"Wo ich wohne, bin ich zu Hause"

Vor 90 Jahren kam Anna Gebel in Alexandrowka, 40 Kilometer südwestlich von Omsk, zur Welt. 1996 folgte sie vier ihrer fünf Kinder nach Deutschland.

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Anna Gebel wurde in Sibirien geboren. Morgen feiert sie ihren 90. Geburtstag. Foto: Ingeborg Burkhardt

Die Beine wollen nicht mehr so recht und auch die Hände sind nicht mehr so beweglich wie früher. Deshalb hat Anna Gebel, die an der Erzberger Straße wohnt, vor einiger Zeit die Handarbeiten aufgeben müssen. Geistig ist die Jubilarin noch fit, dennoch will die in dem deutschen Dorf Alexandrowka in Sibirien geborene Tochter eines Landwirts, der in einer Kolchose gearbeitet hat, nicht viel erzählen über ihr Leben in Sibirien und Kirgisien.

Nach knapp drei Jahren Wartezeit hatte sie in Kirgistan die Genehmigung bekommen, zu ihrem Sohn und den drei Töchtern nach Deutschland umsiedeln zu dürfen. Sei 1996 lebt sie in Munderkingen bei einer ihrer Töchter. Die beiden anderen leben ebenfalls in der Donaustadt und kommen sie oft besuchen, ebenso wie der Sohn aus Ehingen sowie die zwölf Enkel mit den acht Urenkeln. Jetzt, zu ihrem 90. Geburtstag, wird die Familie komplett sein, denn dann kommt auch die vierte Tochter aus Russland zu Besuch. "Drei Tage und drei Nächte wird sie mit dem Bus unterwegs sein", erzählt die Jubilarin. Gefeiert werde dann gemeinsam am Wochenende in einer Wirtschaft.

Über 90 Jahre Lebensweg verliert die Seniorin wenig Worte. Mit sieben Geschwistern sei sie aufgewachsen, habe eine deutsche Schule besucht, in der auch Russisch gelehrt worden sei. Wie ihr Vater, so habe auch sie später auf der Kolchose gearbeitet, bis sie ihren Mann kennenlernte, der in derselben "Arbeits-Armee" wie ihr Bruder geschafft habe. Was sie dort "in der Grube" bei Dabaschar während des Zweiten Weltkriegs gemacht hätten, sei geheim gewesen und deshalb hätten beide geschwiegen. Zurück im Raum Omsk habe ihr gesundheitlich angeschlagener Mann mit Pferden die Milch zu den Kälberbetrieben gefahren. Nach dem Tod ihres Mannes im Jahr 1967 habe "sie immer etwas Besseres gesucht", erzählt sie, und sei schließlich nach Kirgisien gezogen, wo sie in der Landwirtschaft für sich und die fünf Kinder den Lebensunterhalt verdient habe.

"Hier in Munderkingen ist es besser zu leben", sagt Anna Gebel. Allerdings vermisst sie doch ein bisschen die gute Luft und die Schwätzchen mit den Nachbarn. "In den Dörfern in Russland stand vor jedem Haus eine Bank und dort hat man abends miteinander gesessen und geplaudert." Dann fügt die Seniorin hinzu: "Wo ich wohne, da bin ich zu Hause."

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