Keine Gutmenschen gefragt

Region.  Thomas Eisele bekleidet ein Ehrenamt, das Spaß macht, aber viele andere überfordert: Er ist als Bewährungshelfer vor allem für Suchtkranke zuständig. Motivation zieht er aus seiner eigenen Suchtgeschichte.

Bewährungshelfer sind keine Wunderheiler, räumt Wolfgang Schettler von Neustart GmbH ein. Doch dass sie es schaffen, dass 78 Prozent der Straffälligen, die sie betreuen, die Strafe erlassen wird, würden wenige vermuten. "Viele sagen zu mir, das hat doch keinen Wert", sagt der Teamleiter der Ehrenamtlichen in Ulm. "Kein Wunder: Kriminelle, die ihr Leben im Stillen in den Griff bekommen, fallen nicht auf."

2007 wurde die Bewährungshilfe im Land privatisiert. Derzeit gibt es im Alb-Donau-Kreis zusätzlich zu 13 hauptamtlichen Bewährungshelfern in Ulm zwei Teams von Ehrenamtlichen, die sich um zeitintensive Fälle kümmern. Tötungs-, Sex- und schwere Drogendelikte sind jedoch für die Laien tabu. Die Ehrenamtlichen sind eine Ergänzung zur professionellen Bewährungshilfe und gefährden keine Stellen, sagt Schettler. "Sie können sich Zeit für die Probanden nehmen, das kann ein Hauptamtlicher mit je 83 Fällen gleichzeitig nicht leisten."

Thomas Eisele (50) aus Munderkingen ist einer dieser ehrenamtlichen Bewährungshelfer. Er betreut vier Menschen im Altkreis Ehingen, die auf Bewährung frei sind. Die meisten sind drogenabhängig. Der bei Liebherr angestellte Maschinenschlosser ist schon seit längerem Suchthelfer und Notfallseelsorger. Als er 2007 eine Annonce von Neustart las, meldete er sich. "Ich finde die Begegnungen interessant. Wer am Rande seiner Existenz steht, ist ehrlicher und wahrhaftiger als Menschen, bei denen alles geregelt ist."

Mindestens einmal monatlich müssen sich die Freiwilligen mit ihren Probanden treffen. So nennen die Neustart-Mitarbeiter ihre Kunden. Der erste Termin platzt meist: Die Betroffenen misstrauen den Helfern zunächst. Wenn das Vertrauen hergestellt ist, kann der Kontakt auch öfter zustande kommen, darüber entscheiden die Helfer selbst. In den Treffen und Telefonaten wird besprochen, welche Behördengänge nötig sind, wo Sozialstunden abgeleistet werden, oder auch wie Arbeit zu finden ist, Schulden abgebaut und Opfer entschädigt werden können. Oder was es für Therapeuten und Selbsthilfegruppen gibt.

Wer dieses Ehrenamt bekleidet, muss ausdauernd sein. "Es lohnt sich, nicht loszulassen und in der Hoffnung zu sein, die die Leute selbst nicht haben", sagt Eisele. Er hakt immer wieder für seine teils labilen Probanden nach, ruft beim Arbeitgeber an, setzt Schreiben auf, erklärt seinen Schützlingen, was sie zu tun haben. Manchmal auch mit Nachdruck, er ist ihnen gegenüber weisungsberechtigt, kann etwa bestimmen, wann sie zur Arbeitsagentur müssen, und Nachweise für Therapiesitzungen verlangen.

"Leute mit Helfersyndrom können wir nicht brauchen", sagt Wolfgang Schettler. Denn die ließen sich von den Kriminellen um den Finger wickeln. "Da heißt es dann, hast du mir ein wenig Geld, kann ich bei dir unterkommen." Solche Maschen haben bei den sorgfältig ausgesuchten Ehrenamtlichen keine Chance. Wichtig ist Neustart die Sicherheit der Helfer, sagt Schettler. Dazu gehört, dass die ihre Telefonnummern nicht angeben und die Probanden nicht zu ihnen nach Hause kommen. "Wir stellen den Kontakt her, und die Treffen finden im Ehinger Büro am Gänsberg 1 oder bei den Probanden zuhause statt."

Wer sich bei Neustart bewirbt, wird erst ausführlich begutachtet. Nicht vorbestraft, tolerant, gefestigt und selbstsicher soll er sein, mit beiden Beinen im Leben stehen. Die Hälfte der Bewerber ist ungeeignet, sagt Schettler. Die Hälfte der Freiwilligen sind Männer. Wer ins Konzept passt - oft Leute, die schon ehrenamtlich arbeiten -, wird an sechs Abenden geschult. Er lernt auch, dass jedem Jugendlichen auf Bewährung ein Helfer zugeteilt wird, jedoch nicht jedem Erwachsenen. "Wer klug ist, nutzt die Hilfe trotzdem freiwillig", sagt Schettler. Eine Bankkauffrau wird dann zum Beispiel einem hochverschuldeten Probanden als Bewährungshelferin zur Seite gestellt, und ein Psychotherapeut kann bestens einem sehr labilen Bewährungsanwärter helfen.

Die Bewährungszeit kann auf zwei bis fünf Jahre festgesetzt werden. Die freiwilligen Helfer - auch aus Schelklingen, Oberdischingen und Erbach kommen sie - nehmen monatlich an Teamsitzungen teil, in denen man die Fälle bespricht. Für jeden betreuten Probanden gibt es eine pauschale Aufwandsentschädigung von 25 Euro pro Monat.

Die Mühe lohnt sich für Thomas Eisele. Auch wenn ein Fall, der einfach scheint, schwierig wird und er Unterstützung von den hauptamtlichen Bewährungshelfern braucht. "Abgeben sollte man den Probanden nicht, dann würde man ihn ja fallen lassen." Schließlich sei Bewährungshilfe Beziehungsarbeit, in der es viel um Vertrauen geht.

Den Munderkinger motiviert seine eigene Lebensgeschichte, war er doch Alkoholiker und ist seit 16 Jahren trocken. "Ich weiß, dass diese Leute alleine keine Chance haben. Ich habe selbst in meiner schwärzesten Stunde Hilfe erfahren. Das will ich zurückgeben."

Ein Dank von einem seiner Schützlinge bedeutet Eisele viel. Schließlich geben diese ihm gegenüber vieles preis, das sie sonst verschweigen. Sei es früherer Missbrauch, Gewalt oder Schulden. "Oft haben sie noch nie jemanden getroffen, der ihnen ohne Erwartungen die Tür so weit öffnet, so viel mit ihnen spricht und sich einsetzt", sagt Eisele. "Ich weiß dann, dass der Dank ehrlich ist."

Ob die Bewährungshilfe fruchtet, entscheidet letztendlich die Motivation des Probanden, stellt Eisele klar. "Wenn ein Gutmensch als Bewährungshelfer keinen Erfolg hat, würde er sich zu sehr aufregen." Leuten, die die Mühe um die Kriminellen kritisieren und mehr Hilfe für Opfer fordern, sagt Teamleiter Schettler: "Wenn wir erfolgreich sind, gibt es keine weiteren Opfer."

Info

Die Neustart gemeinnützige GmbH ist auch für Täter-Opfer-Ausgleich und gerichtliche Gutachten zuständig und zu erreichen unter Telefon: (0731) 270 90 02.


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Autor: KARIN MITSCHANG | 19.03.2010

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