90 Minuten Schwitzen im Sitzen
Ebersbach. Blind oder an den Rollstuhl gefesselt: Die Jungen und Mädchen der Hardtschule in Ebersbach schlüpften gestern in die Rolle eines behinderten Menschen. Der Sport machte Spaß, war aber kein Kinderspiel.
Der Rollstuhl fährt geradewegs auf die Wand zu. Es knallt. Der Schüler lacht und versucht, sein Gefährt zu drehen. Gar nicht so einfach. Da kommt auch schon der Ball. Fangen, dribbeln, den Rolli anschieben, Ausschau nach dem Mitspieler halten, genauer Pass und dann noch möglichst viele Körbe werfen. Basketball im Sitzen ist ganz schön anstrengend, merken die Jungen und Mädchen der achten Klasse, die die Ebersbacher Hardtschule besuchen, recht schnell. "Das Stoppen ist noch ein bisschen schwierig", lautet Johannes erste Einschätzung nach fünf Minuten Rollstuhlbasketball. "Aber sonst geht es schon ganz gut und macht sehr viel Spaß." Wie jedoch behinderte Menschen Hindernisse wie beispielsweise Treppen meistern, kann sich der 15-Jährige nicht so recht vorstellen.
Genau darum ging es bei diesem Projekttag "Neue Sporterfahrung", den die Deutsche Telekom gestern in der Hardtschule veranstaltete. "Die Schüler bekommen einen Einblick in das Leben und die Leistungsfähigkeit behinderter Sportler", erklärt Projektleiter Thomas Stephany. Die Selbsterfahrung und der Kontakt zu Betroffenen - die beiden Trainer sind aktive Spieler - seien hilfreich, um Hemmschwellen abzubauen, ist Stephany überzeugt und unterstreicht: "Das Projekt ist keine reine Schüler-Bespaßung." Vielmehr sollen bei den jungen Menschen soziale Kompetenzen wie Fairness und Respekt gestärkt werden, fügt Stephan Althoff, Leiter Konzernsponsoring der Telekom, hinzu. Sport zu treiben, sei dabei genau das richtige Mittel, weil er verbindend und integrierend wirke.
Dies sah auch Michael Hirsmüller, Leiter der Hardtschule, so und überlegte nicht lange, als er das Angebot des Unternehmens auf den Schreibtisch bekam, diesen Projekttag an der Schule zu starten. "Das fand ich toll. Und ich dachte mir, es ist ein wichtiges Stück Lebenserfahrung, das wir unseren Jugendlichen mit auf den Weg geben." Werte wie Toleranz, Verständnis und Hilfsbereitschaft würden durch ein solches Projekt gestärkt, Berührungsängste und Unsicherheiten gegenüber gehandicapten Menschen abgebaut.
Jugendliche der siebten bis neunten Klasse - sowohl Haupt- als auch Förderschüler - machten gestern Vormittag diese außergewöhnliche Erfahrung, für eineinhalb Stunden körperbehindert zu sein. Trainiert wurden die Teenager von zwei Profis in ihrem Fach: Marco Hopp spielt aktiv in der Zweiten Bundesliga (Heidelberg) Rollstuhlbasketball und ist U-22-Nationalcoach, Sebahattin Baskoey ist Spielertrainer in Pforzheim. Die Schüler staunen, wie schnell und athletisch die beiden Herren übers Parkett wirbeln und dabei zwei Geräte im Griff haben: ihren Rollstuhl und den Basketball. Mancher Schüler hat bereits ein hochrotes Gesicht und mächtig Mühe, dem schnellen Spiel zu folgen. Umso größer ist der Jubel, wenn der schwere Ball doch irgendwann im Korb landet.
