Bauern diskutieren über den Umgang mit Aldi & Co.

Was tun gegen einen Trend, der sich gegen Tierhaltung richtet? Wie umgehen mit der Marktmacht von Aldi, Lidl, Rewe & Co.? Diese Themen prägten den Bauerntag. Hans Götz verabschiedete sich.

BERNHARD RAIDT | 1 Meinung

Es war die letzte Rede von Hans Götz als Vorsitzender des Kreisbauernverbands Ulm-Ehingen beim Bauerntag. Nach 24 Jahren an der Spitze tritt der Ehinger Götz nicht mehr zur Wahl an. Auch seine Stellvertreter Georg Bendele und Günter Braig hören auf. Götz verabschiedete sich in einer emotionalen Rede zum Schluss des Bauerntags, die Gäste in der vollen Lindenhalle erhoben sich zum Abschieds-Beifall für ihn.

Zuvor hatte Götz erneut die schwierige Situation der Bauern geschildert. Vor allem bei den Schweinehaltern sei die Lage dramatisch. Die Preise seien erheblich niedriger als im Vorjahr. Einem Betrieb mit 200 Zuchtsauen fehlten etwa im Jahr rund 50 000 Euro. "Das halten die Ferkelerzeuger nicht mehr lange aus", sagte Götz. In den vergangenen fünf Jahren hätten rund ein Drittel der Schweinehalter in Baden-Württemberg aufgehört. Auch für die Milchbauern sei die Lage schlimm: Der Preis für einen Liter Milch sei von 35 Cent auf rund 30 Cent pro Kilogramm gerutscht. "Den Bauern in unserem Verbandsgebiet fehlen so rund 7,25 Millionen Euro Milchgeld im Jahr", rechnete Götz vor. Die Bauern mussten auch geringere Ernteerträge aufgrund der großen Trockenheit verkraften. Obwohl die Ernte geringer ausfiel, fiel auch der Preis für Getreide.

Verärgert zeigte sich Götz über die Initiative Tierwohl. Viele Schweinehalter seien mit Euphorie in das Programm gestartet und hätten das Platzangebot für die Schweine großzügig erneuert und etwa Spielecken für die Tiere in die Ställe eingebaut. 4700 Betriebe hätten sich dann für das Programm angemeldet. "Die Enttäuschung folgte prompt", sagte Götz. Das Geld reichte nur für 2100 Betriebe, die Lebensmittelhändler, die die Initiative tragen, seien nicht bereit, Geld nachzuschießen. "Aldi, Lidl, Rewe & Co. werben mit der Initiative Tierwohl, obwohl nur 7 Prozent des Fleisches dabei sind"; sagte Götz. Das sei scheinheilige Heuchelei. Dafür gab's Beifall. Sorgen machte Götz auch das kommende Kastrationsverbot von Ebern. Das werde eher nicht dem Tierschutz dienen, weil es zu mehr Verletzungen bei den Schweinen führe, prophezeite er. Zu seinen Wünschen zählte er unter anderem die Aufnahme des Bibers in das Jagdgesetz. Angesichts voller Märkte müsse es auch erlaubt sein, emotionslos über eine Aussetzung der Förderung der Stallbauten nachzudenken, die der Produktionssteigerung dienen.

