Interview mit Hermann Bausinger

Warum das Land in der ersten Liga spielt

Ulm. 



Herr Professor Bausinger, sind Sie froh, dass Sie in Baden-Württemberg geboren sind, jenem Land, das sich gern das Etikett „Land der Dichter und Denker, der Tüftler und Erfinder“ anhängt?

HERMANN BAUSINGER: Ja, ich bin zufrieden und froh. Ich weiß aber, dass dabei Gewohnheit mitspielt, ein positiver Umgang mit den gegebenen Fakten. Wenn ich in Perugia, Göttingen oder Uppsala aufgewachsen wäre, wäre ich wahrscheinlich auch darüber froh.

Sie blieben ihrer Universität in Tübingen treu. Hatten Sie nicht mal Lust auf Tapetenwechsel? Wie sind Sie mit Rufen an auswärtige Universitäten umgegangen?

BAUSINGER: Die Versuchung, wegzugehen, war schon manchmal da - aber ich habe an den neuen Orten meistens Leichen im Keller entdeckt, die es hier bei uns nicht gab. Im Gegenteil: Hier gab es ein schönes Institut, patente Kollegen, loyale und kluge Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

In Ihrem Buch „Der herbe Charme des Landes“ schreiben Sie, die Menschen im Südwesten seien nicht schlechterdings die Krone der Schöpfung. Bedeutet das auch, dass sie als gebürtiger Aalener und Tübinger Professor kein bisschen stolz auf ihr Land sein wollen?

BAUSINGER: Froh gefällt mir in dem Zusammenhang besser als stolz. Mit der zitierten Bemerkung wollte ich mich von den distanzlosen Lobreden und Lobrednern distanzieren, die es immer noch gibt.

Gibt es etwas, was Sie richtig nervt an diesem Land? Welcher der politischen Repräsentanten ist Ihnen völlig zuwider?

BAUSINGER: Ich glaube, Goethe hat gesagt, je älter er werde, umso toleranter werde er im Urteil über Andere. In diesem Sinne würde ich das völlig streichen, zuwider kann stehen bleiben. Aber das sind dann so Viele, dass eine Aufzählung nicht lohnt.

Was zählt für Sie mehr: Die Maschinen- und Autoindustrie, das kulturelle Erbe und das kulturelle Leben, die vielfältige Landschaft oder die reiche Museumslandschaft?

BAUSINGER: Diesmal weiche ich nicht aus, wenn ich nichts Einzelnes hervorhebe. Es ist die Kombination, Gesamtkunstwerk meinetwegen - die vielen Facetten, die zusammen ein positives Bild ergeben. Das Land ist nicht überall Spitze, aber es gibt wohl kein anderes Bundesland, das in so vielen Sparten in der ersten Liga spielt. Um das zu erklären, muss man ein wenig historisch ausholen. Man spricht oft von der Zersplitterung des Reichs nach der Stauferzeit und bis zu Napoleon, und gerade der Südwesten zerfiel in kleine und kleinste ‚Staaten'. Aber diese Zersplitterung hatte nicht nur negative Folgen: In den kleinen Territorien entstand oft eine eigene, selbstbewusste Kultur. Zugespitzt (und ein wenig optimistisch) kann man sagen, dass es bei uns deshalb keine wirkliche Provinz gibt.

Die technologischen und wissenschaftlichen Spitzenleistungen: Woher kommt es, dass Baden-Württemberg in vielen Bereichen führend in Deutschland ist? Ist das hohe Niveau zufällig entstanden oder ist es die Folge historischer Bedingtheiten und Ausfluss einer gewissen Mentalität?
BAUSINGER: Die Dänen werben für ihr Land mit einem hübschen Wortspiel: No iron, no copper - und so noch etliche Rohstoffe, und dann: but know-how! Das lässt sich übertragen; es gab hier viele arme Gegenden, und oft wurde aus der Not heraus Neues entwickelt. Dabei war aber auch die Grenzlage hilfreich; Innovationen kamen auch aus Italien, der Schweiz, Frankreich. Vielleicht kann Baden-Württemberg ja Vorreiter sein, wenn es bald an das schwierige Geschäft geht, statt Wachstum mit weniger auszukommen.

Kehrwoch, schaffe, schaffe... spießig sind die Schwaben, und wenn sie ihr Maul doch mal aufkriegen, dann klingt es fast so schlimm wie Sächsisch: Wie sind die Schwaben zu einem so schlechten Ruf gekommen?

BAUSINGER: Besonders weltmännisch sind die Schwaben sicher nicht. Aus der Sicht der größeren Territorien (im Norden war die Landkarte nicht halb so bunt und zerstückelt) war der Südwesten lange Zeit auch in der Mentalität kleinkariert, und die Menschen haben darauf offenbar primär mit Dickköpfigkeit reagiert. Noch über Uhland wird berichtet, dass er beim Besuch von Fremden „einen unbarmherzig stummen Holzbirnenkopf an die Kerle hin“ machte. Allerdings ist Vorsicht geboten: Hier ist nun nicht von Baden-Württemberg die Rede, sondern nur von den Schwaben!

Ist es vielleicht der Neid - auf wirtschaftliche Erfolge, auf schöne Landschaft, auf die großen Denker?

BAUSINGER: Na ja. Wir sind zwar, wenn ich es recht weiß, führend in der Zahl der Patente; aber die Zahl der Bruddler ist noch sehr viel höher. Das sind nicht alles Erfinder

Spielt vielleicht auch der Neid auf die wirtschaftlichen Erfolge eine Rolle beim negativen Image?
BAUSINGER: Neid ist vielleicht zu viel gesagt. Aber die Abwertung von Andern ist nun mal ein sicherer Weg zur eigenen Aufwertung.

Baden-Württemberg ist, Krise hin oder her, die deutsche Region mit den besten Zukunftsaussichten, sagt das Schweizer Prognos-Institut. Da könnten sich die Einwohner doch h ein bisschen lockerer geben? Oder sind sie schon locker, nur die Außenwahrnehmung ist noch nicht auf der Höhe der Zeit?
BAUSINGER: Typisierungen hinken fast immer nach. Es dauert, bis sich eine feste Vorstellung gebildet hat - und es ist die Regel, dass sie dann schon nicht mehr stimmt. Das zeigt sich noch deutlicher bei Eigenschaften, die im Ausland für „typisch deutsch“ gehalten werden und kaum mehr anzutreffen sind.

Nun gehören zum Südwesten auch Badener, Hohenzollern, Oberschwaben und Hohenloher. Sie werden mit den Schwaben in einen Topf geworfen. Keine Chance, diesem Schicksal jemals zu entrinnen - wie die Franken unter den Oberbayern?

BAUSINGER: Sie sind ihm längst entronnen; bloß ist das den Leuten rund um Stuttgart nicht immer bewusst. Sie tun manchmal so, als ob alle Leute im Land Altwürttemberger wären. