Den Opfern einen Namen geben
Herrlingen. Die Vernichtung der deutschen Juden durch die Nazis begann nicht mit den Deportationen in die besetzten Gebiete Osteuropas. Doch die Abfahrt der Züge im Winter vor 70 Jahren war ein entscheidender Einschnitt.
Nein, die "Endlösung der Judenfrage" begann nicht erst mit dem Abtransport der Opfer. Sie begann früher, schon kurz nach der Machtübernahme der Nazis 1933. Unmittelbar danach lief der staatlich verordnete und gesellschaftlich vollzogene Verfolgungsprozess an, ein Vorgang, der sich schrittweise radikalisierte und den Juden das Leben mehr und mehr zur Qual machte. Als die ersten zehn Menschen aus dem jüdischen Zwangsaltersheim Herrlingen am 1. Dezember 1941 am Stuttgarter Nordbahnhof in Waggons gesperrt und über tausende Kilometer ins lettische Riga gebracht wurden, waren sie zuvor schon ausgegrenzt, entrechtet und beraubt worden. Man hatte sie aus ihren Berufen und Wohnungen vertrieben, sie in "Judenhäuser" zusammengesperrt und ihnen Schritt für Schritt die Möglichkeit zum Überleben genommen.
Trotzdem, die Abfahrt ins Ungewisse war eine Zäsur. Denn mit der "Evakuierung", wie die Nazis die Deportationen in den Tod verschleiernd nannten, waren die Juden aus den Augen der deutschen Öffentlichkeit verschwunden. Einfach weg, gelöscht auch aus dem offiziellen Einwohner-Verzeichnis Herrlingens. Die entsprechenden Seiten hat Ulrich Seemüller im Archiv entdeckt. Als er die Listen mit den fein säuberlich durchgestrichenen Namen am Donnerstagabend in der Säulenhalle der Villa Lindenhof in Herrlingen an die Wand projiziert, geht ein kollektives Seufzen durch den Raum. Seemüller sagt: "Das ist deutsche Gründlichkeit."
Der Archivar des Ulmer Hauses der Stadtgeschichte ist seit 1992 damit beschäftigt, die Geschichte des Altersheims, seiner Bewohner und Angestellten detailliert nachzuzeichnen. Sein Buch "Das jüdische Altersheim Herrlingen und die Schicksale seiner Bewohner" liegt schon in der zweiten Auflage vor. Seemüller hat regionale und lokale Quellen ausgewertet und die Vorgänge in den Gesamtzusammenhang der Judenverfolgung einsortiert. Am Mittwoch zeichnete er vor rund 50 Zuhörern die Ereignisse rund um die erste Deportation von Juden aus Württemberg nach. Dem Transport, mit dem auch zehn Angestellte des Herrlinger Altersheims nach Riga gebracht wurden.
"Es war ein grausames Experiment", fasst Seemüller zusammen. Ihm ist es in mühsamer Kleinarbeit gelungen, das Schicksal dieser Zehn - neun Frauen und ein Mann - zu rekonstruieren. Er hat Dokumente gesammelt, die Lebensläufe der Opfer recherchiert und die Stationen auf ihrem Weg in den Tod nachvollzogen. In der Villa Lindenhof wirft er Bilder der Opfer an die Wand, zeigt Fotos aus dem Übergangslager am Stuttgarter Killesberg, wartet mit Karten,
Berichten und Briefen auf.
Ulrich Seemüller hat den Menschen, die ein Bürokrat nach ihrer Verschleppung aus dem Register getilgt hat, ihre Namen zurückgegeben. Er hat jene, die für die Mörder nur "Schädlinge im Volkskörper" waren, wieder zu Individuen gemacht, indem er Bilder, Hintergründe, Geschichten zusammengetragen hat. "Wir können die Menschen nicht wieder lebendig machen, aber wir können ihnen ihre Würde zurückgeben", erklärt er seinen Antrieb. Seemüller berichtet von der Annäherung an Zeitzeugen und Angehörige von Opfern, die "bis heute traumatisiert" sind und zögerten, mit ihm zusammenzuarbeiten. Ihre Perspektive, zu der er in Berichten und Briefen Zugang bekam, erweitern das Bild um eine Dimension. Vielleicht ist es die entscheidende.
Doch einiges bleibt im Dunkeln. Wie genau die Liste für den Transport zusammengestellt wurde beispielsweise. Seemüller muss spekulieren, muss sich aus den vorhandenen Informationen ein plausibles Bild zusammenreimen. Fest steht: "Die Nazis holten zuerst die Jungen, Wehrhaften, auch die Zeugungsfähigen", sagt er. Doch abgesehen von der Alters- und Geschlechterverteilung, hatte die Gestapo die Auswahl der jüdischen Selbstverwaltung vor Ort übertragen. "Heimtückischerweise", wie Seemüller sagt. Er geht davon aus, dass die Selektion anhand gruppendynamischer Prozesse erfolgte, dass also unter den Bewohnern und Angestellten des Altersheims zehn ausgedeutet wurden, die neu im Haus, unbeliebt oder für die Abläufe verzichtbar waren. Eine davon war die 17-jährige Ilse Berliner. Sie wurde offenbar vor der "Evakuierung" gewarnt, dem Transport aber entzog sie sich nicht. Vor der Abfahrt schrieb sie einen letzten Brief an eine Tante in Amerika: "Also morgen heißt es bei uns ernst", steht da. "Wer weiß, ob wir uns je wiedersehen."
Auch was mit den Württembergern in Riga geschah, ist offen. Weil im dortigen Ghetto kein Platz mehr war, kamen die meisten wohl ins nahe gelegene Arbeitslager Jungfernhof. Seemüller vermutet, dass auch die Herrlinger dort landeten. Wie es für sie weiterging, ist nahezu ungeklärt. "Bei den ersten Deportationen wurde nicht so genau Buch geführt wie später. Das macht es schwerer, die individuellen Schicksale nachzuvollziehen", sagt Seemüller. "Die ersten Transporte haben sie regelrecht verhungern lassen", berichtet er. "Das war die bekannte Vernichtung durch Arbeit."
Zwei Frauen aus dem Transport hat Seemüller wiedergefunden. Als die russische Rote Armee 1944 nahte, brachten die Nazis die Überlebenden aus Lettland ins KZ Stutthof bei Danzig. Die Zimmermädchen Lotte Stern und Betty Wallach waren dabei, wie Seemüller per Telefon von einem Nachkommen und aus einem Zeitzeugenbericht erfuhr. "Dort verliert sich ihre Spur", schreibt der Archivar. Er vermutet, dass sie "Massentötungen durch Phinol-Injektionen, Genickschüsse und Gas" zum Opfer fielen.
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Autor: AXEL HABERMEHL | 03.12.2011
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