Wildfremde angefallen
Ehingen. Weil er seinen Frust auf brutale Weise an Unbeteiligten ausgelassen hatte, ist ein 33-Jähriger gestern zu vier Monaten Haft auf Bewährung verurteilt worden. Ein Zeuge führte vor Gericht die drastische Tat vor.
Seine Verlobte stand ihm mit den Kindern zur Seite: Ein 33-Jähriger aus dem Raum Munderkingen ist gestern in Ehingen zu vier Monaten Haft verurteilt worden, die zur Bewährung ausgesetzt wurde. Der Kfz-Mechaniker hatte am 27. März in einer Munderkinger Gaststätte grundlos auf einen 24-Jährigen eingeschlagen. Er ließ nicht von ihm ab und musste von Kneipenbesuchern losgerissen werden. Wenig später würgte er eine Frau mit einer Hand.
Der geständige Angeklagte sagte gestern, er sei an jenem Tag extrem wütend gewesen. "Ich wusste selbst nicht, was ich tat, hatte einen Blackout", sagte er dem Richter Wolfgang Lampa. Anhand der Vorgeschichte versuchte dieser, den Grund für die brutale Tat zu ergründen und wunderte sich nicht schlecht, als er hörte, dass der Mann seit 15 Jahren verheiratet ist, aber seit 13 Jahren getrennt von seiner Frau lebt. Der Angeklagte schilderte den Zwang, den sein Vater in dieser Zeit auf ihn ausgeübt habe. Trotz der vier Kinder, die sein Sohn mit der jetzigen Freundin hat, wollte er nicht, dass die Ehe geschieden wurde. Paroli bot der Sohn ihm nie, gab er zu. "Ich wurde erzogen, ihm zu gehorchen."
An jenem Tag habe ihm der Vater Prügel angedroht, sagte der 33-Jährige gestern. Er sei daraufhin aus dem Haus gegangen, um zu rauchen. Vor einer Kneipe in der Nähe pöbelte er dann den Cousin seines ersten Opfers wüst an. Als der 24-jährige Zirkusartist aus Singen sich daraufhin einmischte, schlug er diesen kurz darauf mit dem Kopf gegen den Kneipenboden. Das Opfer veranschaulichte gestern die Bewegung, indem er den Zeugenstuhl im hohen Bogen bewegte - dazu muss gesagt werden, dass er im Zirkus Stühle auf seinem Kinn balanciert -, und dann auf den Boden stampfte, um die Intensität des Aufpralls zu demonstrieren. "Er war wie ein wilder Stier, so viel Aggressivität habe ich in meinem Leben noch nie gesehen", sagte das Opfer.
Dann sei er in den Schwitzkasten genommen worden. Dabei sei ihm das Blut abgedrückt worden, sodass er nur dumpf hören konnte und halb ohnmächtig wurde. Der 33-Jährige habe ihm mehrmals mit der Faust ins Gesicht geschlagen, bis ihn Dritte davon abhielten und der geschockte Artist auf die Toilette flüchten konnte. Platzwunden an der Schläfe und am Mund sowie mehrere Prellungen trug er davon.
Der Schläger ging aus der Kneipe weg, kam jedoch wenig später mit seinem Vater wieder. Als dieser einen rauchenden Kneipengast auf der Straße angriff und eine Freundin des Gastes zwischen den beiden schlichten wollte, griff der Sohn diese am Hals und drückte sie gegen eine Scheibe. Sie wurde leicht an der Hand verletzt. "Mir blieb dabei die Luft weg", sagte die 44-jährige Reutlingerin gestern.
An Einzelheiten wollte sich der Angeklagte selbst nicht erinnern. Dass er generell geständig war, hielten ihm Staatsanwaltschaft und Richter zugute, ebenso wie seine begonnene Psychotherapie und seine Entschuldigungen bei den Opfern. Rechtsreferendarin Rosa Zell forderte vier Monate auf Bewährung, der Verteidiger Richard Rohrbacher aus Munderkingen plädierte lediglich für eine Geldstrafe. Lampa schloss sich Zell an und sagte: "Es hätte auch sehr viel schlimmer kommen können." Der Angeklagte habe sich wie die Axt im Walde verhalten. Sein recht mildes Urteil für den einschlägig Vorbestraften nannte er ein "Schnäppchen". Dem Mann wird ein Bewährungshelfer bestellt. Er muss 500 Euro an den Artisten zahlen und die Reparaturkosten der Scheibe sowie die Prozesskosten übernehmen.
Der Vater des Verurteilten ist inzwischen verstorben, der Arbeitslose will nun seine Freundin endlich heiraten.
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Autor: KARIN MITSCHANG | 19.03.2010
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