Kunstvolle Oper im Sandkasten: Luigi Cherubinis "Médée"

Eine antike Tragödie mit klassischer Musiksprache und modern theatralisch inszeniert: Cherubinis Oper "Médée" ist am Theater Ulm lohnend zu entdecken. Viel Beifall für Oxana Arkaeva in der Titelpartie.

JÜRGEN KANOLD |

"Jason, ich fordere meine Kinder", steht Akt für Akt auf einem durchsichtigen Plastikplanenvorhang, blutrot und wütend in Großbuchstaben hingeschmiert. Damit ist alles gesagt über die verständliche, aber brutale Motivation Medées (Medea). Sie wird sie am Ende eingefordert haben, die beiden Söhne: Aber dann sind sie tot, aus Rache erstochen von der Mutter.

Eine Oper über eine Familientragödie antiken Ausmaßes ist jetzt am Theater Ulm zu erleben: Luigi Cherubins "Médée" - Liebe, Eifersucht, Rache, Mord. Erst hatte die Königstochter und Zauberin Médée dem Argonauten Jason geholfen, das Goldene Vlies zu stehlen und den Schatz nach Griechenland zu holen; aus Liebe lieferte sich Médée diesem Mann aus, brachte ihm viele Opfer. Doch nach zehn Jahren Ehe verlässt der Held seine Frau und will jetzt Dircé (Edith Lorans) heiraten, die Tochter des korinthischen Königs Créon, und die beiden gemeinsamen Kinder sollen auch bei ihm bleiben. Dass in einer dramatischen Oper von 1797 aus Paris jetzt aber nicht nur ein Sorgerechtsstreit verhandelt wird, ist klar.

Die "Médée" packt das Publikum, wenn es sich auf dieses weitgehend unbekannte Werk erstmal eingelassen hat: Es klingt nach Mozart ("Titus"), besitzt eine Vorahnung von Beethoven'schem Furor und Pathos und auch manchmal schon die romantische Seelentiefe der Italiener. "Welche Töne, mich schaudert!", stöhnt Jason, als die blutrot gewandete, zerfahren-stürmisch frisierte, schon irgendwie im Wahn neben sich stehende Médée seine Hochzeitsfeier mit Dircé stört. Auch das ist bereits 19. Jahrhundert: die monströse, überragende Frauenfigur, die schauerlich wahr singt.

Kein Wunder, dass einst Franz Lachner fast im Geiste Richard Wagners die Rezitative zu dieser eigentlichen Dialogoper der Gattung "Opéra comique" hinzugeschrieben hatte. In Ulm wurden erstmals die von Barockspezialist Alan Curtis neu komponierten französischen Rezitative gesungen, die äußerst straff bis nüchtern, aber stringent die Nummern verbinden. Das war die regelrechte Uraufführung einer Neufassung der mehr als 200 Jahre alten Oper - ein Aperçu für musikwissenschaftliche Spezialisten.

Was zählt, ist die dramatische Wirkung. Und die trat in der Premiere ein, wenngleich Daniel Montané mit den Philharmonikern die Akt-Vorspiele jeweils ziemlich tempogeladen, verschwommen bis tumultuös anging, dann aber Cherubinis flammende, mit vielen Bläserfarben kolorierte Musiksprache kontrolliert effektvoll ausgestaltete.

Oxana Arkaeva gelang in der Titelpartie der Médée eine starke Premiere: angemessen hochdramatisch zwischen abgründig tief und irrlichternd belcantisch. Hier geht's nicht um den abgerundeten Schöngesang, sondern um elementaren Ausdruck. Diese Médée ist gleichwohl keine Megäre, sie changiert auch zwischen heiterer Verwunderung über ihr Schicksal und ungläubigem Entsetzen über die eigene Entschlossenheit. Das demonstriert Oxana Arkaeva eindrucksvoll.

Gilles Ragon hat als Gast-Tenor auch gleich sein Gesten-Repertoire mitgebracht, aber er sang die heikle Partie des Jason mit einer lyrisch-heldischen Stimme überzeugend in der französischen Tradition. Tomasz Kaluzny gehört als Créon zum Ensemble, I Chiao Shih erntete Extra-Beifall als Médées Sklavin Néris.

Igor Folwill inszeniert die "Médée" nicht als heutiges Horror-Psychogramm einer Kindsmörderin aus realistischer Perspektive, er bebildert die Oper archaisch-ästhetisch gediegen: sehr gelungen. Der Schauplatz ist erzählerisch prägnant: Der von einem Gitterrost umgrenzte Sandkasten (Bühne: Hartmut Holz) dient als unheilvoller Kinderspielplatz und fokussiert gleichermaßen die verhängnisvolle Aktion der Erwachsenen.

Tribüne, Lichtmasten, ein lang hingeworfener Vorhang, ein Party-Chor mit Sektgläsern neben schön farbkräftig kostümiertem Sagen-Personal (Angela C. Schuett) mit Papierkronen signalisieren fast brechtische Distanz im Bühnengeschehen. Alles ist theatralisches Spiel - die drastische Tat zeigt Folwill nicht, Médée wirft Puppen in den Sand und Jason vor die Füße. Das schockiert kunstvoll operngerecht.

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