Tiefes Erschaudern

Jammer und Schaudern soll die Tragödie laut Aristoteles' Poetik hervorrufen. Die Klassiker-Adaption "Die Bakchen (Pussy Riot)" am Theater Ulm ist tatsächlich ein starker, spannungsreicher Tragödienabend.

MAGDI ABOUL-KHEIR |

Kurz vor dem grausamen Ende nimmt sich der Seher Theresias Perücke und Bart ab. Er wischt sich die toten Augen weg, erzählt, wie Pentheus, Herrscher von Theben, getötet wird und singt leise "You look different every time", das Leitmotiv. Ja, Pentheus sieht gleich anders aus: Ihm wird der Kopf abgetrennt.

"You look different . . ." erklingt schon zum Auftakt von "Die Bakchen (Pussy Riot)", wenn Dionysos nach Theben kommt. Bruchstücke einer verrosteten Treppe hängen vom Himmel, die Unsterblichen sind hier einst herabgestiegen und wohl wieder entschwunden. Solche starken Bilder hat die Inszenierung etliche, Andreas von Studnitz hat John von Düffels Bearbeitung des Euripides-Klassikers auf die Bühne des Theaters Ulm gebracht.

Düffel arbeitet die Kernkonflikte - Machtkampf, Familienzwist, Rache, Revolte - scharf heraus, doch lässt er Ambivalenz zu: Unschuldig ist hier keiner. Dabei hält er Balance zwischen Archaik und Modernität. Man kann das Stück - auch in der klaren Sprache - als antikes Drama sehen, das zeitgenössischen Widerhall findet; oder als modernen Text, unter dessen Oberfläche das Raunen alter Zeit zu vernehmen ist. Es sind immerwährende Themen: Glauben und Wahn, Freiheit und Gewalt, Eros und Macht, Führung und Verführung. Und stets konvergieren das Politische und das Private.

Zunächst sitzt Anzugträger Pentheus drunten im Bunker (Bühne, Kostüme: Mona Hapke) und blickt wie Big Brother auf einen Monitor. Brutale Szenen vom Majdan sind im Bild, später auch der Aufruhr um Pussy Riot (plumpe Bezüge zu den von Putin inhaftierten Punkrockerinnen spart man sich aber).

Pentheus hat die Macht von seinem Großvater Kadmos übertragen bekommen. Er will die Ordnung verteidigen: Auch gegen diesen Dionysos, Gott des Weines und des Rausches, der sagt, er sei der Sohn von Kadmos' verstoßener Tochter Semele und Zeus. Mit den gespenstisch-haltlosen Bakchen rückt er an und verbreitet seinen Kult.

Drei Frauen in Schwarz stehen bitter, frustriert am Ort, wo Semele vom Blitz erschlagen wurde: Pentheus' Mutter Agaue, ihre Schwestern Autonoe und Ino. Pentheus hält sie wie im Gefängnis. Anstrengen muss sich Dionysos nicht, um die Drei zu locken. Halb zieht er sie, halb sinken sie hin: Autonoe (Christel Mayr) macht der Wein weich, Agaue (Aglaja Stadelmann) kann Dionysos' Lippen nicht widerstehen, Ino (Renate Steinle) will als Jüngste nicht zurückbleiben.

Pentheus ist bald allein. Ein Kind (Julian Schleß) schildert ihm das Treiben der Bakchen. Schließlich lässt er sich von Dionysos überreden, sich in Frauenkleidung selbst ein Bild zu machen. Dionysos aber hat seine eigene ungute Agenda.

Die Regie hält durchgehend ein hohes Spannungsniveau und hat starke Bild-Ideen: etwa der mit blutgetränkten Schwämmen inszenierte Tod Pentheus'. Dazu die Musik: sphärisches Dräuen, Jazzrock-Ausbrüche, immer wieder Robert Wyatts vielsagender "Sea Song".

Wilhelm Schlotterers Kadmos ist weltmüde, sentimental, gern gibt er sich im rotem Kleid der dionysischen Verlockung hin, wird schließlich gar vom blinden Seher geleitet. Aber ist dieser Theresias der wissende Tor oder nicht auch undurchsichtig? Jörg-Heinrich Benthien hat da Lust am Spiel im Spiel.

Und dann die Bakchen: Die Ballettcompagnie schwebt aus dem Boden empor und naht als Zombinen-Schar. Yuka Kawuzo hat sie wie Wiedergänger aus einem japanischen Horrorfilm choreografiert.

Gut ist, wie der intensive Fabian Gröver Pentheus nicht als totalen Tyrannen zeigt: Er ist als Bürokrat und Befehlshaber ein rigider Vertreter der Ratio. Und wie Sidonie von Krosigk als Dionysos mit Dreadlocks, im Anzug, aber barfuß und mit bloßen Oberkörper, aufscheint, das ist magnetisch, enigmatisch.

"Was will der hier?", wird Dionysos/Krosigk gefragt und gibt einen Blick auf seine/ihre Brust frei. Androgynität erweitert den erotischen Assoziationsraum, aber es geht vor allem um die weibliche Seite der Gestalt: Ein Mann wie all die anderen wäre den Frauen egal. Wer er ist? "Ich bin ein Traum, der sich nicht töten lässt." Der Traum von Freiheit?

Ob Dionysos der ist, der er behauptet zu sein, ist gar nicht wichtig. Es geht heute weniger um Götter als um die Taten, die in ihrem Namen vollbracht werden. Und die einem am Ende - die wie gemeißelten letzten Worte sollen hier nicht verraten werden - erschaudern lassen.

Info Nächste Vorstellungen: heute, 22. April sowie 2., 6. und 8. Mai.

Heute, Samstag, 21 Uhr, laden Theater Ulm und vh zu einer Diskussion ins Theaterfoyer ein: "Das Dionysische in der Kunst . . . und Ulm?"

Stippvisite

Euripides sei leider verhindert, scherzte Dramaturgin Nilufar K. Münzing nach der Premiere von "Die Bakchen (Pussy Riot)", dafür sei John von Düffel da. Das stimmte: Der Autor war angereist - schließlich war die Bearbeitung des Klassikers eine Auftragsarbeit für das Theater Ulm, dessen Intendanten Andreas von Studnitz er schon lange kennt. John von Düffel nahm den wohlverdienten Applaus entgegnen, lächelte erfreut, aber aus einer ausgelassenen Premierenfeier für ihn wurde nichts. Denn er ist Dramaturg am Deutschen Theater in Berlin und steckt mitten in einer offenbar fordernden Produktion: Stephan Kimmig inszeniert Friedrich Schillers "Don Carlos" mit Ulrich Matthes als König Philipp, am 30. April ist Premiere. Um 23 Uhr kam sogar eine SMS von Kimmig. Und so musste John von Düffel den Nachtzug nehmen: Abfahrt Ulm 1.16 Uhr, Ankunft Berlin 10.10 Uhr. Statt einer schönen Party.

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