Halt im Hass
"Totentanz" am Theater Ulm: erschreckende Szenen einer Ehe.
Regisseurin Antje Thoms findet aber die bitterböse Komödie im abgründigen Drama.
Ist es nicht schön, was die beiden da miteinander treiben: Sie tanzen einen Walzer, dann küsst er neckisch ihren Hals, schließlich fährt er sie in einer Schubkarre albernd durch den Garten.
Nein, es ist gar nicht schön. Der Walzer? Hier geht es um einen "Totentanz". Der Kuss? Er beißt zu, später wird sie ihn Vampir nennen. Die Schubkarre? Ist eigentlich dazu da, so ätzt er, Leichen wegzuräumen, bevor sie verscharrt werden.
Leichen gibt es keine in diesem "Totentanz", aber wer mag das andererseits schon Leben nennen, was Antje Thoms da vorführt. Sie hat August Strindbergs Drama am Theater Ulm effektvoll inszeniert.
Das erste Bild, ein Idyll: ein einsames Häuschen am Wasser, farbsatte Abendstimmung, Nebel zieht auf. Das Adagietto aus Mahlers Fünfter wärmt mit Melancholie. Tod in Venedig? Untot am Meer!
Gereizte Stimmen zerreißen die Ruhe. Seit 25 Jahren leben Alice und Edgar an diesem abgelegenen Ort, die müde ehemalige Aktrice, der frustrierte Festungs-Hauptmann. Strindberg schildert drei Tage in der Ehehölle: Sticheleien und Gemeinheiten, Brutalität und Herzlosigkeit, Intrigen und Verrat in Endlosschleife. Dann kommt Besuch: Karl (Gunther Nickles), Alices Cousin, will Frieden finden und gerät in den Machtkampf. Erst als Zeuge, dann als Mitspieler, schließlich als Opfer.
Markant arbeitet Thoms heraus, wie Alice und Edgar im Hamsterrad des Hasses gefangen sind. Denn Hass ist es, was die beiden zusammenschweißt, genauer: die Routinen des Hasses. Es klingt paradox, aber das Destruktive ist das Einzige, was für Halt sorgt; ewiges Gegeneinander als elendes Miteinander.
Strindberg feiert im "Totentanz" seinen Glauben an des Menschen finsteren Kern. Thoms lässt das auch als schwarze Komödie spielen. Alice und Edgar servieren ihre Spitzen wie Pointen - und das sind sie auch. Wie das Böse sich hier letztlich selbst genügt, wie sich zwei Abscheusale eben doch als Paar arrangieren, ist der gemeinste Witz.
Britta Lammers reizvolles Haus-am-Meer-Bühnenbild vermittelt anschaulich Isolation und Lebensferne des Paares. Erinnerungen an bessere Zeiten (ein Alice-Porträt von einst, eine Schaukel) sind rar, brüchig. Ein mächtiger Baum wirkt wie abgestorben, von weit oben ragt ein Ast herein: wie ein Galgen.
Sind die beiden schon tot und merken es nur nicht? Erschreckend realistisch wirken Edgars Absenzen: ersterbende, leichenblasse Gesichtszüge, dazu säuselt die Gruftorgel.
Licht (Marcus Denk) und Musik spielen eine wichtige erzählerische Rolle, Thoms setzt sie geradezu expressionistisch ein. Metaphorisch windet, grollt und strahlt die Natur, glutrot, dann aschfahl und wieder satt violett leuchtet der Himmel. Gustav Mahlers Streicherwehmut, die unweigerlich Assoziationen an Viscontis morbide Filmwelt weckt, vor allem aber Liszts pianistisch-orchestrale "Totentanz"-Variationen über das Dies Irae (Tage des Zorns!) vermitteln übersteigerte Theatralik. Ja, hier spielen zwei auch großes Drama, ja Melodrama.
Karl Heinz Glaser bietet gestisch und mimisch, mit Blicken und Worten eben dieses große Drama. Sein Edgar zerkaut Sätze, spuckt sie heraus, höhnisch, grimmig, hinterlistig. Sein Körper wechselt zwischen Unruhe, Anspannung und Ermattung, er ist mal latent, mal offen aggressiv. Wenn er vor farbschillerndem Himmel geschmerzt seine Hände an die Schläfen presst, die Augen panisch aufreißt: Das ist "Der Schrei" Edvard Munchs.
Ulla Willick moduliert ihre Stimme fein, wohldosiert gibt sie die Gelangweilte, Spöttische, Angeekelte. Ihre Alice wechselt zwischen ausgeleiertem Zynismus und eleganter Illusionslosigkeit, genüsslicher Schärfe und selbstgewisser Verächtlichkeit. Und sie lässt doch durchscheinen, was diese Alice früher einmal gewesen sein muss.
Bös und Bös gesellt sich gern: Diese Erkenntnis hat etwas Befreiendes. Man darf auch lachen. Aber Vorsicht: Es könnte sich um ein böses Lachen handeln.
Info Nächste Vorstellungen: 8., 9., 12., 13., 15. und 19. Oktober. Karten: 0731/161 44 44. Szenenfotos unter: www.swp.de/bilder
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Autor: MAGDI ABOUL-KHEIR | 08.10.2011
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Alice (Ulla Willick) und Edgar (Karl Heinz Glaser) sind durch ihren gegenseitigen Hass zusammengeschmiedet. Foto: Hermann Posch
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