Spannende Fakten bot dann Professor Folkhard Isermeyer vom Johann von Thünen-Institut Braunschweig. Isermeyers Institut untersucht die Entwicklung der Agrarmärkte weltweit. Nicht in den USA, sondern in Asien sei in den vergangenen Jahrzehnten der große Fortschritt bei den Erträgen erfolgt, berichtete er - und das ohne eine starke Zunahme der Großbetriebe. Die deutsche Landwirtschaft schlage sich nicht schlecht auf dem Weltmarkt. Isermeyer zeigte zeigte am Schaubild die enge Verbindung zwischen Rohölpreis und dem Preis für Pflanzenöl. Wenn der Erdölpreis steigen würde, würde er sich um die Preise für Pflanzen keine Sorgen machen, sagte er. Zum Thema Bio-Kraftstoffe (Ethanol und Bio-Diesel) sagte er, dass der von der Politik getriebene Boom vorbei sei. Der Ackerbau werde ein zunehmendes Problem mit dem Pflanzenschutz bekommen - er erwartet etwa zunehmende Resistenzen und strengere Zulassungsvorschriften. Womöglich müsste wieder mehr konventioneller Ackerbau betrieben werden. Eine weitere Lösung nannte Isermeyer zum Schluss des Vortrags: Die Bearbeitung des Bodens mit autonomen Fahrzeugen - ein Zukunftsthema. Der Konflikt in der Tierhaltung sei kompliziert: Landwirte - und auch Wissenschaft - hätten schon nicht mehr die Deutungshoheit, etwa, was das Thema Massentierhaltung betreffe. Der Experte empfahl den Landwirten, sich Verbündete zu suchen. In Frage komme sogar der Tierschutzbund, der ebenfalls unter Druck stehe - nämlich von Vegetariern, die komplett gegen Tierhaltung seien. Das "zarte Pflänzchen" der Verbindung zum Lebensmittelhandel solle nicht zerstört, sondern ausgebaut werden, empfahl er. Unter den Landwirten lösten diese Thesen einige Diskussionen aus. Unverständnis war zu vernehmen - etwa darüber, dass Medien und Gesellschaft den Bauern nicht mehr glaubten, dass sie bestens über das Tierwohl Bescheid wüssten. Isermeyer empfahl, sich den Realitäten zu stellen. Noch sei es Zeit, auf die Mitte der Gesellschaft Einfluss zu nehme. Dazu brauche es aber Kooperationen mit Politik und Verbänden.

Auch Ehingen OB Alexander Baumann, die Landtagsabgeordneten Filius (Grüne) und Traub (CDU) sowie Renate Wolf von den Landfrauen sprachen. Der neue Geschäftsführer des Kreisbauernverbands, Martin Fischer, berichtete von einer weiter sinkenden Tendenz bei den Mitgliederzahlen.

1 Kommentar

09.01.2016 14:44 Uhr

Initiative Tierwohl ist Etikettenschwindel!

Klar, die Initiative Tierwohl konnte angesichts fehlender Transparenz nur ein Flop werden, weil
- der Verbraucher nicht weiß, welche der angebotenen Produkte tatsächlich von Tieren stammen, die unter wenigstens marginal verbesserten Bedingungen aufwuchsen und
- die Kriterien nicht klar umrissen sind, da die Mäster unter verschiedenen Auflagen auswählen können.
Dem Einzelhandel ging und geht es offensichtlich nur um Imagepflege und Absicherung des Umsatzes. Deshalb empfiehlt die Arbeitsgemeinschaft für artgerechte Nutztierhaltung e.V. (AGfaN), nur Fleisch zu kaufen, das von Neuland-Betrieben oder Bio-Höfen stammt.

Mit der Forderung nach Aussetzung der Förderung von Stallneubauten nähert sich Herr Götz inhaltlich den Zielen der Bürgerinitiativen und Vereine, die sich zum Beispiel im Agrarbündnis „Bauernhöfe statt Agrarfabriken“ und anderen zusammengeschlossen haben.

Bemerkenswert ist der an die Landwirte gerichtete Appell von Herrn Prof. Isermeyer, sich der Realität zu stellen. Angesichts der vom Bauernverband im Interesse der Agrarindustriellen geforderten Exportorientierung und dessen Ratlosigkeit im Zusammenhang mit dem ruinösen Milchpreis, bedeutet dies, in Erwägung zu ziehen, sich bei der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft e.V. (www.abl-ev.de) und dem Bundesverband Deutscher Milchviehhalter e.V. (bdm-verband.org) zu informieren und auch anzuschließen. Die AGfaN fordert darüber hinaus schon seit Jahren, dass der Bauernverband und andere Lobbyverbände, aber auch die Fleischwerbung die Verbraucher nicht mehr mit idyllischen Bildern und irreführenden Behauptungen von den tierquälerischen Lebensbedingungen der Nutztiere ablenken.

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