Zu kalt für den Diesel
Ehingen. Die Fahrer von Diesel-Autos im Raum Ehingen hatten gestern unter Umständen einen holprigen Start in die Woche: Angesichts der Kälte gefror der Kraftstoff, die Abschleppwagen mussten anrücken.
"Es ist ganz schön was los, dauernd ruft jemand an", berichtet Yvonne Beran vom Autohaus Hasieber gestern Vormittag und entschuldigt ihren Chef, der erneut in Sachen Pannenhilfe unterwegs war. Anfragen in anderen Ehingern Autohäusern ergaben dasselbe Bild. Überall war viel zu tun, unabhängig von der Marke - und zwar wegen eines Problems, mit dem es Autofahrer in der Region schon lange nicht mehr zu tun hatten: für Dieselkraftstoff war es zu kalt, der Sprit "versulzte". Auch auf den Straßen rund um Ehingen waren etliche liegengebliebene Dieselfahrzeuge zu sehen.
"Das ist schon extrem, wir haben jetzt schon sechs Autos, bei denen das passiert ist", berichtet Robert Waidmann vom Ehinger Autohaus Boni. Dass das Problem jetzt auftauche, sei ein bisschen überraschend, sagt Waidmann. Die Tankstellen lieferten den Diesel für Temperaturen bis minus 20 oder sogar 24 Grad aus, was in den Wintern zuvor auch ausgereicht habe. Aber wenn beim derzeitigen Frost das Auto draußen geparkt werde und dann der kalte Fahrtwind dazukomme, könne es zu kalt für den Kraftstoff werden.
"Das gibt dann Probleme mit verstopften Filtern", berichtet Hans Waibel vom Ehinger Mercedes-Autohaus Vögtle & Waibel. Auch dort hatten die Fachleute gestern einiges zu tun mit streikenden Diesel-Fahrzeugen, der Abschleppwagen war öfters unterwegs. Die Autofahrer reagierten jedoch mehrheitlich verständnisvoll auf die widrigen Umstände, berichtet Waibel. Dass der Sprit bei mehr als minus 20 Grad gefriert, könne im Übrigen in Schweden nicht passieren, berichtet er - dort wird Polardiesel verkauft, der auch bei wesentlich tieferen Temperaturen nicht schlapp macht.
Beim VW-Autohaus Denzel war der gefrierende Diesel ebenfalls ein Thema. Meist ältere Fahrzeuge seien betroffen, berichtete Jürgen Denzel. "Wenn der Diesel noch zäh wird, gibt das den Autos den Rest." Josef Ummenhofer vom Autohaus in Unterwachingen schildert, was die Mechaniker im Tank und im Filter finden, nachdem sie ein defektes Dieselfahrzeug abgeschleppt haben: Der Kraftstoff wird zähflüssig und verändert die Farbe, "das sieht aus wie Schmierseife", berichtet er. In den Filtern ist ein weißer Belag zu sehen - das erinnere an Milch, sagt Ummenhofer. Robert Waidmann vom Autohaus Boni vermutet, dass der Diesel leichter gefriere, seit verstärkt Bio-Kraftstoff zugesetzt werde. Denn dadurch gelange auch mehr Wasser in den Treibstoff. Tatsächlich enthält Diesel einen höheren Wasseranteil als Benzin und ist deshalb frostanfälliger.
Die Reparatur der liegengebliebenen Fahrzeuge sieht in allen Werkstätten im Raum Ehingen ähnlich aus: Die Autos werden zum Auftauen ins Warme gestellt, und es werden Zusatzstoffe - so genannte Additive - dem Treibstoff beigemischt. Damit soll ein weiteres Einfrieren des Sprits verhindert werden. Allerdings gibt es derzeit angesichts der Niedrigtemparaturen eine immense Nachfrage nach solchen Additiven - zumindest eine Werkstatt in der Region berichtet, dass sie nicht genug von den Zusatzstoffen für alle defekten Dieselfahrzeuge in ihren Hallen herbekomme. Bei der Reparatur tauschen die Werkstätten zudem noch die Kraftstoff-Filter aus.
Die meisten Experten in der Region raten davon ab, einen früher beliebten Trick anzuwenden. Dabei wird dem Diesel Normalbenzin beigemischt, um ihn vor dem Einfrieren zu schützen. "Die modernen Einspritzpumpen sind dafür nicht gemacht", sagt Robert Waidmann.
Auf gar keinen Fall sollte man versuchen, den Diesel mit offener Flamme zu verflüssigen. Beim Versuch, einen Sattelschlepper auf diese Weise flott zu bekommen, haben erst gestern zwei Männer in Rottenacker schwere Verbrennungen erlitten (siehe Seite 19).
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Autor: BERNHARD RAIDT | 07.02.2012
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