"Wir sind Verbündete"

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Schülern den Ablauf eines Bewerbungsverfahrens zu erklären ist eine der Aufgaben von Nuray Siraz. Die Migrationsbeauftragte der Handwerkskammer Ulm kümmert sich hauptsächlich um türkischstämmige Jugendliche.  Foto: 

Wenn ich da reingehe, bin ich eine von ihnen." Nuray Siraz steht vor der Adalbert-Stifter-Schule. Gleich steht das Thema Bewerbungsprozess auf dem Stundenplan der Schüler der achten Klasse. Die meisten hier haben einen Migrationshintergrund. Siraz hat türkische Wurzeln. Sie ist Migrationsbeauftragte der Handwerkskammer Ulm und hilft Jugendlichen, hauptsächlich türkischstämmigen, eine Lehrstelle zu finden.

Im Unterricht will Siraz den Jugendlichen unter anderem verdeutlichen, wie wichtig es ist, zu wissen, was hier in der Region, in Deutschland passiert - gerade auch beim Bewerbungsgespräch. "Wir leben alle in Deutschland, also solltet ihr auch deutsche Nachrichten anschauen und lesen." Autorität ist gefragt im Umgang mit den Jugendlichen. "Ich verstehe, wenn sie sich auf türkisch unterhalten", sagt Siraz. "Da kann ich dann auch mal auf Türkisch einhaken." Das hinterlasse Eindruck und Respekt. "So nehmen sie es von mir auch an."

Ihr eigener Hintergrund - ihre Eltern kamen in den 1970er Jahren aus der Türkei nach Deutschland, sie wuchs in Gundelfingen auf - und die türkische Sprache helfen ihr, mit den Jugendlichen und auch den Eltern zu sprechen. "Man ist auf dem gleichen Nenner. Für deutsche Kollegen wäre das eine riesen Herausforderung." Auch die Mentalität kennt sie. Wenn bei einem Hausbesuch nicht nur die Eltern und der Jugendliche, sondern die ganze Großfamilie im Wohnzimmer sitzt, ist ihr das vertraut.

Die Eltern sind für Siraz eine wichtige Hilfe, um die jungen Menschen für eine Ausbildung im Handwerk zu begeistern. "Meistens melden sich die Jugendlichen erst kurz vor knapp", berichtet sie. "Im Juli, wenn im September die Ausbildung anfangen soll." Dann sei es aber für den Traumberuf häufig schon zu spät - weil die Noten zu schlecht seien. "Das heißt unter drei. Ich bringe sie dann auf den Boden der Tatsachen zurück. Eigentlich bin ich hier in der achten Klasse richtig, aber da hören sie mir noch nicht zu." Wie deutsche Schüler in dem Alter auch.

Neben Schulbesuchen knüpft Siraz bei Veranstaltungen in den türkischen Vereinen oder auf Festen wie dem Kadirga-Fest in Blaubeuren Kontakte, baut Stände auf, spricht mit den Eltern und Jugendlichen. "Die Arbeit, die ich mache, läuft hauptsächlich über die Eltern", erklärt Siraz. "Die Eltern sind in der türkischen Familie die, die das Sagen haben. Gegen ihr Wort rebellieren nur einzelne." Von ihnen gehe auch meist der Impuls aus, dass die Jugendlichen ein Beratungsgespräch wahrnehmen. "Sie schicken mir die Jugendlichen oder ich komme zu ihnen nach Hause, oder treffe sie im Verein." Momentan seien es noch mehr Jungen als Mädchen, die zu ihr zur Beratung kommen. Aber es werden immer mehr.

Bislang war Siraz hauptsächlich in Heidenheim und dem Ostalbkreis unterwegs. Vor drei Jahren startete die Handwerkskammer das Projekt "Azubi statt ungelernt". Im Mai diesen Jahres hat nun die zweite Phase des Projekts unter dem Titel "Der Weg zum Erfolg. Berufliche Bildung. Mehr Menschen mit Migrationshintergrund in beruflicher Aus- und Weiterbildung" begonnen. Bis heute hat Siraz etwa 70 Jugendliche in eine Ausbildungsstelle vermitteln können.

Um nach dem ersten Gespräch, die Jugendlichen nicht wieder aus dem Blick zu verlieren, kommuniziert Siraz mit ihnen auch über Facebook oder Whatsapp. "Die reden nicht gerne und kommen auch nicht gerne bei mir vorbei." Da sei das der schnellste und unkomplizierteste Weg. "Die Eltern und ich spielen ein gemeinsames Spiel, um die Jugendlichen auf den richtigen Weg zu bringen." Die Betriebe in der Region seien offen, Jugendliche mit Migrationshintergrund einzustellen. Der Fachkräftemangel tue sein weiteres. "Wenn die Jugendlichen sich nicht doof anstellen, kriegen sie auch was." Bis der Jugendliche aber die Probezeit überstanden hätten, "brauchen wir viel Geduld: die Eltern, die Firmen und ich".

Um für jeden die passenden Ausbildungsstelle zu finden, muss die 32-Jährige auch mal Praktika in mehreren Betrieben organisieren. "Wenn es in einem Betrieb nicht passt, ist für die Jugendlichen meist der Beruf unten durch", erklärt Siraz. "Teils liegt es auch nur an der Firma, nicht an dem Beruf." Sie bringe auch unbekanntere Berufe wie Feinwerkmechaniker oder Kaminbauer ins Spiel. "Beliebt sind Bürokauffrau, KFZ-Mechatroniker und alles was mit Metall zu tun hat." Für was sich die Jugendlichen interessieren, liege auch an den Schwerpunkten der beruflichen Schulen vor Ort. "Für Migranten ist es typisch: Wenn die erste Möglichkeit nicht passt, haben sie keine weiteren Ideen." Den Eltern gehe es ähnlich. "Sie halten sich an das, was das Kind vom Nachbarn oder der Neffe gemacht hat."

In ihrem heutigen Beruf ist die gelernte Industriekauffrau glücklich. "Das, was ich früher nebenher gemacht habe, ist jetzt mein Beruf. Etwas besseres kann einem nicht passieren", sagt Siraz. "Für mich gibt es keine Herausforderungen in dem Beruf, denn ich kenne die Situation, bin selber so aufgewachsen." Mit 17 Jahren habe es dann bei ihr klick gemacht, und sie habe angefangen sich für ihr Umfeld zu interessieren. Jetzt hilft sie anderen dabei. Denn: "Wir Migranten in Deutschland sind Verbündete."

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