Laufend im Dienst

Der Erbacher Paul Roth (57) ist einer der dienstältesten Bürgermeister in Baden-Württemberg. Im November tritt er nicht mehr zur Wahl an. Nach 32 Jahren im Amt kennt er beide Seiten des Berufs genau.

SÜDWEST PRESSE: Seit zwei Wochen ist die Bürgermeister-Stelle in Erbach ausgeschrieben. Die Stadt steht gut da, wie viele Bewerbungen sind schon eingegangen?

PAUL ROTH: Es liegen noch keine Bewerbungen vor. Wir dürfen wohl auch keinen Waschkorb voll erwarten.

Liegt das daran, dass der Beruf als Bürgermeister nicht mehr so beliebt ist?

ROTH: Für mich ist es nach wie vor mein Traumberuf. Aber die gesellschaftlichen Bedingungen erschweren die Arbeit. Die Bindungen untereinander werden weniger, die Ichbezogenheit der Menschen hat deutlich zugenommen. Damit wächst auch der Druck auf den Bürgermeister, falls er eine Meinung vertritt, die der andere nicht teilt.

Das heißt, dann stehen Sie am Pranger?

ROTH: Entscheidungen werden an einem persönlich festgemacht. Wenn ich beispielsweise bei einem Baugesuch nicht hurra rufe, werde ich dafür angegriffen. So etwas tut weh. Nicht nur in beruflicher Hinsicht, sondern auch in menschlicher. Das ist anstrengend für den Bürgermeister und seine Familie. Es kann sein, dass sogar meine Frau beim Einkaufen schräg angeschaut wird, wenn einer mit meiner Entscheidung nicht einverstanden ist.

Viele Termine, ständiger Druck - was muss ein Bürgermeister in Kauf nehmen?

ROTH: Viele erwarten, dass der Bürgermeister andauernd erreichbar ist, Dienstzeit und Freizeit lassen sich nicht klar voneinander trennen. Deshalb schaffen sich immer mehr Menschen mit solchen Aufgaben - Schulleiter, Bankvorstände und immer mehr auch Bürgermeister - privaten Freiraum. Sie wohnen nicht dort, wo sie arbeiten.

Wie ist das bei Ihnen?

ROTH: Ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, als Bürgermeister an einem anderen Ort zu wohnen als in der eigenen Stadt. Wer selber mit seinem privaten Umfeld dort wohnt und lebt, kann sich identifizieren und mitfühlen. Ich bin bekennender Jogger. Nahezu jede Joggingrunde von mir ist auch ein Dienstgang. Das muss so sein, dass Hobby und Beruf sich verbinden. Wenn es etwa um ein Grundstücksgeschäft in Ersingen geht, dann laufe ich zu dem Acker hin, wenn ich in Ringingen etwas anschauen will, laufe ich oft auch hin.

Ist "Bürgermeister" ein schlauer Job - überschaubare Arbeit, gutes Geld?

ROTH: Bürgermeister verdienen im öffentlichen Bereich nicht schlecht. Wenn einer die Arbeit mit viel Einsatz macht, dann kann er seinen Verdienst jedoch nicht mit dem in der privaten Wirtschaft vergleichen. Wer einen "schlauen Job" macht, der wird allerdings ordentlich dafür bezahlt. Wer leistungsstark und im öffentlichen Dienst tätig ist, dem eröffnen sich auch andere berufliche Perspektiven mit mehr privatem Freiraum.

Wird einem Bürgermeister noch genügend Respekt entgegengebracht?

ROTH: Teils, teils. Ich brauche keinen roten Teppich, dafür bin ich nicht der Typ. Ich habe auch keinen Dienstwagen, das brauche ich nicht. Ich lege auch keinen Wert darauf, jeden Tag Anzug und Krawatte zu tragen. Aber der Ton ist insgesamt rauer und hemmungsloser geworden. Wer sensibel ist und dünne Nerven hat, der tut sich in diesem Beruf schwer.

Was ist schön als Bürgermeister?

ROTH: Der Gestaltungsspielraum. Es erfüllt unendlich, wenn man Menschen für ein Vorhaben begeistern kann, Netzwerke unter den Bürgern schaffen kann, ihr Vertrauen hat. Es ist toll, wenn man Menschen überzeugen und mitnehmen kann, das geht nirgends so gut wie als Bürgermeister. Dieses Mitmachen, Identifizieren und Begeisterung wiegt für mich alles Negative auf.

Ihr Kollege Hermann Krieger hört nach 24 Jahren als Bürgermeister von Westerstetten auf, auch weil er genug vom ständigen Termin- und Arbeitsdruck hat. Sind Sie erleichtert, wenn S Amt gehen?

ROTH: Nein, ganz und gar nicht. Ich sehne den 26. November nicht herbei, ich liebe meinen Beruf. Aber ich habe schon lange entschieden, dass ich nach 32 Bürgermeisterjahren eine weitere, komplette Amtszeit von acht Jahren nicht mehr möchte. Und für zwei, drei Jahre lasse ich mich nicht wählen. Vielleicht ist es auch besser, jetzt aufzuhören, wo die Stadt gut dasteht. Wenn man mir nachsagen würde, dass ich einer bin, der nicht loslassen kann, das täte der Stadt und auch meinem Ego nicht gut.

Was ist unverzichtbar für einen Bürgermeister?

ROTH: Man muss sich mit Land und Leuten voll und ganz identifizieren. Man muss den Gestaltungsspielraum gerne annehmen und darf sich vor Verantwortung und auch teilweise unangenehmen Entscheidungen nicht drücken. Und ganz wichtig - man braucht ein stabiles persönliches Umfeld. Wenn das nicht ist, beziehungsweise wer das nicht hat, dem würde ich diesen Beruf nicht empfehlen.


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Autor: PETRA LAIBLE | 31.07.2010

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