Mit Reclamheft und Plastikschwert

Mit welchem Witz und welcher Spiellaune Aglaja Stadelmann jetzt in der Podium-Bar Schillers Johanna "fast forward" gibt, macht einfach Vergnügen.

Es war wirklich schade um die "Jungfrau von Orleans" letzten Sommer. Erstens einmal, dass zu wenig Zuschauer zu dieser guten Produktion in die Wilhelmsburg hinauf kamen. Und dass sie zweitens nicht noch ins Große Haus transferiert werden konnte. Die Schauspielerin Aglaja Stadelmann aber, die Schillers frommer Kriegerin soviel Ernst wie Feuer mitgegeben hatte, ließ es beim Bedauern um die nur kurze Verweildauer dieser Rolle nicht bewenden. Johanna sollte am Karajan-Platz wiederkehren. So erarbeitete die Schauspielerin gemeinsam mit Theaterpädagogin Nele Neitzke einen Bühnenabend, der die gekürzte und personell dezimierte Fassung, die Intendant Andreas von Studnitz für seine Inszenierung erstellt hatte, noch einmal komprimiert. Und in dem Aglaja Stadelmann alle verbliebenen Rollen der romantischen Tragödie spielt.

Ernsthaft? Natürlich nicht! In der Podium-Bar des Theaters hatte jetzt eine "Jungfrau" Premiere, die im Lauf einer knappen Stunde zwar Schiller-Text nicht zu knapp zu bieten hat. Das kann man versichern. Eine "Jungfrau" vor allem aber, die ein großes Talent für Komik offenbart, eine fantasievolle, liebenswürdige Komik, die zeigt, wie gut Stadelmann und Neitzke das Stück intus haben. Die jede Menge Anlass zum Lachen gibt, Schiller und seine naive Heldin Johanna dann aber doch nicht verlacht.

Die Schauspielerin tritt als Requisiteurin in Aktion, trägt routiniert Heldenfigürchen, Gipsmadonna und Schäfchenschar auf das Podest, alles, was man für ein Solo als Schillers Johanna braucht. Eine gewisse Aglaja Stadelmann soll sie gleich spielen, aber sie kommt nicht, muss heute absagen - und so sieht sich die Requisiteurin jetzt dem erwartungsfrohen Publikum gegenüber.

In Abwandlung der Idee des Erfolgsstücks "Heute weder Hamlet" beginnt sie zu plappern, meint zuerst, sie könne es sich beim Vespern gemütlich machen und die Zuschauer mit einem Video des Hollywood-Schinkens abspeisen, in dem Ingrid Bergman die Jungfrau von Orleans mimt. Dann - schließlich hat sie einst in der Schüleraufführung des Stücks ein Schaf gegeben - arbeitet sie sich mit Hilfe des Reclamhefts, Playmobil und Plastikschwert tief ins mittelalterliche Kriegsgeschehen zwischen Franzosen und Engländern und die jungfräuliche Konfliktlage zwischen Himmelsgelübde und Liebesblitzen hinein. Und Schillers Drama rauscht im Schnelldurchlauf vorbei. Eine virtuose Leistung von Aglaja Stadelmann, die am 12.3., 14.4., 7. 5., 4. 6. und 2.7. erneut in der Podium-Bar genossen werden kann.


Kommentare (1)

13.03.2010 00:45 Uhr |   Irgendebber

Mit Reclamheft und Plastikschwert

A L L E R E R S T E S A H N E ! !
Das muss mann/frau einfach gesehen haben.
Brilliant!
Ein Muß, für alle, die die Jungfrau in der Wilhelmsburg 2009 gesehen haben.
Ein Soll für alle, die amüsante und anspruchsvolle Unterhaltung lieben.
Ein Kann für alle, die schauspielmäßig was Neues erleben wollen,
Ein Darf für alle, die gut drauf sind, weil sie dabei dein konnten.
Liebe Aglaja - Vielen herzlichen Dank!!!!

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Autor: PETRA KOLLROS | 11.03.2010

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