Auf den Bühnen des Irrealen

Moritz Baumgartl hat Ateliers in Paris, Stuttgart - und in Rechtenstein. Die Städtische Galerie Ehingen würdigt sein Werk mit 100 Bildern unterschiedlichsten Formats. Sie erzählen subtile Geschichten des Absurden.

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Im Malerkittel hielt Reiner Schlecker in der Städtischen Galerie im Spethschen Hof die Vernissagerede. In der ersten Reihe Moritz Baumgartl mit Frau sowie Doris Nöth. Foto: Christina Kirsch

Mit Moritz Baumgartl stellt die Städtische Galerie derzeit einen Künstler aus, der nicht mehr um Anerkennung buhlen muss. Moritz Baumgartl ist als Querdenker anerkannt, der surreale Bildräume erschafft, in denen verlorene Wesen aus einer anderen Epoche wie versteinert herumsitzen. Auf den ersten Blick erkennt man Uniformierte, Würdenträger, Steinmetze oder auch Engel. Doch warum vermessen sie einem Krokodil den Rachen? Oder stehen scheinbar fassungslos neben einem überdimensionierten Stern und fragen sich "was machen wir damit?".

Das sollte man sich vor Baumgartls Bildern nicht fragen. Nach längerer Betrachtung geben die Bühnenräume Dinge frei, die aus der Psyche des Betrachters kommen. Leerräume wie Himmel, Brandmauern oder Löcher im Fußboden füllen sich von ganz alleine. Man spüre fast schmerzhaft das Abwesende, meint Volker Sonntag in einem erläuternden Aufsatz zur Ausstellung.

Oft sind es gleichgeschlechtliche Paare, die sich auf Baumgartls Bildern nichts zu sagen haben. Zwei Soldaten sitzen sich an einem Tisch gegenüber und haben eine vom Himmel gefallene Putte vor sich liegen. Das Engelchen trägt einen Anker. Auf einem anderen Bild haben sich Ministranten nicht ganz korrekt vor einer Kirchentür aufgestellt. Darüber züngelt ein wilder Drache nach den Buben. Baumgartl spielt mit Archetypen und zitiert alte Meister, wenn er Dürers Melancholia auf einen Schutthaufen setzt. Daneben ein ausgebranntes Auto. In Baumgartls "Trainingshalle" kann die Sprossenwand nicht erklettert werden, denn der Flaschenzug hängt unerreichbar hoch und im Boden tut sich ein Loch auf. Wozu ist diese Halle dann nütze? Was ist hier passiert? Man kann sich vor Baumgartls Bildern im Unerklärlichen verlieren. Es gebe eine verständliche und eine unverständliche Einführung in das Werk, bemerkte Reiner Schlecker als Vernissageredner. Er habe sich für die unverständliche Einführung entschieden, meinte der Künstler, der dann auch konsequent beim Unverständlichen blieb. Angetan mit einem Malerkittel schwadronierte Reiner Schlecker über das Malerleben und gab eine Art Anleitung, wie man Maler werden könne. "Sie wollen Maler werden" unterstellte er dem Publikum. Egal, ob die Zuhörer Maler werden wollten oder nicht, Reiner Schlecker beschwor in Baumgartls Malerei das "orange Licht der Melancholie" und die "vibrierenden Dunkelpartien der Talflächen".

Tatsächlich gibt es auf den Bildern des 78-Jährigen, der bis 2000 als Professor an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart lehrte, viel zu sehen. Es sind innere Bilder, denn man entdeckt weder Paris, noch Stuttgart und schon gar nicht Rechtenstein.

Info Ausstellungsdauer bis 9. September. Geöffnet Samstag und Sonntag von 14 bis 17 Uhr, Führungen nach Vereinbarung. Am Donnerstag, 5. Juli, 20 Uhr, findet ein Künstlergespräch mit Moritz Baumgartl statt.

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