Gedenken: Deportation der Juden aus Herrlingen

Herrlingen.  Vor 70 Jahren begann in der Region die Deportation von Juden in die Vernichtungslager des NS-Regimes. Die ersten Opfer stammten aus dem jüdischen Altersheim in Herrlingen. Archivar Ulrich Seemüller berichtet.

Ihre Namen waren Emilie Lemberger, Samuel Hallheimer und Hedwig Schulmann, Ilse Berliner, Käthe Beer, Gertrud Cahn, Rosa Ehrlich, Rosa Piotokowsky, Lotte Stern und Betty Wallach. Alle arbeiteten im jüdischen Altersheim in Herrlingen. Für sie endete das normale Leben am 1. Dezember 1941. Denn sie wurden mit dem ersten Deportationszug aus Württemberg, zusammen mit vielen anderen Juden, in ein Konzentrationslager in Riga transportiert. Alle zehn wurden in Vernichtungslagern der Nationalsozialisten ermordet. Weil sich ihre Spuren verlieren, gelten sie offiziell als verschollen.

Es waren vorwiegend junge Leute, die an jenem 1. Dezember gen Riga gefahren wurden, angeblich zu einem Arbeitseinsatz irgendwo im Osten. "Die erste Deportation zielte darauf ab, den Juden die Zukunft zu nehmen. Deshalb traf sie junge Menschen", sagt Ulrich Seemüller. "Die Eltern hat man später geholt." Der Archivar aus dem Ulmer Stadtarchiv und Autor des Buches "Das jüdische Altersheim Herrlingen" verfolgte die Spuren der Herrlinger Juden.

Der Transport mit den Mitarbeitern des Herrlinger Altersheims war Teil des grausamen Planes einer "gesamteuropäischen Entjudung" durch die NS. In den besetzten Gebieten im Osten wurden Konzentrationslager eingerichtet, um die Juden dort - fern des Reiches und damit ohne öffentliches Aufsehen - ermorden zu können. 50 000 sollten laut Anordnung des SS-Obergruppenführer Kurt Daluege in die Gegend von Riga und Minsk verschleppt werden, und Württemberg-Hohenzollern sollte sich mit 1000 Juden beteiligen.

Offensichtlich hatten die jungen Mitarbeiter des Altersheims eine Warnung erhalten, dass sie für die erste "Evakuierung nach Osten" vorgesehen waren. Ilse Berliner, eines der Hausmädchen, wurde deshalb am 18. November von ihrem Vater in ihre Heimatgemeinde Buchau zurückgebracht. Diese Aktion rettete die damals 17-jährige nicht. Soldaten holten sie und ihre Eltern am Tag vor der Deportation ab. Sie kam nach Riga ins KZ und dort verliert sich die Spur. Von ihr gibt es nur einen rührenden Abschiedsbrief an ihre Tante, die rechtzeitig in die USA emigriert war. Drei andere Mitarbeiter, die ebenfalls eine Warnung erhielten und sich abmeldeten, konnten sich dem Riga-Transport entziehen.

Die 48-jährige ledige Heimangestellte Emilie Lemberger erhielt das Schreiben, in dem ihr mitgeteilt wurde, dass sie beim Transport weder Bargeld noch Wertpapiere oder Schmuck bei sich haben durfte. Nur Gepäck bis zu 50 Kilogramm, verpackt in maximal zwei Koffer, etwas Bettzeug und ein kleiner Nahrungsmittelvorrat für zwei Tage waren erlaubt.

Drei Tage dauerte die Fahrt in den Viehwaggons nach Riga. Dort angekommen, war von einem Arbeitseinsatz keine Rede mehr. SS-Männer schlugen brutal auf sie ein. Vom Bahnhof mussten sie knapp drei Kilometer ins Lager marschieren, über Schnee und Eis. Männer kamen in eine abbruchreife Scheune, an der sich das Tor nicht schließen ließ und ein Großteil des Daches fehlte, bei Temperaturen bis zu minus 40 Grad.

Darunter war wahrscheinlich auch Samuel Hallheimer aus dem Altersheim Herrlingen. Viele erfroren. Wer krank war oder sich das geringste Vergehen leistete, wurde von den SS-Wachleuten erschossen, berichteten Überlebende später. Viele, die diese Torturen überlebten, wurden bei Massenerschießungen ermordet, andere totgespritzt, einige starben in Gaskammern. Die Spuren der zehn Mitarbeiter des Altenheims Herrlingen verlieren sich in den Todeslagern. Keiner kehrte zurück.

Info Ulrich Seemüller berichtet heute von 19.30 Uhr an in der Säulenhalle der Villa Lindenhof in Blaustein-Herrlingen über die erste Deportation jüdischer Bürger aus der Region.


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Autor: WILLI BÖHMER | 01.12.2011

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