Trippeltrippel trippeltrapp

Den Twist hat Franz Lehár wirklich nicht erfunden, aber am Theater Ulm kreist das Operetten-Personal ausgelassen mit dem Becken und dreht die Fußspitzen. "Die lustige Witwe" im 60er-Jahre-Dekor.

JÜRGEN KANOLD |

"Bei jedem Walzerschritt/ tanzt auch die Seele mit", singt Hanna Glawari, die nicht immer lustige Witwe. Aber wenn die Lippen schweigen und die Geigen nur noch flüstern, reißt sich auch Graf Danilo, der abgetakelte Gigolo, fürs Duett zusammen und schmachtet endlich nicht nur Lolo, Dodo oder Jou-Jou an, sondern die wahre Dame seines Herzens: "All die Schritte/ sagen: Bitte/ hab mich lieb."

Sentimental, aber das mit den Schritten ist ernst zu nehmen in dieser Operette von Franz Lehár. Denn es bewegt sich hier das Gefühl, sichtbar körperlich. Jede menschliche Regung kommt aus der Musik und umgekehrt. Schon das Orchester galoppiert zum Auftakt im Prestissimo daher - nicht wirklich, aber immerhin. Und erst diese liederlichen Grisetten samt Valencienne, der "anständgen Frau" des pontevedrinischen Botschafters: "Trippeltrippel trippeltrapp". Aber es geht auch "zippel-zippel, zippel-zapp".

Nur dass darauf weder Can-Can noch Walzer, sondern so etwas wie Twist getanzt wird. Mit dem Becken kreisen, die Fußspitzen drehen und überhaupt dieses Gezappel: Das ist die bevorzugte Lebenshaltung in der Ulmer Inszenierung Benjamin Künzels, er verortet die "Lustige Witwe" in den 1960er Jahren, als eine Hommage an die Fernseh-Operette. Ein Zeitreise in die Anneliese-Rothenberger-Ära, nur leider ohne Anneliese Rothenberger.

Eine tolle Idee: Die vermeintlich altbackene Operette spielt in einer Zeit, wo man dieses ursprünglich frivole Genre artig up to date wiederzubeleben versuchte, nur dass uns heute dieses Dekor und all diese Gesten wiederum als ziemlich verstaubt-spießig bis albern erscheinen. Solch ironisches Spiel mit dem Kitsch hat Witz. Und weil Künzel seine Inszenierung gut durchchoreografiert hat und weil Lehárs "Lustige Witwe" sowieso viele musikalische Hits bietet, fühlte sich ein großer Teil des Premierenpublikums sehr gut unterhalten.

Das Ensemble? "Weib, Weib, Weib, Weib", freuen sich die Männer. "Das hat Rrrrass!", sagt die Glawari. Das trifft auf jeden Fall auf Maria Rosendorfsky als kokette, mitreißende Valencienne zu. Dem Danilo des Tomasz Kaluzny aber fehlte die schlawinerische Geschmeidigkeit in der Stimme schon beim "Maxim"-Auftrittslied; eine Indisposition hatte der Intendant freilich angesagt. Oxana Arkaeva startete als Glawari hochdramatisch wie eine Strauss-Elektra und fand mit ihrem Sopran schwer in den nötigen Operetten-Glamour rein.

Schade nur, dass Regisseur Künzel seine Idee nicht großformatiger ausführt und keine doppelbödige Geschichte erzählt. Nur wer das Programmheftchen liest, weiß wirklich zu schätzen, dass Bühnenbildnerin Britta Lammers mit diesen furchtbar bieder-abstrakten Kulissen in blassbuntem Licht, mit dieser billigen Showtreppe samt funzeliger Lämpchen-Parade einen ziemlich guten Gag gebaut hat. Aber warum diese heimelige, muffige TV-Operetten-Welt nicht in allem Retro-Charme deutlicher zeigen? Etwa den Schauplatz gleich als Fernsehstudio einrichten und eine Live-Produktion der "Lustigen Witwe" als Spiel im Spiel anlegen und dem Publikum damit die Zuschauerperspektive schärfen?

Und, sorry, wenn schon die gute alte Fernsehoperette beschworen wird, dann bitte mit klischeehaftem Fernsehballett: Tänzerinnen im Gardemaß, und dann friedrichstadtpalastmäßig die Beine hoch. Die Grisetten des Theaters Ulm kamen dagegen eher aus dem Verwaltungsbereich, Direktorin Angela Weißhardt selbst tritt für die Nachtclub-Statisterie an; Kostümbildnerin Angela C. Schuett trägt den eigenen Glitzerfummel auf. Eine nette Travestie, furchtlos provinziell, ein Theaterinsider-Besetzungsspaß.

Ja, gehts in dieser Operette nicht sowieso um eine Finanzkrise? Graf Danilo soll fürs Vaterland mit einer Heirat die 20 Millionen der lustigen Witwe Hanna Glawari sichern - das Theater könnte sie auch brauchen. Andererseits zeigt die Grisetten-Einlage natürlich, um was es geht in dieser Inszenierung: um Unterhaltung bis zum Mitklatschen, um ein rhythmisiertes Faschingsvergnügen. Das gelingt mit Chor und Ensemble gut, nicht zuletzt weil Michael Weiger und die Philharmoniker mit einer gehörigen Portion Spielfreude und schwärmerischer Melodienseligkeit diese Lehár-Operette gestalten.

Aus dem Ensemble

Der Routinier 1992, als Christof Loy die "Lustige Witwe" inszenierte, war Hans-Günther Dotzauer noch Graf Danilo - wie auch in Pavel Fiebers Inszenierung von 2002. Diesmal übernahm der Kammersänger den Baron Zeta.

Der Neue Der Isländer Thorsten Sigurdsson, 1984 geboren, gehört neu zum Ensemble und überzeugte jetzt als tänzerischer Camille: mit einem sehr feinen, lyrischen, aber nicht so voluminösen Tenor.

SWP

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