Gut gestartet in Ehingen

Der aus Ehingen stammende Professor Christoph Klein erhält als erster Kinderarzt in Deutschland den Leibniz-Preis. Der Inhaber eines Lehrstuhls in Hannover erforscht seltene Gen-Defekte.

Mit dem Leibniz-Preis erhalten Sie die renommierteste Auszeichnung der deutschen Wissenschaft. Wie wichtig ist Ihnen dieser Preis, der mit 2,5 Millionen Euro Fördergeld dotiert ist?

PROF. CHRISTOPH KLEIN: Der Preis ist natürlich ein wunderbares Geschenk, ich freue mich sehr darüber. Aber gleichzeitig möchte ich betonen, dass es eine Ehrung für mein ganzes Team ist. Die ganze Arbeit ist nur mit exzellenten Mitarbeitern zu schaffen. Gleichzeitig ist es eine Auszeichnung für die Medizinische Hochschule Hannover, an der ich tätig bin.

Sie erforschen seltene Gen-Defekte. Wie muss sich ein Nicht-Wissenschaftler Ihre Arbeit vorstellen?

KLEIN: Wir sind erfolgreich seltenen Krankheiten bei Kindern auf der Spur. Wir haben mehrere neue Krankheiten gefunden und die Ursachen der Erkrankung identifiziert. Es sind Mutationen, also eine Art Webfehler in den Genen, die zu diesen Krankheiten führen. Der Mensch hat etwa 27 000 Gene - wenn nur eines nicht richtig funktioniert, kann das zur Erkrankung führen. Aber wir begnügen uns nicht nur damit, den Gendefekt zu entdecken. Wir haben für einige dieser Krankheiten auch wirksame neue Therapien entwickelt.

Der medizinische Laie staunt, dass es beim heutigen Stand der Medizin noch nicht entdeckte Krankheiten gibt.

KLEIN: Die gibt es tatsächlich. Wir haben etwa Kinder untersucht, denen weiße Blutkörperchen fehlen und die darüber hinaus Fehlbildungen der Herzen und Nieren hatten. Die Ursache dafür ist ein Gen-Defekt, den wir nachweisen konnten. Das war bisher in der Fachwelt nicht präsent. Es gibt etwa 20 junge Patienten in der ganzen Welt, die unter diesem Defekt leiden. Ein anderes Beispiel: Bei uns war ein sechsjähriger Junge in der Behandlung, der unter einer schweren Darmentzündung litt. Alle medizinischen Maßnahmen, die sonst in diesem Fall üblich sind, haben nichts gebracht. Es war für alle Beteiligten ein großes Elend. Es hat uns dann vier Jahre intensive Forschungsarbeit gekostet, den Gen-Defekt zu finden, der dafür verantwortlich ist, dass das Immunsystem falsch auf die Darmbakterien reagiert.

Können Sie Kindern, die unter solchen Erkrankungen leiden, helfen?

KLEIN: Wir können mit dem erworbenen Wissen tatsächlich völlig neue Wege der Behandlung aufzeigen. Wenn ein Gen-Defekt in den Immunzellen wirksam ist, kann den Kindern geholfen werden, indem ein neues Immunsystem aufgebaut wird. Das ist heutzutage möglich. Wir sind die einzigen Ärzte in Deutschland, die Gentherapie bei Kindern anwenden und weltweit die einzigen, die auf diese Weise Kinder mit dem Wiskott-Aldrich-Syndrom behandeln. Zu uns kommen deshalb Patienten aus der ganzen Welt.

Es gibt in Deutschland immer noch Vorbehalte gegen die Genforschung und Gentherapie. Müssen Sie sich mit Kritik auseinander setzen?

KLEIN: Sicher, wobei wir auch äußerst selbstkritisch vorgehen. Wir haben das ethische Dilemma unserer Arbeit sehr, sehr sorgfältig abgewogen. Aber der Einsatz neuer Therapien ist vor dem Hintergrund zu sehen, dass die Kinder andernfalls sehr schlechte Überlebenschancen gehabt hätten. Was ihnen geholfen hätte, wäre eine Knochenmarktransplantation, aber sie hatten keine Spender. Unsere Arbeit ist in diesem Kontext zu sehen - die Kinder haben leider keine Alternative. Seit sich zeigt, dass unsere Therapie erfolgreich ist, sind natürlich auch die Kritiker leiser geworden.

Die Krankheiten, an denen Sie forschen, sind sehr selten. Wie nützlich ist Ihre Forschung für die Therapie häufiger auftretende Erkrankungen?

KLEIN: Von 500 000 Kindern leidet nur eines unter dem Wiskott-Aldrich-Syndrom. Aber durch die Erforschung dieser seltenen Krankheit erfahren wir mehr über die Ursachen häufiger Erkrankungen. Seltene Krankheiten werden oft nur durch den Defekt eines einzelnen Gens ausgelöst. Wenn wir diese Prozesse aufklären, kommen wir auch auf die Spur komplexer Erkrankungen wie etwa Krebs, Allergien oder Autoimmun-Erkrankungen.

Sie haben in den USA gearbeitet, wo die Forschung einen ausgezeichneten Ruf genießt. Was hat Sie zur Rückkehr nach Deutschland bewogen?

KLEIN: Ich habe ja 1983 in Ehingen Abitur gemacht und dann in Ulm studiert. Ich habe immer Stipendien und viele Förderer gehabt. Es gab viele glückliche Umstände auf meinem Weg. Es war immer mein Wunsch, etwas zurückzugeben. Von daher war klar, dass der Weg in die USA keine Einbahnstraße ist. Aber der Aufenthalt dort war sehr stimulierend, ich bin in Kontakt mit ausgezeichneten Ärzten und Wissenschaftlern gekommen und habe viele neue Ideen entwickelt. Das hat mich sehr weitergebracht. Aber die Rückkehr war eingeplant. In der deutschen Forschungslandschaft hat sich in den vergangenen 15 Jahren übrigens viel verbessert, es gibt bessere Förderprogramme und sehr gute Entwicklungen hier. Aber es ist noch nicht perfekt.

Was verbindet Sie mit Ehingen?

KLEIN: Sehr viel, ich bin häufig zu Besuch in der Stadt. Meine Eltern leben hier und natürlich auch viele meiner Freunde. Mit einem von ihnen, dem Jura-Professor Andreas Staudacher, habe ich jetzt die "Care for Rare"-Stiftung gegründet, die Kindern mit seltenen Erkrankungen hilft. Mein Lebensmittelpunkt hat sich jetzt natürlich verlagert, ich bin viel unterwegs. Aber meine Zeit in Ehingen hat mir eine gute Ausgangsposition für die Erkundung der Welt verschafft. Es ist das Gefühl einer gewissen Erdung, Solidität und Standhaftigkeit, die ich mitgenommen habe. Ehingen bleibt für mich Heimat im sehr positiven Sinne.


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Autor: BERNHARD RAIDT | 13.03.2010

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