Die Rückkehr der Fastnacht
Vor ungefähr 400 Jahren verschwand die Fastnacht aus Ulm. Das älteste bislang bekannte Indiz für ihre Rückkehrversuche ist eine Annonce aus dem Jahr 1755. Wo hat sie bis dahin gesteckt?
Biß nächst-künfftigen Sonnabend, den 8ten dieses, werden sich einige benachbarte Herren Cavaliers von der Reichs-Ritterschaft allhier einfinden, um in denen folgenden Tagen in denen allhiesigen Gasthöfen zum goldenen Hirsch und Baumstarck einige Faßnachts-Lustbarkeiten anzustellen.
Diese Mitteilung im Ordentlich-Wöchentlichen Ulmischen Anzeigs-Zettel vom 6. Februar 1755 ist das älteste bislang bekannte Zeugnis für die Rückkehr der Fastnacht nach Ulm. Von öffentlich angekündigten "Faßnachts-Lustbarkeiten" hatte man dort schon lange nichts mehr gehört oder gelesen.
Bemerkenswert daran sind die Veranstalter: keine Ulmer, sondern mutmaßlich katholische Mitglieder der Reichs-Ritterschaft aus Ulms unmittelbarer Umgebung.
Den Vollzug jener Lustbarkeiten meldete außer dem Anzeigenblatt auch der Hauslehrer Johann Hizler in seine Ulmer Chronik: Den 8. Feber haben Sich die allhier angekommenen Herren Reichs-Cavaliers während ihrem allhiesigen Aufenthalt verschiedene Mal mit Ball- und verwichenen Dienstag als an der Fastnacht Abend mit einer Schlittenfahrt von 16 Schlitten bey deren jeden sich 2 Vorreuther mit so viel Flambeaux befunden, erlustiget.
Hizler hebt dabei hervor, dass es der Fastnachts-Dienstag war, an dem die nächtliche Prunkschlitten-Fahrt mit Fackelbeleuchtung stattgefunden hat. Das aber heißt nichts anderes, als dass diese Schlittenfahrt ein Teil jener "Faßnachts-Lustbarkeiten" war, die zu genießen der katholische Adel des Umlands sich in Ulm eingefunden hatte. Das bedeutet gleichzeitig, dass die Fastnacht nie ganz aus Ulm verschwunden war. Denn solche Schlittenfahrten hatte es bereits zuvor gegeben.
Dabei ist zu berücksichtigen, dass Schlittenfahren nicht gleich Schlittenfahren ist. Bei Durchsicht der Polizeiverordnungen, Ratsprotokolle, Chroniken und Druckschriften lassen sich verschiedene Arten des Schlittenfahrens und der Schlitten unterscheiden.
Da gab es das schlichte Rodeln auf den "Bubenschlitten" an innerstädtischen Abhängen, das vor allem die Kinder betrieben. So verbot der Rat im Dezember 1591 das Schlittenfahren fürnemlich an dem Weinhoff, Grienhof (Grünen Hof), Lautenperg, umb die Cron (Gasthaus zur Krone), desgleichen auch gegen der Schlachtmezg (zum Metzgerturm hinab), item uff den Stattgräben vnd andern mehr Orten.
Anderer Art waren die Pferdeschlitten, winterliche Verkehrsmittel, die freilich auch zweckentfremdet werden konnten. So gab es sicher keinen triftigen Grund, damit nachts in den Straßen umherzufahren, was daher - auch aus Sicherheitsgründen - immer wieder verboten wurde. Weil sie dagegen verstoßen hatten und bis Mitternacht Schlitten gefahren waren, wurden Hanns Sticklin, Hanns Hipschlich, Hanns Gerstlewer junior, Caspar Breunlin und Ludwig Vogel im Februar 1541 ins Keller-Verließ des Rathauses gesperrt.
