Gewissensentscheid gegen Jagd

"Wir wollen nicht, dass auf unserem Grundstück ein Tier zu Schaden kommt", sagt Eveline Jedynak. Sie und ihr Mann haben die Zwangsmitgliedschaft in der Jagdgenossenschaft beendet, ihr Besitz ist "befriedet".

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Es hat 14 Monate lang gedauert und eine Gebühr von 352 Euro gekostet. Doch jetzt sind die Flurstücke 1077 und 1078 in Asch, zusammen 0,7 Hektar groß, "befriedete Bezirke" - die einzigen innerhalb der 5264 Hektar großen bejagbaren Fläche der Stadt Blaubeuren und die einzigen im ganzen Alb-Donau-Kreis. Die Grundstücksbesitzer Eveline Jedynak und Ralf Rieks sind aus der 1282 Mitglieder zählenden Jagdgenossenschaft Blaubeuren ausgetreten. Unter Berufung auf ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte (EGMR) hatte das Ehepaar bei der im Landratsamt in Ulm angesiedelten Unteren Jagdbehörde den Antrag auf "Befreiung vom Zwang der Mitgliedschaft in einer Jagdgenossenschaft aus Gewissensgründen" gestellt.

"Viele wissen gar nicht, dass sie Zwangsmitglied sind", sagt Ralf Rieks. In der Tat ist jeder, der ein zugängliches Grundstück unter einer Größe von 75 Hektar besitzt, nach dem Bundesjagdgesetz Mitglied in einer Jagdgenossenschaft und hat die Ausübung der Jagd auf seiner Fläche zu dulden. Ein Mann aus Baden-Württemberg wollte das nicht hinnehmen und ging bis zum Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Dessen mit 17 Richtern besetzte Große Kammer entschied im Juni 2012, dass es eine Verletzung des Eigentums darstellt, wenn einem Grundstückseigentümer die Verpflichtung auferlegt wird, die Jagd auf seinem Land zu dulden, obwohl er diese aus Gewissensgründen ablehnt.

"Für uns war's eine Gewissensentscheidung", sagt Eveline Jedynak. Sie und ihr Mann, die sich vegetarisch ernähren, wollen nicht, dass auf ihrem Grundstück ein Tier zu Schaden kommt. Ralf Rieks geht davon aus, dass auf dem vor einigen Jahren von der Stadt erworbenen Grundstück schon Wild erlegt wurde. Jemand habe dort mal einen künstlichen Fuchsbau angelegt, nebenan steht ein Hochsitz.

Das Ehepaar betont, dass es keinen Konflikt hat mit den örtlichen Jagdpächtern. Es sei eher eine insgesamt sehr kritische Einstellung zur Jagd. "Ein von Menschen gemachtes Regelwerk", sagt Ralf Rieks, wozu auch Dinge wie Treibjagden gehörten und die "Möblierung der Landschaft" durch Hochsitze und Kanzeln. Und noch immer würde selten gewordenen Arten wie Rebhuhn und Feldhase nachgestellt. "Es gibt Gebiete, die seit Jahrzehnten nicht bejagt werden", sagt Rieks. Dort sei es nicht zu Überpopulationen gekommen. "Jagd bringt viel Störung rein", meint Rieks, der viel in der Natur unterwegs und ehrenamtlich aktiv ist, beispielsweise bei der Kartierung von Farnen und Blütenpflanzen.

Eveline Jedynak und Ralf Rieks haben die beiden Flurstücke westlich von Asch einst gekauft, um sie zu pflegen. "Es ist ja nur ein Handtüchle", sagt Eveline Jedynak. Aber eine Ruhezone für Tiere, ein Trittstein. Die Fläche besteht aus einer Ackerbrache mit einigen Bäumen, aus einer Südböschung mit Steinriegel und Magerrasen. Waldeidechse und Mauswiesel fühlen sich dort wohl, Vögel wie Braunkehlchen und Steinschmätzer machen dort auf ihrem Zug Station. Flügelginster, Heidenelke und Fransenenzian blühen, viele Schmetterlingsarten kommen vor. "Wir retten die Welt nicht mit unseren 0,7 Hektar", sagt Ralf Rieks. "Aber wir wollen einen Anfang machen."

