Das Plus, nah am Patienten zu sein

Kohlberg.  Landarzt ist nicht gleich Landarzt. Daniela und Michael Kurz wissen, wovon sie reden. Die Geschwister teilen sich eine Praxis in Kohlberg. Den Arztsitz im Ort zu halten, kostete die kleine Gemeinde viel Einsatz.

Kilometerlang zieht sich die Ortsdurchfahrt durch den kleinen Flecken. Rechts und links der Straße: drei, vier Wirtschaften, Bäcker und Metzger. Eine Apotheke sucht man in der rund 2300-Seelen-Gemeinde Kohlberg vergeblich, dafür gibt es - ein Arzthaus.

So jedenfalls heißt das moderne, rotweiße Wohn- und Geschäftshaus an der Hauptstraße im Volksmund. In dem Neubau befinden sich vier Appartements und eine Allgemeinarzt-Praxis - für einen kleinen Ort wie Kohlberg keine Selbstverständlichkeit. Michael und Daniela Kurz teilen sich den Arztsitz. Sie sind Schwester und Bruder, auch das ist beruflich gesehen eher eine Symbiose mit Seltenheitswert.

Landarzt in Kohlberg zu werden, das war ursprünglich nicht gerade das Sehnsuchtsziel von Michael Kurz.

Vor gut fünf Jahren beschloss der Mediziner, sich selbstständig zu machen, und zwar nach Jahren in einer Klinik in Ruit und Stationen in verschiedenen (unter anderem chirurgischen) Praxen in Kirchheim und Reutlingen. Als Adresse für seine Praxis schwebte ihm ein Mittelzentrum mit medizinischer Infrastruktur wie Fachärzten oder zumindest Apotheken vor, erzählt er.

Als der Arztsitz in Kohlberg frei wurde, weil dort der praktizierende Mediziner in den Ruhestand ging, war die Sache für Michael Kurz klar: "Ich wollte den Sitz übernehmen und nach Neckartenzlingen verlegen", sagt der 40-Jährige, der mit seiner Schwester in der Neckargemeinde aufgewachsen ist. Dass Daniela Kurz später in die Praxis dazustoßen sollte, war damals schon klar. In einer Gemeinde mit rund 6500 Einwohnern ließe es sich auch zu zweit gut wirtschaften, waren die beiden überzeugt.

Aber es kam ganz anders. Denn Kohlbergs ehemaliger Bürgermeister Frank Buß intervenierte gewaltig, als er die Arztpraxis in der Jusigemeinde gefährdet sah.

Der Rathauschef soll sich sogar an die Kassenärztliche Vereinigung (KV) gewandt haben, erzählt Michael Kurz. Und so erhielt der Mediziner prompt eine Ansage: "Entweder den Arztsitz in Kohlberg oder gar keinen."

Also ließ sich das Geschwisterpaar Kurz auf dem Dorf nieder. Die alte Arztpraxis konnten die beiden nicht übernehmen - deswegen suchten alle Parteien nach einem Platz für den neuen Medizinersitz. Wieder ein kleines Kuriosum: Drei Jahre praktizierten die Geschwister Kurz von 2007 an im Kohlberger Sportheim, das sie mit finanzieller Unterstützung der Gemeinde und der handwerklichen Hilfe ihres Vaters kurzfristig umgebaut haben.

Der Anfang in der neuen Praxis war nicht einfach, erinnern sich die Geschwister. "Wir haben mit 300 Patienten angefangen", sagt Daniela Kurz.

Das sei definitiv zu wenig, wenn zwei Ärzte von der Praxis leben müssen, betont sie. Und ihr Bruder ergänzt: "In der ersten Zeit haben wir das Geld richtig zusammenhalten müssen." Das galt auch dann, als die beiden sich daran machten, die neue Praxis im Ärztehaus in der Metzinger Straße einzurichten. Die Kohlberger Gemeindevorderen hatten nämlich nicht locker gelassen und schließlich beschlossen, ein Wohn- und Geschäftshaus mit Arztsitz in der Ortsmitte zu bauen. Die Eigentumswohnungen sind mittlerweile alle verkauft, die Praxis gehört den Kohlberger Krankenpflegeverein, dem die Geschwister nun Miete für die Räume bezahlen.

Michael und Daniela Kurz sind jetzt angekommen. Nicht nur räumlich, sondern auch in ihrem Beruf als Landärzte. Die Kartei der festen Patienten ist deutlich gewachsen - 900 Namen zählt sie inzwischen. Die beiden jungen Mediziner sind bei der Bevölkerung gerne gesehen - "auch, weil wir ein gemischtes Paar sind", vermutet Daniela Kurz. Die 38-jährige arbeitete zuvor unter anderem in der Kirchheimer Klinik und als Angestellte in anderen Arztpraxen. Genauso wie ihrem Bruder ist es ihr wichtig, als Hausarzt "nah am Patienten zu sein" , sich Zeit zu nehmen für die Kranken.

Damit es bei der wichtigen Sorgfalt bleibt, haben die beiden jetzt so etwas wie einen zeitweisen Aufnahmestopp in ihrer Praxis verhängt. "Wir haben eine Warteliste, auf der sich die Patienten vormerken lassen können. Sobald wir Luft haben, rufen wir zurück".

Das ist vielleicht nicht immer der populärste Weg - für die beiden Allgemeinmediziner aber der einzig richtige. Denn wer Hausarzt auf dem Land ist, ist auch ein bisschen Mädchen für alles. In Kohlberg gibt es keinerlei Fachärzte - ob Patienten mit Rückenschmerzen, Diabetiker oder Menschen mit psychischen Problemen, in der Praxis der Geschwister Kurz ist Vielseitigkeit angesagt. Das ist für die beiden zwar eine Herausforderung, doch wenn Michael Kurz dann mal orthopädische Leistungen übernimmt oder Krankengymnastik verordnet, hat das für ihn nicht nur Vorteile. "Dann halte ich auch finanziell meinen Kopf hin", sagt er.

Wo sich die beiden in der Zukunft sehen? Das kommt ein bisschen darauf an, wie es mit der hausärztlichen Versorgung und dem Ärztemangel in der Region weitergeht, lässt Michael Kurz durchblicken. "Ich bin gerne Landärztin", betont seine Schwester. Und den Mietvertrag für die Kohlberger Praxis haben die beiden erstmal für zehn Jahre unterschrieben.


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Autor: CHRISTINA HÖLZ | 09.02.2012

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