"Mit Rücktritt ist es nicht getan"

Den Limburger Bischof Tebartz-van Elst halten manche Seelsorger in der Region für "krank" und "selbstherrlich", andere für einen "guten Hirten". Alle sind sich aber einig: Die katholische Kirche muss sich ändern.

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  • Gefallen am Luxus gefunden? Der Limburger Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst im offenen Innenhof der neuen bischöflichen Residenz vor dem Dom. Foto: dpa 1/2
    Gefallen am Luxus gefunden? Der Limburger Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst im offenen Innenhof der neuen bischöflichen Residenz vor dem Dom. Foto: dpa
  • Thomas Keller, stellvertretender Dekan in Ulm: Der Limburger Bischof ist der Realität entflohen. Foto: Simon Rilling 2/2
    Thomas Keller, stellvertretender Dekan in Ulm: Der Limburger Bischof ist der Realität entflohen. Foto: Simon Rilling
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"Offiziell weiß ich ja gar nichts", sagt Pfarrer Thomas Keller zu der Frage, was er von der Affäre um den Limburger Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst hält. Die katholische Kirche habe keine Informationen rausgegeben, aber er wisse genügend aus der Presse. Es sei zweifellos ein "Skandal", wie sich der Bischof verhalten hat, meint der stellvertretende Dekan für den Bezirk Ulm im Dekanat Ehingen-Ulm.

Dem Limburger Bischof wird, wie berichtet, Verschwendung beim Bau der Bischofsresidenz vorgeworfen, über die Kosten soll er gelogen haben - statt 5,5 Millionen Euro liegt die tatsächliche Bausumme bei 31 Millionen Euro. Zudem läuft ein Strafantrag wegen falscher eidesstattlicher Erklärung, es geht um seinen Erste-Klasse-Indienflug.

Skandal Ein Fall von "bischöflicher Selbstherrlichkeit" - Tebartz-van Elst teile diese Linie mit vielen anderen Bischöfen, erklärt Keller. "Das ist eine völlig andere Welt." Er glaube gar nicht, dass der Bischof protzen wolle, er halte das wohl der Würde seines Amtes angemessen. "Kein Bischof braucht so eine Ausstattung", sagt Keller. "Der Mann ist krank, völlig der Realität entflohen." Tebartz-van Elst könne so nicht weiterarbeiten, "da ist keine Basis mehr da". Über das Verhalten des Bischofs ärgere sich seine Gemeinde maßlos, sagt Keller. Etwa jene Mitarbeiter, die ehrenamtlich für die Renovierung von St. Georg gearbeitet haben. Sie kostete zwei Millionen Euro, das Geld war knapp. Entscheidend für ihn sei nicht, wie die Kirche dasteht, sondern wie es weitergeht. "Wir müssen dringend Dinge ändern." Die bischöfliche Vollmacht sollte auf eine breitere Basis gestellt werden. "Wir brauchen mehr Weltlichkeit, Sachverstand in finanziellen Dingen." Ein Kirchenaustritt führe nicht weiter: "Wir sollten kämpfen." Keller übrigens ist oft mit dem Rad in der Stadt unterwegs, er lebe im Pfarrhaus, in ganz normalen Räumen. "Mir wäre ja himmelangst, wenn ich so residieren würde", meint der stellvertretende Dekan.

Übertriebene Kritik Im Kloster Untermarchtal haben die Gläubigen unterschiedliche Meinungen über den Bischof, wie Superior Edgar Briemle bei seinen Gottesdiensten erfährt. Manche seien verärgert über dessen Verhalten. Andere hätten das Gefühl, dass er gezielt ins Kreuzfeuer genommen wird, schließlich würden auch in der Politik riesige Summen verschwendet, was viel schwerwiegender sei. Edgar Briemle selbst hält sich zurück: "Ich kenne nur die Berichte aus den Medien, ich weiß ja nicht, wie es wirklich gewesen ist. Es ist halt schade, weil es der Kirche schadet."

Guter Hirte "Er war bisher ein wunderbarer Bischof für seine Leute", sagt der Vöhringer Pfarrer Michael Menzinger. Tebartz-van Elst habe im Dom das tägliche Rosenkranz-Gebet eingeführt: "großartig". Zudem habe er als Wissenschaftler sehr gut gearbeitet. Kurzum: "Er hat als Hirte seines Bistums über Jahre gut gewirkt." Was die explodierten Kosten für den neuen Bischofssitz angeht, führt Menzinger an, dass Sanierung und Neubau andere begleitet haben müssen. Möglicherweise seien die Sanierungskosten für die historischen Gebäude zu niedrig angesetzt gewesen. Ob die Ausstattung verschwenderisch ist, könne er nicht sagen: "Ich habe noch nichts gesehen." Persönlicher Luxus sei nicht angebracht: "Der Bischof sollte so leben wie die Leute in der Diözese." Allerdings müsse das der Bischof für sich entscheiden. Menzinger würde ihm raten, alles offenzulegen. Der Bischof - für den auch der Grundsatz der Barmherzigkeit gelten sollte - sei nicht beratungsresistent. Menzinger hält einen Rücktritt nicht für nötig, die Frage sei aber, ob die Gläubigen dem Bischof noch abnehmen, was er sagt.

Mehr Kontrolle "Die verantwortlichen Diözesen haben wohl geschlafen", meint Dekan Johann Huber von der Gemeinde Bellenberg. Seiner Ansicht nach sollten die Ausgaben der Bischöfe genauso kontrolliert werden wie die der Pfarrer. Wenn er in seiner Pfarrei größere Projekte umsetzen wolle, müsse er sie vom Bauamt der Diözese Augsburg genehmigen lassen. Wie hingegen die Bischöfe wirtschaften, sei nicht ersichtlich. Den Bischof aus Limburg würde Huber gern in eine Missionspfarrei in die Dritte Welt schicken: "Seine Ansprüche kann ich nicht nachvollziehen. Der Mann ist krank."

Vertrauen in Rom Im Kloster Roggenburg wird der Fall Tebartz-van Elst heftig diskutiert. Pater Konrad ist sich sicher, dass Rom rechtzeitig handeln wird. Unverständlich ist ihm allerdings, wie die Pläne des Limburger Bischofs so weit gedeihen konnten, ohne dass ein Kontrollgremium eingeschritten ist. Verurteilen will Pater Konrad den Bischof jedoch nicht.

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