Für Max Hunger von der Unteren Jagdbehörde im Alb-Donau-Kreis war der "Austrittserlass" für das Ascher Ehepaar bisher der einzige, der über seinen Schreibtisch ging. Es habe noch einen Antrag eines weiteren Jagdgenossen gegeben, der habe ihn aber wieder zurückgezogen. "Vielleicht hat er mit dem Jäger gesprochen", meint Hunger. Die Bearbeitung des Antrags aus Asch habe so lange gedauert, weil viele Stellungnahmen eingeholt werden mussten: von Grundstücksnachbarn, Jägern, der Jagdgenossenschaft und der Kommune. Hunger, selbst Jäger, hält die Herausnahme eines Mini-Grundstücks aus der Jagdfläche für unproblematisch. Anders wäre es, wenn etwa ein Landwirt mit einer großen Fläche ausscheren würde oder auf vielen kleinen Grundstücken nicht mehr gejagt werden dürfte. Dann müsste der Jäger mit der Flurkarte unterwegs sein und ständig prüfen, wo er noch aktiv sein darf und wo nicht.

Auch auf dem jetzt "befriedeten" Grundstück von Eveline Jedynak und Ralf Rieks darf unter Umständen gejagt werden, wenn dies die Behörde anordnet, etwa aus Gründen der Seuchenhygiene und wenn ein krankes oder angeschossenes Wild dort liegt und weitere Schmerzen nur durch Erlegen verhindert werden können.

Der Umwelt- und Naturschutzverband BUND kennt das Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte, wirbt aber unter seinen Mitgliedern nicht etwa für den Austritt aus den Jagdgenossenschaften. Jagd sei notwendig, meint Gerhard Maluck, Sprecher der Arbeitsgruppe Wald des BUND Baden-Württemberg. Auch die Genossenschaft mache Sinn. Denn so bleibe das Jagdrecht an Grund und Boden gekoppelt. Das sei viel besser als Lizenzen zum Abschuss zu vergeben, wie es in anderen Ländern praktiziert werde.

Einen Trend zum Austreten aus den Jagdgenossenschaften hat auch Rudolf Schniepp, Geschäftsführer des Verbands der Jagdgenossenschaften in Baden-Württemberg, nicht wahrgenommen. Er weist darauf hin, dass derjenige Grundstücksbesitzer, der seiner Jagdgenossenschaft den Rücken kehrt, auch keinen Anspruch mehr hat auf die Regulierung von Wildschäden. Schniepp macht darauf aufmerksam, dass ein Austrittsantrag nur bei "natürlichen Personen" Erfolg hat, nicht bei so genannten "juristischen Personen", also bei Vereinen, Stiftungen, Unternehmen oder Kommunen. Denn nur eine "natürliche Person" kann für sich eine Gewissenentscheidung geltend machen.

Geld aus der Verpachtung für Waldwege und die Ortschaften

Auszahlung Die Jagdgenossenschaften nehmen die von den Jägern bezahlte Pacht ein. Jeder Genosse hat das Recht, eine anteilsmäßige Auszahlung, die so genannte Auskehrung, geltend zu machen. Das nimmt aber fast keiner in Anspruch. "Bei einem Grundstück von 1000 Quadratmetern würde das nur im Cent-Bereich liegen", sagt Gerhard Mack, stellvertretender Kämmerer in Blaubeuren und von der Stadt eingesetzter Vorstand der Genossenschaft. Nur ein einziger Genosse habe die Auskehrung beantragt.

Ertrag Das Geld, das nach Abzug der Verwaltungskosten übrig bleibt, kommt in Blaubeuren zum einen Teil den Ortschaften zu Gute und wird zum anderen Teil für Maßnahmen in Wald und Feld, beispielsweise für den Wegeunterhalt, verwendet.

 

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Kommentare

26.04.2016 08:33 Uhr

gegen die Jagd !

Für die Jagd gibt es keinen vernünftigen Grund. Dies belegen zahlreiche wissenschaftliche Studien. Weil Jäger ihrer Lust am Töten und dem Trophäenkult dennoch nachgehen wollen, tischen sie uns seit Jahrzehnten allerhand „Jägerlatein“ auf.

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