Diabetiker verurteilt

Wegen starken Unterzuckers hätte ein Autofahrer im Februar anhalten sollen. Stattdessen verursachte er einen Unfall. Er wurde gestern zu einer Geldstrafe verurteilt und erhielt ein Vierteljahr Fahrverbot.

KARIN MITSCHANG |

Alles drehte sich gestern Nachmittag im Ehinger Amtsgericht um Diabetes. Der Angeklagte, ein 40-jähriger Selbstständiger aus Stuttgart, leidet seit 20 Jahren unter der Zuckerkrankheit des Typs 1, und hatte bis zum 15. Februar noch nie ernsthafte Probleme damit.

Er nimmt bis zu sechs Mal täglich Insulin zu sich, kontrolliert den Blutzucker mehrfach. Und doch kam es dann zu einem Unfall mit einem Laster, bei dem zum Glück niemand verletzt wurde. Amtsanwältin Monika Butscher klagte den Mann wegen vorsätzlicher Straßenverkehrsgefährung und Unfallflucht an.

Der Meisterschüler hatte an jenem Abend einen anstrengenden Übungstag an der Berufsschule in Ehingen hinter sich. Wie er gestern schilderte, hatte er noch einen Klassenkameraden nach Berg gefahren und dann hungrig Einkäufe im Supermarkt erledigt, ohne aber zu essen. Statt die Bundesstraße 465 nach Dächingen zu fahren, wo er ein Hotelzimmer gemietet hatte, verfuhr er sich und kam gegen 19 Uhr auf die B 311 nach Ulm.

"Ich muss wohl erst hinter Oberdischingen gewendet haben", sagte er, "ich kann mich aber nicht dran erinnern. Das schieb ich auf den Unterzucker". Den habe er schlagartig bemerkt und habe auch noch anhalten wollen. "Ich wollte es, aber ich konnte nicht. Was ich im Kopf dachte, kam nicht mehr in den Füßen an." Im dichten Feierabendverkehr entglitt ihm eine Gelegenheit nach der anderen, anzuhalten, und auch ein Traubenzuckerstück habe er nicht mehr essen können. "Alles war wie in Watte gepackt."

Wenig später, zwischen Oberdischingen und Gamerschwang, knallte es. Daran hat der 40-Jährige keine Erinnerung mehr. Sein Unfallgegner schon: Der 47-jährige Lastkraftfahrer berichtete gestern als Zeuge, wie er den Kleintransporter, der erst auf der Gegenfahrbahn war, langsam auf seine Straßenseite kommen sah: "Ich dachte mir noch, na, na, na, wo will der denn hin, und riss das Lenkrad im letzten Moment herum, aber er erwischte mich trotzdem". Die gesamte linke Seite des Lastwagens riss der Transporter auf. Am Sattelzug entstand ein Schaden von mehr als 4000 Euro.

Der Transporterfahrer fuhr noch bis Gamerschwang weiter und hielt erst an, als ein Unfallzeuge, der ihm nachgefahren war, wohl mit Lichthupe auf sich aufmerksam machte. Einmal angehalten und mit einer Traubenzuckerdosis versorgt, erholte sich der damals 39-Jährige in Minutenschnelle, wie ein Polizist gestern berichtete. "Zuerst konnte er überhaupt nicht reden, später ging es ihm aber wieder gut und er konnte wieder fahren." Dies hatte ein Notfallmediziner festgestellt.

Wie Gerichtsmediziner Dr. Frank Reuther gestern erklärte, kamen an jenem Abend mehrere ungünstige Faktoren zusammen. Die Anstrengung des Übungstages habe den Diabetiker geschlaucht, hinzu kam der Hunger, und einem Schnelltest zufolge auch ein wenig Alkohol. "Während des Unfalls selbst hat er sicher nichts mehr steuern können, und auch davor war er eingeschränkt steuerungsfähig, konnte aber trotzdem noch Entscheidungen fällen", sagte der Experte. Zudem sei nach einer starken Unterzuckerung die Erinnerung an die vorausgegangenen Ereignisse gestört. Dass sich der Mann nicht mehr richtig an die Minuten vor dem Unfall erinnern kann, sei verständlich.

Nachdem sich abzeichnete, dass weder Richter Wolfgang Lampa noch Amtsanwältin Monika Butscher sich auf eine Einstellung des Verfahrens einlassen würden, plädierte der Stuttgarter Verteidiger Michael Kannicht für eine mäßige Geldstrafe und ein kurzes Fahrverbot. Schließlich sei sein Mandant als Selbstständiger auf sein Auto angewiesen. Dies sei heutzutage fast jeder, meinte Lampa, der den Vorfall zwar als schicksalshafte Folge von Fehlentscheidungen charakterisierte, jedoch auch darauf hinwies, dass der Unfall viel schlimmere Folgen hätte haben können.

Der Richter folgte dem Plädoyer von Monika Butscher, die eine Gesamtfreiheitsstrafe von 40 Tagessätzen zu 30 Euro und ein dreimonatiges Fahrverbot beantragte. Dabei wurde die verminderte Schuldfähigkeit wegen der Unterzuckerung bereits berücksichtigt. Zudem muss der Stuttgarter Familienvater die Verfahrenskosten tragen. Lampa betonte, dass an jenem Abend eine Notlage bestanden habe - und damit das Recht, mit Warnblinkanlage das Fahrzeug am rechten Fahrbahnrand rechtzeitig zum Stehen zu bringen. Bevor es gefährlich wird.

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