Von den Minis bis zum Rat

Ehingen.  Das Finden der Kandidaten war mühsam, aber nun wollen sie auch gewählt werden. Am Sonntag, 14. März, ist Kirchengemeinderatswahl. Kandidaten berichten, warum sie sich haben aufstellen lassen.

Alle fünf Jahre ist es so weit: Es gibt Kirchengemeinderatswahlen. Im Vorfeld ist es oft mühsam, genügend Kandidaten zu finden, weil die Zahl der Ausscheidenden groß ist. So treten allein in St. Blasius, der größten Kirchengemeinde der Seelsorgeeinheit Ehingen-Stadt, die Hälfte der Kandidaten nicht mehr an.

Eine davon ist Wilma Beck. Seit 20 Jahren hat die Architektin im Kirchengemeinderat von St. Blasius etwas bewegt. Jetzt sei es Zeit, jüngeren Menschen Platz zum machen, meint die 60-Jährige. 15 Jahre arbeitete sie in der Kinderkirche mit und beriet fachkundig bei Bau-Entscheidungen. Sie habe die Arbeit als interessant empfunden, meint die Ehingerin. Wie andere auch, macht sie sich Gedanken, warum es immer schwieriger wird, Kandidaten zu finden. "Es ist die allgemeine Unverbindlichkeit der Menschen, die sich überall zeigt", meint sie. "Man kommt nicht, man entschuldigt sich nicht", fährt sie fort. Das Desinteresse zeigt sich auch an der Wahlbeteiligung. Im November 2005 gingen in St. Blasius von 4730 Wahlberechtigten 1065 Christen zur Wahl. Das waren gerade einmal 22,33 Prozent. Dieses Jahr dürfen in St. Blasius 5459 Wahlberechtigte ihre Stimme abgeben.

Die Werbetrommel für die Wahl wird in allen kirchlichen Gremien gerührt. Der Bund der deutschen katholischen Jugend (BDKJ) möchte vor allem die jungen Erwachsenen ab 16 dazu ermuntern, ihre Stimme abzugeben. "Gerade für uns als Jugendverbände sind diese demokratischen Gremien ein wertvoller Teil unserer Kirche", erklärt Andrea Heim, BDKJ-Diözesanleiterin in der Erzdiözese Freiburg.

Einer, der an der Lebenswelt der Jugendlichen nahe dran ist, dürfte Julian Reichle sein. Der 23-Jährige lässt sich zum ersten Mal aufstellen und ist der jüngste Kandidat. Wenn Zeitmangel ein Argument wäre, dürfte er sich nicht engagieren, denn der Kfz-Mechatroniker geht derzeit neben der Arbeit noch auf die Meisterschule. "Ich kam als Zivildienstleistender im Jugendbüro intensiv in Kontakt zur Kirche", erzählt der Ehinger. Während seiner Zivildienstzeit lernte er die Leute im Marienheim und Pfarrhaus kennen und ließ sich als Lektor und als Kommunionhelfer gewinnen. "Wenn diese Dienste niemand machen würde, wäre es in der Kirche wieder vorkonziliar. Der Pfarrer würde vorne stehen und alles alleine machen", sagt Reichle. Das ist nicht sein Verständnis von Gottesdienst. "Eine Messe ist die Gemeinschaft aller", erläutert der 23-Jährige. Dafür will er sich engagieren. Julian Reichle sucht die Kirche im Kleinen und vor Ort. Das beginnt für den Ältesten von drei Geschwistern in der Familie. "Da wurde schon immer Ökumene betrieben", erzählt er. Seine Mutter Helga ist katholisch und sein Vater Hans-Peter evangelisch. "So habe ich beides kennen gelernt, sagt er. Deshalb sei ihm auch die Ökumene wichtig, wenn er dem Kirchengemeinderat angehöre. Für Julian Reichle ist das kirchliche Miteinander "normal und ein Wert, der das Engagement lohnt". Außerdem konzentriert er sich auf die "Kirche vor Ort". Dort könne man etwas bewegen.

Auch Frank Thimm ist das erste Mal mit dabei und kandidiert für die Kirchengemeinde St. Michael. Der Ehinger Familienvater wurde von der Kirchengemeinderätin Beate Abele angefragt, ob er sich nicht aufstellen lassen wolle. Der 37-Jährige war viele Jahre Ministrant und ist selber in einer religiösen Familie aufgewachsen. Erst habe er gezögert, sagt der gebürtige Berkacher, "doch dann habe ich mir gedacht, dass die nie zu jüngeren Räten kommen, wenn jeder Nein sagt", sagt der Familienvater. Thimm ist verheiratet und hat zwei Kinder. Mit Jana (6) und Luis (3) gehen die Eltern in die Kinderkirche, Sandra Thimm engagiert sich in den Krabbelgruppen. Das Organisieren und Vorbereiten von Festen liege ihm, meint der 37-Jährige. Außerdem ist es ihm ein Anliegen, dass junge Familien wieder einen Weg zur Kirche finden. Denn manchmal erschrecke er bei der Beobachtung "wie alt die Leute sind, die in die Kirche gehen", sagt Thimm.

Als Wiedereinsteigerin bezeichnet sich Sabine Aich-Aleker, die in St. Michael von 1999 bis 2005 Kirchengemeinderätin war. "Seit ich in Ehingen wohne, engagiere ich mich kirchlich", sagt die Lehrerin. Die Mutter dreier Töchter gründete in St. Michael die Krabbelgruppe, war Kommunionmutter, Firmhelferin und im Frauengesprächskreis aktiv. "Man kann in der Haushaltsplanung Akzente setzen und hat Einfluss auf die Zusammenarbeit in der Seelsorgeeinheit", sagt die Kandidatin. Ihr ist ein "weiter Blick" über die Grenzen der eigenen Kirchengemeinde hinaus wichtig. Denn mit der Seelsorgeeinheit gebe es auch neue Strukturen, die sich in St. Michael auch darin zeigten, dass die zweitgrößte Stadtgemeinde keinen eigenen Pfarrer mehr habe.

An allen Kandidaten zeigt es sich jedoch, dass sich nur aufstellen lässt, wer kirchlich sozialisiert ist und in kirchlichen Gemeinschaften gute Erfahrungen machte. Dass das so bleibt, dafür wollen sich die Kandidaten alle einsetzen.


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Autor: CHRISTINA KIRSCH | 09.03.2010

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