Unterm Stein die uralte Harpune

Schelklingen/Region·.  Steinzeitliche Harpunen, Nadeln oder interessante Rinnen sind bei Ausgrabungen im Hohlen Fels bei Schelklingen ans Tageslicht gekommen. 13 junge Wissenschaftler kratzen 13 000 Jahre alte Ablagerungen ab.

Vor kurzem ist eine neue siebenwöchige Grabungskampagne im Hohlen Fels bei Schelklingen zu Ende gegangen. Neue spektakuläre Funde wie die uralte Venus-Figur waren nicht zu erwarten, sagt Grabungsleiterin Maria Malina. Schließlich arbeite man in einer Schicht, die nur rund 13 000 Jahre alte Ablagerungen aufweist. Damals nutzten Menschen des Magdalénien die Höhle: "Grundsätzlich geht es weniger um Schatzsucherei, als darum, ein besseres Bild des Magdalénien zu erhalten", sagt die Forscherin der Uni Tübingen. Immerhin wurde aber auch aus dieser Zeit schon ein besonderes Kalksteinfragment mit Punktbemalung im Hohlen Fels gefunden, das 1999 für Aufsehen unter Urgeschichtlern sorgte.

Wenn die rund fünf Quadratmeter großen und etwa 90 Zentimeter unter dem heutigen Boden liegenden Grabungsschichten im Blaubeurer Bürgerheim bearbeitet und geordnet sind, lässt sich erstmals das komplette Fundmaterial des Magdalénien aus dem Hohlen Fels begutachten. Interessant ist dabei unter anderem, die schon lange beobachteten Rinnen in den Erdschichten der Höhle genauer zu untersuchen. So hofft man zu erfahren, weshalb es in der Höhle in den Jahren zwischen 26000 und 13000 vor unserer Zeit keine Hinweise auf menschliche Nutzung gibt. "Neuere Überlegungen besagen, dass Sedimente aus dieser langen Zwischenzeit abgetragen worden sind - etwa durch viel Wasser, das durch die Höhle floss", erklärt Maria Malina. Vor etwa 15000 Jahren begannen die großen Eisschilde der letzten Eiszeit abzuschmelzen, die Park-Tundra mit ihren großen Tieren wie Mammut oder Wollnashorn verschwand allmählich nach Norden und die ersten lichten Wälder entstanden. Im Grabungsgebiet stehen daher an besonderen Stellen Gipsblöcke. Die darin enthaltenen Sedimente bieten Querschnitte durch die Ablagerungsschichten des Magdalénien und sollen später unterm Mikroskop Aufschluss darüber geben, was woher angeschwemmt wurde: "Wenn kleine Steinchen von Wasser an eine Stelle transportiert wurden, sind sie nicht so scharfkantig wie andere, die sich schon länger an Ort und Stelle befinden", erläutert Malina.

Es ist eine internationale Grabungsmannschaft von 13 munteren jungen Leuten, die während der vergangenen Wochen im Blaubeurer Bürgerheim untergekommen sind. Drei von ihnen waschen und trocknen einzelne Funde, schreiben Fundzettel oder lesen Feinrückstände in der Blaubeurer Arbeits-Zentrale aus. Drei andere schlemmen und waschen im Steinbruch Gerhausen-Beiningen des Grabungssponsors Heidelberg Cement das Sediment aus der Vogelherdhöhle, das noch von Gustav Rieks Grabung aus dem Jahr 1931 stammt. Die übrigen arbeiten zwischen 7.30 und 18.30 Uhr im Hohlen Fels oder schlemmen das dort gefundene Sediment in der nahegelegenen Ach. "Eigentlich gräbt man hier weniger, als dass man Schicht um Schicht freikratzt", kommentiert der 26-jährige Julian Bega, der als Archäotechniker sein zweites Ausbildungsjahr absolviert und begeistert ist, auf diese Weise tiefere Einblicke in die Menschheitsgeschichte zu bekommen. Er war auch schon bei Grabungen in Saudi-Arabien und bei Schöningen dabei, wo es um rund 8000 und 300 000 Jahre alte Fundstellen ging. Er wie auch die anderen Ausgräber bearbeiten jeweils eine ein Quadratmeter große Fläche und tragen dabei von Mal zu Mal eine drei Zentimeter dicke Sediment-Schicht ab, bevor die nächst-tiefere Lage drankommt. "Es ist schon eine tolle Geschichte, wenn man einen Stein in so einer Grabungsschicht abnimmt und dann liegt darunter eine vollständig erhaltene Harpune", schwärmt Bega von einem Fund, dem er am Tag zuvor gemacht hat. Solche großen Funde werden mit einem Tachymeter exakt nach Lage vermessen, damit Schlussfolgerungen aus der Lage der Funde für Forscher überprüfbar bleiben. Die digitalen Vermessungsgeräte erleichtern die Arbeit enor , Messfehler lassen sich leichter vermeiden - als Joachim Hahn 1977 mit seinen Grabungen im Hohlen Fels begann, wurden die Grabungsquadrate noch mit Hilfe von quer durch die Höhle gespannten Drähten markiert.

Abgesehen von Bega kommen die übrigen Helfer in der Höhle aus dem Ausland - aus Italien, Kanada und den USA. Lars Anderson arbeitet an einer Promotion an der Universität of Michigan, ihn interessieren vor allem die Steinwerkzeuge des Magdalénien - wie sie hergestellt wurden und wie die Steinwerkzeuge des Hohlen Fels auch international in ihrer Zeit einzuordnen sind. So nutzten die Menschen dieser Zeit bereits Holz. Und kleine Steinstücke mit scharfer Kante, wie Lars sie schon gefunden hat, wurden hintereinander mit Hilfe von Holz geschäftet und beispielsweise als Messer verwendet. Laura Falceri, eine Doktorandin, die sich mit Feuerstein-Werkzeugen in Norditalien beschäftigt, freut sich, beim Schlemmen von Sedimenten eine große Nadel mit Öhre gefunden zu haben, der vom Mittelfußknochen eines Rentiers stammt. Laura ist an diesem Tag dafür zuständig, dass die Sediment-Tütchen mit genauer Bezeichnung, die aus einem Viertel Quadratmeter von den Ausgräbern in der Höhle abgetragen wurden, so mit Wasser gespült werden, dass am Ende alle interessanten Reste sichtbar werden: Tierzähne, kleine Schmuckstücke, Fischwirbel. Um all diese Fundstücke lassen sich eigene Geschichten erzählen: So gibt beispielsweise der Fund von Fischwirbeln einen Hinweis darauf, dass sich zu einer bestimmten Zeit des Magdalénien unsere Vorfahren in der Höhle aufgehalten haben müssen. Neandertaler nämlich aßen im Gegensatz zum modernen Menschen so gut wie keinen Fisch, berichtet Malina. Solche Geschichten auf der Grundlage gesicherten Funde erzählen zu können, macht Maria Malina sichtbar Freude.


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Autor: THOMAS SPANHEL | 11.08.2011

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