Der Zahn unserer Zeit

Wie gehaltvolle Zutaten im Wok werden Schicksale vermischt, auf mittlerer Flamme geköchelt und nicht zu scharf serviert: "Der goldene Drache" am Theater Ulm. Man sollte aber Hunger mitbringen.

MAGDI ABOUL-KHEIR |

Alles beginnt mit einem Zahn. Und mit diesem Zahn endet es auch. Dazwischen ist alles, pardon, bestens verzahnt. Aber fehlt trotz allem nicht der rechte Biss?

Der Zuschauer hat an Oliver Haffners Inszenierung von "Der goldene Drache" am Theater Ulm einiges zu kauen - und ist gefordert, die einzelnen Bissen wieder zusammenzusetzen. Roland Schimmelpfennig hat sein preisgekröntes Stück nämlich aus 48 Szenen collagiert, besser gesagt: aus Szenenpartikeln. Nach und nach setzt sich ein Bild zusammen, und immer besser vermag der Zuschauer zu erkennen, wie passgenau alles gearbeitet ist.

Mit dem Zahn also geht es los. Der wird einem chinesischen Jungen in der Küche des Asia-Schnellrestaurants "Der goldene Drache" gezogen - zum Arzt kann er nicht, weil er illegal im Land ist. Der blutige Zahn landet in einer Thai-Suppe, dann im Mund eines Gasts, einer Stewardess. Die steckt ihn in ihre Tasche, nimmt ihn mit nach Hause, irgendwann landet er in einem Fluss. In dem inzwischen auch der Küchenjunge treibt.

Viele weitere Menschen fristen rund um das Lokal ihr Leben. Die Kollegin der Stewardess und ihr Macker. Ein alter Mann, der mit dem Vergehen des Lebens hadert. Seine Enkelin, die schwanger ist, und deren Freund, der damit nicht zurechtkommt. Ein Mann, der von seiner Frau wegen eines anderen verlassen wird und besoffen in einen Lebensmittelladen geht, dessen Inhaber ein dunkles Geheimnis hat. Was wiederum mit einer "Grille" zu tun hat und mit einer "Ameise": einem chinesischen Mädchen, das zur Prostitution gezwungen wird.

Diese Szenen sind ineinander verschränkt, sie werden angerissen, aus- und übergeblendet, der Erzählfluss wird unter- und aufgebrochen, Grenzen der Realität werden überschritten. Hinzu kommt: Die insgesamt 15 Figuren werden von nur fünf Akteuren gespielt. Alle tragen einen asiatisch angehauchten Einheitsdress (Kostüme, Bühne: Britta Lammers), ein weißes Tüchlein markiert die Wechsel: mal Stirnband, mal Schal, mal Augenbinde.

Beispiel Fabian Gröver: Eben noch ist er "Inga, 31, blond", alsbald ein Koch, dann eine verlassene Frau, und schon wieder Stewardess Inga. Christian Streit, Christel Mayr Aglaja Stadelmann und Maximilian Wigger-Suttner bewältigen das gleiche bemerkenswerte Pensum. Einmal fragt die Stewardess: "Wenn ich ein anderer Mensch sein könnte. Und ich mal tauschen könnte. Wie wäre das?" Darin liegt ein Kern der Inszenierung, sie zeigt damit die Willkür des Schicksals: wie und wo man geboren wird und lebt, ob arm oder reich, ob oben oder unten, ob im Westen oder im Osten.

Die Figuren beobachten, kommentieren sich gegenseitig, sind mal Handelnde, mal Erzählende, mal Betrachtende. Nicht nur Schnitte, auch Brüche gehören zum Erzählprinzip: Regieanweisungen ("kurze Pause") werden mit vorgetragen, hinzu kommen stete Einwürfe aus der Küche ("Nummer 25, Bami Pat, gebratene Eiernudeln mit Hähnchenbrustfilet und frischem Gemüse") - das hätte freilich schärfer serviert werden können.

Der Zuschauer mag sich zunächst fragen: Was davon ist lustig gemeint? Schließlich gibt es auch Slapstick. Bis deutlich wird: Dieses Geschehen zwischen Kochcontainer ("alles eng, alles klein, alles heiß"), Tischen, Stühlen und Kühlschrank ist ziemlich bitter. "Take Away" leuchtet im Hintergrund. Ja, Nehmen und geben, aber so einfach ist es auf der Welt nicht.

Letztlich geht es um Leben und Tod, um das Aufgeworfen- und Verlorensein im fragmentierten und globalisierten, entgrenzten und vernetzten Heute, in dem alles und jeder irgendwie zusammenhängt. Und so sucht jeder etwas, findet es aber nicht, und manche nehmen sich dann halt, was sie stattdessen finden. Auch mit Gewalt.

Hätte das konturierter, greller erzählt werden müssen, sprachlich markanter? Nun, Haffner gelingt es mit seiner Sichtweise, Kitsch, Klischees und Zeigefingertheater aus dem Weg zu gehen. Er setzt darauf, dass die Miniaturen auch so wirken: anrührend, erschreckend, irritierend. Der Applaus im Großen Haus zeigte, dass ihm dies leider nicht durchweg gelungen ist.

Am Ende ist ein Mensch fort. Der Zahn ebenso. Als ob sie beide nie dagewesen wären. Diesem Theaterabend aber sollte man leise, achtsam in sich nachspüren.

Info Nächste Vorstellungen: heute, 7., 11., 13., 20. und 25. März.

Fotos zum Stück: swp.de/bilder

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