Andere Verbote, etwa vom Januar 1539, richteten sich gegen das "unmäßige" Schlittenfahren. Dieses individuelle Über-die-Stränge-Schlagen wurde immer wieder in einem Atemzug mit fastnächtlichen Umtrieben verboten; ein Bezug zur Fastnacht war also schon früh gegeben, aber nicht zwingend.
Allerdings wurden Zuwiderhandlung mit zweierlei Maß geahndet: Als am 17. Januar 1611 junge Patrizier während des Betläutens in ihren Schlitten mit schellenbehängten Pferden durch die Stadt preschten, blieb dies ebenso ungesühnt wie ein Jahr zuvor eine ähnliche Eskapade des Bürgermeister-Sprösslings - "dieweil sie Junckher", wie Ratskonsulent Hans Georg Friess in seiner Chronik verärgert festhält.
Dieser Zeitzeuge hat eine ganze Reihe solcher patrizischer Schlittenfahrten geschildert, etwa wie junge Patrizier am 6. Januar 1612 in der Stadt herumgefahren sind in einem Aufzug, den man durchaus als fastnächtlich einstufen kann. Oder wie der Ratsherr Sebastian Besserer wie ein Papagey von allerlay Farben und voller Wein am 29. Januar 1615 zur Verwunderung der Bürger in einem Schlitten saß - just in der Zeit, als die öffentliche Volksfastnacht in den letzten Zuckungen lag.
Es sieht also ganz so aus, als ob die Lustbarkeit des Schlittenfahrens die Abschaffung der Fastnacht um 1600 überdauert hat, mit der sie zwar eng, aber nicht unmittelbar verbunden war. Man wird ferner annehmen dürfen, dass das Patriziat daraus für sich einen Fastnachtsersatz entwickelte, der ungestraft genossen werden konnte.
Dieses Vergnügen wurde unter höfischem Einfluss im 17. und 18. Jahrhundert weiter ausgebaut. Damals begann der Adel, beispielsweise die württembergischen Herzöge, die barocke Prachtentfaltung um aufwendige Schlitten-Partien zu erweitern. Die Hofkünstler fertigten eigens dafür prächtige Prunkschlitten an, die dann in großen Paraden, bei Fackelschein, mit Pauken und Trompeten nicht von A nach B, sondern in der Residenz umherfuhren. Die möglicherweise erste Fahrt dieses Typs in Ulm veranstaltete der schwedische General Robert Douglas am 3. März 1650, wobei ihn 27 Schlitten mit Ulmer Patriziern und Kaufleuten begleiteten.
Die bekannteste Ulmer Prunkschlittenfahrt ist die vom 19. Januar 1731, denn der Künstler Johann Jacob Merckh hat sie im Bild festgehalten. Es zeigt 40 Schlitten, welche in einer Ringprozession durch die Frauenstraße fahren. Die Namen der darin befindlichen Damen und Herren - Mitglieder des Ulmer Patriziats sowie Vertreter des Schwäbischen Reichskreises - sind ebenfalls festgehalten. Der Schlittenfahrt folgte eine Mahlzeit in der Oberen Stube, dem Domizil der Patrizier.
Diese Kombination Prunkschlittenfahrt - Mahlzeit fand stets im Januar, Februar oder Anfang März statt, vor Aschermittwoch also. 1755 wurde sie offen und öffentlich als "Faßnachts-Lustbarkeit" eingestuft - zum ersten und letzten Mal: Eine ähnliche Veranstaltung 1758 kam ohne dieses Etikett aus.
Doch der Damm war gebrochen: Knapp zwei Jahrzehnte später, am 9. Januar 1776, wurde das erste Mal im Baumstarck Carniwald gehalten, wie der Chronist Hizler mitteilt. Organisatoren waren verschiedene Grafen, als der von Kirchberg, Dischingen etc. - also wieder der katholische Adel aus dem Ulmer Umland.
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Autor: HENNING PETERSHAGEN | 09.02.2010
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