Mubaraks Leute sind noch da

Ehingen/Ulm.  Bis sich Ägypten in einen demokratischen Staat verwandelt haben wird, ist es noch ein weiter Weg. Die Politikwissenschaftlerin Sahra Gemeinder schätzt, dass dieser Prozess 20 bis 30 Jahre dauern wird.

. Als die Ulmer Volkshochschule (vh) im Oktober zum Wochenendseminar "Fokus Nahost" geladen hatte, interessierte sich gerade mal ein Dutzend Leute für das Thema. Schon damals berichteten die Referenten - darunter die 27-jährige deutsch-ägyptische Doktorandin Sahra Gemeinder, Vorsitzende des Ulmer Vereins "Freunde des Orients", und der Islamwissenschaft-Student Philipp Spalek, 26, - über die aktuelle Lage in Ägypten. In den zurückliegenden Wochen stand das Land am Nil im Zentrum der Aufmerksamkeit. Am Freitag trat Präsident Hosni Mubarak nach 17-tägigem Dauerprotest Hunderttausender gegen das Regime vom Amt zurück. Somit lag es auf der Hand, dass das Interesse an der für Samstag in der vh angesetzten Ägypten-Veranstaltung weit größer ausfallen würde: Der Club Orange reichte kaum aus.

Gemeinder wie Spalek hatten einen Großteil der Massenproteste in der ägyptischen Hauptstadt Kairo hautnah miterlebt. Die Nahostwissenschaftlerin aus Ehingen arbeitet ein Jahr lang für die Konrad-Adenauer-Stiftung in Kairo. Der Freiburger Student Spalek fotografierte für eine Kairoer Oppositionszeitung.

Angesichts von Mubaraks Rücktritt, der sich in seiner Regierungszeit ein Vermögen von umgerechnet 30 bis 50 Milliarden Euro angeeignet haben soll, wertet es Gemeinder als "wundervoll, was da passiert ist". Nach allen Grausamkeiten und allem Taktieren, mit dem das System versucht hatte, seine Macht zu halten, habe sie diesen Schritt nicht so schnell erwartet. Gemeinder warnte die Zuhörer aber davor anzunehmen, dass sich Ägypten damit schon auf dem Weg zur Demokratie befinde. Mubaraks Rückzug sei nur eine von sechs zentralen Forderungen der Demonstranten gewesen. "Noch ist nichts vorbei." Die jetzige Regierung werde ausschließlich von Männern gebildet, die Mubarak seit Jahrzehnten treu ergeben waren. "Mubarak ist weg, aber seine Leute sind noch da." Die 1981 übers Land verhängten Notstandsgesetze gelten nach wie vor. Die heutige Verfassung stehe einer Wandlung Ägyptens zu einem demokratischen Staat diametral entgegen.

Als erstes sei es unumgänglich, das Parlament aufzulösen und die Verfassung zu ändern, anders seien freie Wahlen im Herbst nicht möglich. "Falls alles gut läuft, wird es noch 20 oder 30 Jahre dauern, bis Ägypten sich in ein demokratisches Land gewandelt hat", schätzt die junge Frau. Die Muslimbrüder stellten zwar die größte Opposition im Land und Ägypten sei eine weitgehend islamische Nation - ein Abgleiten in einen islamistischen Gottesstaat sieht sie allerdings nicht. "Wenn Sie Ägypten helfen wollen", forderte sie ihre Zuhörer auf, "fliegen Sie hin und machen dort Urlaub. Es ist ein fremdenfreundliches und nach wie vor sicheres Land."


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Autor: JÜRGEN BUCHTA | 15.02.2011

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