Ehinger Zeugen Jehovas besuchen Gehörlose

Die Ehinger Zeugen Jehovas haben ihre gezielte Suche nach Gehörlosen in der Region Ulm und im Kreis intensiviert. Sie versprechen diesen per Gebärdensprache, dass sie im Paradies wieder werden hören können.

KARIN MITSCHANG | 6 Meinungen

Kurz nach zehn Uhr klingelt es am Sonntag an einer Wohnungstür im Raum Ulm. "Guten Tag, wir sind eine Gehörlosengruppe aus Ehingen und suchen nach gehörlosen Menschen. Kennen Sie vielleicht jemanden?", fragt ein junger, adretter Mann mit freundlichem Gesicht über die Video-Sprechanlage. Dass er mit seinem Begleiter von den Zeugen Jehovas kommt und über die Bibel sprechen will, sagt er erst später, als nachgehakt wird.

Ein "nein, danke" reicht, und die Anhänger der Glaubensgemeinschaft gehen wieder, aber der Vorfall ist für die Bewohner unheimlich. Denn in der Wohnung lebt eine Frau, die einseitig taub ist und in Ehingen arbeitet. Und eine Recherche im Internet, wo Gehörlose von Ähnlichem berichten, erhärtet den Verdacht, dass hier gezielt geklingelt worden ist. Zwar hält die Betroffene mit der Tatsache, dass sie vor einigen Jahren auf der einen Seite ihr Gehör verloren hat, im Allgemeinen nicht hinter dem Berg. Aber jemand, der sie kennt, käme nicht auf die Idee zu meinen, dass sie deswegen in Gebärdensprache sprechen muss. Ist der Gedanke daran abwegig, dass die Information vielleicht aus der Datenbank eines HNO-Arztes gezapft wurde, wo vielleicht nur als Eintrag steht: "Gehörverlust"? Haben Bekannte oder Nachbarn gegenüber Zeugen Jehovas erwähnt, dass sie den Gehörverlust hatte? Etliche Spekulationen kommen auf und hinterlassen einen faden Beigeschmack.

Fakt ist, dass die Glaubensgemeinschaft mit Status der Körperschaft öffentlichen Rechts sich umhört, wo Gehörlose wohnen und diese dann aufsucht, um die "frohe Botschaft" der Bibel mit ihnen zu besprechen. Das räumt der Sprecher der Ehinger Versammlung, Roland Reichert, auf Anfrage zu dem beschriebenen Fall ein: "Wir fragen in Gesprächen nach, wo eventuell Gehörlose zu finden sind. Es kann genauso gut sein, dass Hörende in der Umgebung zu uns gesagt haben: Hört mal, da gibt es jemanden in Ulm oder Neu-Ulm."

Sieben Hörende aus Ehingen haben sich extra für diese Besuche in Gebärdensprache ausbilden lassen, informiert Reichert. Und man habe diese Ansprachen in letzter Zeit in der Tat intensiviert, auch wenn es die Einheit bereits seit 2008 gibt. Da die Ulmer Versammlung keine Gruppe für deutsche Gebärdensprache hat, liege das Einzugsgebiet der Ehinger etwa im Radius von 50 Kilometern. Dass die Aktiven bei ihren Hausbesuchen einen Datensatz mit Adressen abarbeiten, wie Betroffene vermuten, bestreitet Reichert: "Wir erfassen dazu zentral keine personenbezogenen Daten; das ist laut Datenschutzrecht nicht erlaubt."

Gehörlosenverbände und Aussteiger berichten von diesem gezielten Gebaren der Zeugen in ganz Deutschland. Kritiker bemängeln dabei, dass die Menschen mit Behinderung in "ihrer" Sprache angegangen werden, worüber sie sich zunächst freuen. Und es könne daher ein Leichtes sein, sie für die Glaubensgemeinschaft zu gewinnen. "Verzweifelte Menschen lassen sich einfach verführen", sagt etwa die Aussteigern Barbara Kohout von der Augsburger Selbsthilfegruppe "SeelNot". Sie hält Vorträge zum Thema und findet, auf den Hausbesuch angesprochen: "Es ist unheimlich. Mich erreichen derzeit solche verwunderten Anfragen aus dem süddeutschen Raum verstärkt."

Die langjährige Zeugin Jehovas, die in ihrer Zeit in der Gemeinschaft einen immensen Druck und starke soziale Kontrolle von dieser verspürt hatte, berichtet, dass die Missionare generell bei ihren Besuchen Informationen über die Bewohnerzahl und über persönliche Situationen sammeln würden - "ob es Kinder gibt, Alte, Kranke oder eben Menschen mit Behinderungen. Zur Not befragt man die Nachbarn". Diese Informationen würden sorgfältig notiert - "teilweise sogar, worüber man gesprochen hat".

Spezielle Videos in Gebärdensprache werden Kohout zufolge kostenlos an Gehörlose verteilt. Die Ehinger Versammlung findet an ihrem Gebaren nichts Verwerfliches. Reichert: "Auch unsere russische Gruppe geht gezielt zu Haushalten mit russischstämmigen Menschen. Sie erkennt anhand der Namen, wer infrage kommt." Weil Jehovas Zeugen "alle Menschen erreichen wollen, sowohl Hörende als auch Gehörlose", seien die Aktivitäten jetzt verstärkt worden. "Um Sie einzuladen, zu unseren öffentlichen Gottesdiensten zu kommen. Da ist nichts Geheimes dran. Gehörlose liegen uns sehr am Herzen. Auch sie können aus der Bibel Hoffnung schöpfen, denn sie sagt: ,Zu jener Zeit werden die Augen der Blinden geöffnet, und die Ohren der Tauben, sie werden aufgetan (Jes. 35,5). Diese Worte wird Gott im künftigen Paradies erfüllen."

