schaupp schreibt dazu: " Ca. 8 Meter unter den beiden Gebäuden befindet sich ein Keller. Der Gedanke, der Keller wurde zuerst im früheren Stadtgraben gebaut und dann das Haus obendrauf, muss verworfen werden. In Ehingen wurden Mitte des 19. Jahrhunderts bis kurz vor die Jahrhundertwende weitere Keller geschlagen. Sonnenwirt Florian Dilger z.B. ließ 1856 von Werkmeister Buck an der Schulgasse einen Keller unter einem schon bestehenden landwirtschaftlichen Gebäude bauen." Das geht aus einer in die Wand eingelassenen Steintafel hervor, in die diese Daten eingemeißelt worden waren.

"Der Keller für den Adlerwirt Felder, der seinen Zugang von der Webergasse her hat, ist von der Bauart dem Sonnenwirtkeller sehr ähnlich", schreibt Schaupp. "Hier war also zunächst ein Schacht in die Tiefe gebaut worden, der mit Kalkquadersteinen ausgebaut wurde. Dieser Schacht wurde später als Aufzugschacht genutzt. Der Aufzug wurde im Handbetrieb genutzt und ist noch vorhanden. Neben dem Aufzugsschacht wurde noch eine Wendeltreppe aus Kalkquadersteinen gebaut. Unten angekommen wurde ein Stollen vorangetrieben und zwar Meter für Meter. Dieser Meter Rundbogen wurde mit massiven Backsteinen (Hartbrandziegeln) ausgemauert (. . .) Der Keller erhielt nach Süden 2 Lüftungsschachte und nach Osten einen größeren, der für den Eiseinwurf verwendet wurde. Bei einer Länge von 23,5 Metern und einer Breite von 6 Meter standen immerhin über 140 qm Fläche zur Verfügung. Sogar ein Kellerzugang vom Haus Lindenstraße 76 war geschaffen worden. Er war noch vor dem Krieg zugemauert worden, nachdem ein Hausbewohner hier gestürzt war. Der Keller hatte zwei Unterteilungen, die später verändert wurden. Auch wurde der Kellerboden in späteren Zeiten mit einem Betonglattstrich versehen. Anschließend wurde er von den Nachbarn, Radi und später Vögtle & Waibel, als Lager genutzt."

Schaupp weiß viel über das später in zwei ungleiche Teile geteilte Haus, in dessen rechtem Teil zuletzt seine Tante gewohnt hat. Den hatte im März 1906 der frühere Bärenwirt Karl Braun gekauft und durch den Bauunternehmer und Architekten Albert Buck maßgeblich umbauen lassen. So wurde am früheren Magazin das Scheunentor entfernt und ein bewohnbares Zimmer entstand, indem in die Wand zwei Fenster eingebaut wurden. Die Küche wurde von der Südseite nach Norden verlegt und in der Rückwand, die im Erdgeschoss aus der etwa 1,45 Meter dicken Stadtmauer besteht, ein Fenster eingebaut.

Bewohner des Hauses, das Braun schon 1908 an die Eheleute Kaspar und Mathilde Schwenninger verkauft hatte, waren später unter anderen der Chef des Postamtes, Stefan Sattler mit Familie, die Näherin Maria Buck oder der Arzt Dr. Georg Breitmaier, der nach Angaben Schaupps als herausragender Diagnostiker bekannt war, allerdings auch dafür, dass er wenige Worte machte. Damals hieß das Haus auch "das kleine Josefinum", weil in ihm junge Männer wohnten, die im "Kasten", dem Kolleg St. Josef an der Müllerstraße, keine Unterkunft gefunden hatten. Auch Schneidermeister Hans Kunze hatte hier seine Wohnung; viele Dämonenhäser, die noch heute beim Fasnetsumzug zu sehen sind, stammen ebenso aus seiner Werkstatt wie Uniformen der Ehinger Stadtsoldaten. Und viele renommierte Ehinger ließen ebenfalls bei Hans Kunze aus gutem Tuch den Anzug herstellen.

Draußen hatten lange Zeit Rosenbeete den Weg zur Haustüre gesäumt. "Ausgesucht schöne Rosen, an denen sich viele erfreuten", weiß Schaupp. "Die Wiese war ab dem Frühjahr weiß, nicht weiß vom Schnee, sondern weiß von ungezählten Flächen von Schneeglöckchen. In der damaligen Zeit gab es für viele Familien noch den Sonntagsspaziergang. Ganze Familien blieben am Zaun stehen und hatten ihre Freude an den großflächig verteilten Frühlingsboten."

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