Deutlich ruhiger geht es in der anderen Sporthalle der Hardtschule zu. Hier spielen die Jugendlichen die paralympische Disziplin Goalball - ein Spiel, das ursprünglich für Sehbehinderte entwickelt wurde. Ziel ist es, rein über das Gehör und den Tastsinn einen mit einer Klingelkugel versehenen Ball über die gegnerische Linie zu befördern und das eigene Tor "sauber" zu halten. Kein leichtes Unterfangen. "Es ist sehr ungewohnt und schwer, sich zu orientieren", sagt die 14-jährige Nergiz, die wie ihre Mitschüler an diesem Vormittag mit einer zugeklebten Skibrille in die Rolle eines Blinden schlüpft. Nichts zu sehen, ist schon schwer genug, und sich dann noch sportlich zu betätigen, ist umso schwieriger. Hilfreich sind da die Zurufe der Klassenkameraden, die am Ende der etwas anderen Sportstunde geschafft, aber glücklich fürs Gruppenfoto strahlen. Mal mit, mal ohne Skibrille.
Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar
Autor: SUSANN SCHÖNFELDER | 20.05.2010
Aufstehen ist nicht erlaubt: Beim Rollstuhlbasketball lernen die Schüler der Ebersbacher Hardtschule, was behinderte Sportler leisten. Der Spaß kam natürlich auch nicht zu kurz. Fotos: Giacinto Carlucci
MEHR ARTIKEL ZUM THEMA
6,3 Millionen für Lärmschutz
Ebersbach 6,3 Millionen Euro investiert der Bund in den Lärmschutz entlang der Bahnlinie in Ebersbach, Uhingen und Reichenbach. Gestern war in Ebersbach Spatenstich für den Bau der Schallschutzwände.... mehrSerieneinbrüche mit reichlich "Kleinholz"
Ebersbach/Stuttgart In 35 Lokale im Stuttgarter und Karlsruher Raum soll eine kriminelle Bande eingebrochen sein, darunter auch eine Spielhalle und ein Wettbüro in Ebersbach. Jetzt stehen die drei mutmaßlichen Täter vor Gericht.... mehrEbersbach und Schlat profitieren
Ebersbach/Schlat Ebersbach und Schlat werden in das Förderprogramm für den kommunalen Straßenbau 2010 bis 2014 aufgenommen. Nach Ebersbach fließen 1,9 Millionen Euro und nach Schlat 672 000 Euro.... mehr
Abende voller Verwirrung
Ebersbach Zwei Abende voller Verwirrungen präsentierte die English Drama Group des RGE. "Between Mouthfuls" und "Smugglers, Whisky and other Spirits" agierten die jungen Mimen mit britisch-distanziertem Humor.... mehrGewächshaus der Zukunft bauen
Ebersbach Lehrer, Schüler und Eltern am Raichberg-Gymnasium haben bei einem Pädagogischen Tag Lösungswege gegen Mobbing an der Schule gesucht.... mehr
Erneut Rätsel um Klinker
Ebersbach Mangel oder nicht? Die hässlichen dunklen Flecken an den Klinkern im Sockelbereich des neuen Rathauses sind Bürgern und Stadträten ein Dorn im Auge. Die Ursache liegt bislang im Dunkeln.... mehr
Afrika ist in der Schule
Ebersbach Ein Kulturbotschafter aus Ghana nahm Schüler der Ebersbacher Marktschule spielerisch mit in sein Land. Tanzend, singend und essend lernten sie mit allen Sinnen die Sitten einer anderen Kultur kennen.... mehrGrün in die Stadt
Ebersbach Sie gießen, stutzen Gehölze, jäten Unkraut in den Blumenbeeten, pflanzen und düngen. Rund 30 ehrenamtliche Gärtner sorgen seit sieben Jahren dafür, dass die städtischen Grünflächen in... ... mehrKein Café in der Hauptstraße
Ebersbach In der Hauptstraße in Ebersbach wird es vorerst kein neues Café mit Backwarenverkauf geben. Der Ausschuss für Technik und Umwelt hat die Bauvoranfrage des Antragstellers mehrheitlich abgelehnt.... mehr