Gruppenleiter der Ehinger Gehörlosengruppe der Zeugen Jehovas ist Micha Witkowski. Derzeit kommen vier bis sechs Gehörlose zu Gruppenzusammenkünften, um per Video und mittels spezieller DVD anhand von Stellen aus dem Alten und Neuen Testament Fragen zu beantworten wie: Warum lässt Gott Leid zu, was ist unter Gottes Königreich zu verstehen, wer ist Jesus und was bringt die Zukunft. Der Gruppe gehört auch ein Taubblinder an, der per Gebärdensprache in die Hand "sprechen" kann.

Info
Bei der eingangs im Text erwähnten Person mit Taubheit auf einem Ohr handelt es sich um die Autorin des Artikels.

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6 Kommentare

10.01.2014 10:36 Uhr

Bitte realistisch und ehrlich bleiben

1. - Verspricht die Bibel das Gehörlose im Paradies ihr Gehör wieder erhalten.
2. - Zapfen ZJ keine Datenbanken von Ärzten an (ZJ sind nicht die NSA)
3. - Frau K. als Quelle erklärt alles.

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18.01.2014 11:06 Uhr

Antwort auf „Menschen mit Behinderung dürfen nicht instrumentalisiert werden”

Wer will bitte schön Geburtstag feiern, wenn er weiß, dass das Fest heidnischer Natur ist? (lesen sie bitte 1.Mose 40:20-22 und Matthäus 14:6-11)

Ich! Lesen Sie bitte mal die Bibel, aber bitte nicht ihre (spiritistischer Hintergrund), hier mal ein Beispiel:

Zweites Buch der Könige 2, 23-24: Was ihr Gott wünscht = Mord an Kindern unter Benutzung von Tieren

Und darauf warten Sie, jeden Tag und jede Stunde - das Ende ist nahe oder wie ihr Richter Rutherford es 1918 in einem Vortrag verkündete: Millionen jetzt lebender werden nie sterben! Hätte er mal besser die Bibel studiert, aber Moment, er ist doch von ihrem Gottes Geist geleitet gewesen.

Hören Sie auf Lügen hier zu verbreiten und beschäftigen Sie sich lieber mit dem Ursprung und der Historie ihrer fundamentalistischen Religionsgemeinschaft, anstatt gehörlose Menschen zu manipulieren und Heiden zu verunglimpfen.

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14.01.2014 23:16 Uhr

Und was daran soll "besonders perfide" sein?

Was genau soll daran "besonders perfide" (= wortbrüchig, treulos, unredlich) daran, dass gläubige Hörende extra die Gebärdensprache erlernen, um sich mit jenen Gehörlosen, die das wünschen, verständigen zu können?
Ich denke, dass man das eher als "selbstlos", "aufgeschlossen" oder "karitativ" bezeichnen sollte, statt Andersgläubige mit dem Wort "perfide" pauschal abzustempeln.

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14.01.2014 16:29 Uhr

unvoreingenommene Berichterstattung sind andre aus

"sagt etwa die Aussteigern Barbara Kohout von der Augsburger Selbsthilfegruppe "Seenot""

Dass sie eine Aussteigerin zu Wort kommen lassen, die kein "gutes Haar" an der Glaubensgemeinschaft lässt sagt schon alles aus.

Fragen sie einen Angestellten der entlassen wurde über seinen ehemaligen Chef aus. Da werden sie viele finden die gezielt versuchen zu diffamieren.

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11.01.2014 09:44 Uhr

Menschen mit Behinderung dürfen nicht instrumentalisiert werden

Die erste Seite der SWP in Ehingen...am Wochenende. Leider konnte ich telefonisch die Redaktion nicht erreichen. Was will man von der Dorfpresse auch schon erwarten? Objektive und neutrale Berichterstattung oder ein Forum für Manipulative Artikel? Kostenlose Werbung für eine Religionsgemeinschaft, die ihren Mitgliedern befiehlt bei einer Operation Blutkonserven zu verweigern und im Notfall dafür zu sterben? Mitglieder die sich nicht mehr an die ZJ Regeln halten, wie z. B. Die Geburtstag feiern wollen auszuschließen? Niemand der ZJ darf dann mit diesen Ausgeschlossenen mehr reden? Super Arbeit SWP...bin auf die Reaktionen im Internet gespannt. Werde mit Eurem Artikel werben.

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14.01.2014 16:42 Uhr

Antwort auf „Menschen mit Behinderung dürfen nicht instrumentalisiert werden”

@ Tanja P. - "Kostenlose Werbung für eine Religionsgemeinschaft, die ihren Mitgliedern befiehlt bei einer Operation Blutkonserven zu verweigern und im Notfall dafür zu sterben? Mitglieder die sich nicht mehr an die ZJ Regeln halten, wie z. B. Die Geburtstag feiern wollen auszuschließen? Niemand der ZJ darf dann mit diesen Ausgeschlossenen mehr reden? "

1. Die ZJ brauchen keine kostenlose Werbung, da sie - wie Jesus es gebot (lesen sie bitte Matthäus 28:19,20) - sich selbst auf die Suche nach schafähnlichen Menschen machen und versuchen ihnen die gute Botschaft der Bibel von etwas Besserem näher zu bringen (lesen sie bitte Jesaja 52:7)

2. Die Dinge braucht eine Religionsgemeinschaft einem überzeugten Gläubigen nicht zu "befehlen", da er - durch ein gründliches Bibelstudium - weiß was Gott wünscht.

Wer will bitte schön Geburtstag feiern, wenn er weiß, dass das Fest heidnischer Natur ist? (lesen sie bitte 1.Mose 40:20-22 und Matthäus 14:6-11)

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