Missbrauch keine Frage der Religion

Ehingen.  Der Ägypter Hamed Abdel-Samad hat "Mein Abschied vom Himmel" , sein autobiographisches Buch, ein Tabubruch, im Ehinger Buchladen vorgestellt.

"Ich bin kein begnadeter Vorleser", bekennt Abdel-Samad zu Beginn seiner Lesung im Ehinger Buchladen vor rund 20 Zuhörern. Sie sind konfrontiert mit einem Menschen, dem die Integration gelungen ist. Vor 14 Jahren kam Abdel-Samad nach Deutschland. Heute forscht er an der Universität München und ist Mitglied der deutschen Islamkonferenz, in die ihn jüngst der Bundesinnenminister berief. Abdel-Samad, 1972 in einem ägyptischen Dorf geboren, braucht den Dialog und als "einen Schritt zum Dialog, als Verhandlungsangebot" sieht er auch sein Buch.

"Wir haben eine verkrampfte Streitkultur im Lande, aus politischen und taktischen Gründen", sagt er und fordert den Westen wie die islamische Welt dazu auf, zuerst an den jeweils "eigenen Fehlern" zu arbeiten, um dann miteinander ins Gespräch zu kommen. Und dann liest er vor. Langsam und bedächtig schildert er seine Gefühle auf dem Flug von Kairo nach Deutschland. Es war Befreiung. Ergänzend beschreibt er auch die Schwierigkeiten, die er hatte, als er in Deutschland zu leben begann. Der Kontrast sei zu groß gewesen. Die Freiheit habe er mühsam "gelernt".

Dann führt Abdel-Samad die Zuhörer in die Vergangenheit und hin zur unterdrückten Sexualität in Ägypten. Zuvor entschuldigt er sich für den offenen Gebrauch der Wörter. Er trägt vor, welche Probleme Mädchen in der Schule bekommen, wenn sich ihr Körper entwickelt. Nichts liest Abdel-Samad über die Vergewaltigungen, deren Opfer er im Alter von vier und elf Jahren wurde. Beide Vergewaltigungen, im letzten Fall durch eine Bande älterer Schüler, verschwieg er früher, um keine Schande über seine Familie kommen zu lassen. "Die ägyptische Gesellschaft ist nach innen gewalttätig und lüstern", sagt der Autor desillusioniert. Eine Stunde sprechen er und sein Publikum im Anschluss an die Lesung miteinander.

Viele Fragen werden gestellt. "Nein, Quatsch", wehrt Abdel-Samad die Frage ab, ob Missbrauch an der Religion liege? Sexueller Missbrauch resultiere aus "Macht, Hierarchie und Sexualkodex", daher könne er überall, also auch in "Moscheen, Kasernen, Kirchen" stattfinden. Die unterdrückte Sexualität, gerade in den islamischen Ländern, "ist auch Mittel zur Fanatisierung".

Auf sein Buch habe er mehr Zustimmung als Ablehnung erfahren. Allerdings: "Ich habe nicht erwartet, drei Monate unter Polizeischutz zu stehen." Auch die Lesung in Ehingen wurde von Polizisten überwacht. Sein Buch ist für den Autor ein "Abschied von Teilen der Tradition, der Illusionen, Abschied von einem wütenden und strafenden Gottesbild, Abschied von der Unterteilung in Gläubige und Ungläubige".


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Autor: STEFAN SCHAARSCHMIDT | 22.03.2010

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