Hans Peter Schmid ist Fachmann für Pistolen und Gewehre aus den Jahren 1871 bis 1945
Illerkirchberg. An Militärwaffen aus den Jahren 1871 bis 1945 kennt Hans Peter Schmid wohl jede Schraube. Als Sachverständiger und Sammler interessieren ihn aber auch die Geschichten hinter den Gewehren und Pistolen.
"Einen Wehrmacht-Stempel auf eine Pistole machen, das kann jeder", sagt Hans Peter Schmid. Als vereidigter IHK-Sachverständiger für deutsche Waffen, Munition und Zubehör der militärischen und paramilitärischen Verbände von 1871 bis 1945 ist es seine Aufgabe, zu prüfen, ob eine solche Pistole tatsächlich Militärwaffe war. Es ist ein Unterschied, ob eine Waffe zivil oder militärisch genutzt wurde: "Die Militärwaffe ist fünfmal mehr wert." Schmid kennt von den meisten Waffen aus dieser Zeit jedes Detail, jede Schraube, jeden Beschlag. "Alles muss stimmen."
Der 55-Jährige ist zum einen Sachverständiger, zum anderen Sammler: "Ich habe eine ganz ansehnliche Sammlung." Die lagert, gesichert hinter einer dicken Tresortür, im Keller seines Hauses in Oberkirchberg. Hunderte Waffen vom altertümlichen Gewehr bis hin zur legendären Walther PPK. Die Pistolen stecken in alten Tennissocken, damit sie nicht verkratzt werden. Daneben hängen Pistolentaschen aus Leder, Patronentaschen, Gürtel - "da kommt es auf jede Naht und jede Niete an", sagt Schmid.
Gewehre, Pistolen und Zubehör habe er nicht nur aus Sammelleidenschaft, sondern um Vergleichsstücke zu haben. "Wenn ich ein Gutachten mache, muss ich schließlich wissen, wie das Original aussieht." Auf Bildern seien die Einzelheiten nicht genau genug zu erkennen. Dennoch hat Schmid davon Regale voll: Buch an Buch reiht sich im Wohnzimmer - alles Fachbücher, in denen so manches Mal auch eine Waffe aus seiner Sammlung abgebildet ist oder an denen Schmid mitgearbeitet hat. Der Waffenexperte hat auch Teile des Archivs der Waffenfabrik Mauser, Oberndorf. "Da steht drin, an was Mauser wann gebastelt oder probiert hat. Auch wenn die Entwicklung nie auf den Markt kam, muss ich als Sachverständiger darüber Bescheid wissen."
Internationale Kontakte, vor allem in die USA, sind für Schmids Arbeit Voraussetzung, denn viele amerikanische Soldaten haben sich nach dem Ende des Zweiten Weltkrieg ein "Erinnerungsstück" mitgenommen. "Die haben da drüben alles", sagt Schmid. Stolz ist der 55-Jährige auf ein schmales Bändchen: ein Handbuch über ein Fallschirmjägergewehr der Firma Rheinmetall. "Selbst den Härtegrad des verwendeten Stahls kann ich darin nachlesen." 1800 Euro hat Schmid für das Buch bezahlt. Von dem dazugehörigen Gewehr, dem FG 42, träumt er noch: "Das kostet 25 000 Euro aufwärts." Für Schmid sind Gewehre und Pistolen nicht vorrangig Tötungswaffen. "Obwohl mir natürlich sehr wohl klar ist, wozu sie gebaut werden und was unter Umständen damit schon getan wurde." Ihn interessiert vielmehr die Geschichte zur Waffe, warum sie wo in Gebrauch kam, und was die technischen Veränderungen waren. "Für mich ist das aus wissenschaftlicher und kulturhistorischer Sicht interessant." Profunde Geschichtskenntnisse seien dafür Voraussetzung. Schmid hat auch viele Soldbücher von Wehrmachtssoldaten: Darin steht unter anderem, welche Waffe der Soldat wann ausgehändigt bekommen hat. Denn im Verlauf des Krieges wurden Waffen immer knapper, und die Wehrmacht nahm bei den Herstellern alles mit, was irgendwie tauglich schien. Deshalb sind für Schmid auch alte Fotos und Postkarten von Soldaten wichtig: "So kann ich abgleichen, welche Waffen die Leute getragen haben."
Für ein Gutachten im Jahr 2001 musste der Oberkirchberger eine solche Frage beantworten: In dem Prozess in Ravensburg gegen Julius Viel ging es darum, ob der SS-Mann im Frühjahr 1945 sieben jüdische Häftlinge eines Außenlagers von Theresienstadt kaltblütig erschossen hatte. "Viel soll die Morde mit einem Karabiner, K 98, begangen haben", erklärt Schmid. Es sei seine Aufgabe gewesen zu prüfen, ob der SS-Mann ein solches Gewehr hatte und wie oft er damit schießen konnte, ohne nachzuladen. Julius Viel wurde damals zu zwölf Jahren Haft verurteilt. "Obwohl ich in meinem Gutachten zu dem Schluss kam, dass es besagten Karabiner nur mit fünf Schuss gab."
Seine Leidenschaft für Waffen hat Schmid bereits als Kind entdeckt. "Damals lag ja noch viel vom Krieg herum. Irgendwann habe ich eine Sammlergenehmigung beantragt und mich eben immer weitergebildet." Immer mehr Leute suchten im Lauf der Zeit seinen Rat, schließlich legte er die Prüfung als IHK-Sachverständiger für sein Spezialgebiet ab.
Inzwischen ist der Oberkirchberger, der im Hauptberuf bei den Stadtwerken Ulm/Neu-Ulm arbeitet, mehrmals in der Woche in Sachen Waffen unterwegs: bei Messen, um Sammlungen zu begutachten, immer wieder kommen auch Anfragen des Landeskriminalamts, oder er tritt in seiner Funktion als Vorsitzender des Kuratoriums zur Förderung historischer Waffensammlungen in Erscheinung. "Davon leben könnte ich aber nicht." Und ständig klingelt das Telefon: Der eine sucht eine Ausziehkralle, der andere will wissen, was die eingestempelten Zahlen auf seinem Gewehr bedeuten, der andere braucht ein Gutachten. Dass das mal nicht so ausfällt, wie der Auftraggeber es sich erhofft hatte, hat Schmid schon so manchen Ärger eingehandelt. Vor allem, wenn es darum geht, ob eine Waffe unter das Kriegswaffenkontrollgesetz fällt. "Da verschafft man sich nicht nur Freunde." In Sammler-Kreisen für historische Waffen ist Schmid anerkannter Fachmann. Seine Lebensgefährtin jedenfalls beschreibt die Situation auf den großen Waffenmessen im Land so: "Bis nachts um 1 Uhr stehen die Leute um ihn rum - und er redet und redet."
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Autor: HELGA MÄCKLE | 03.02.2010
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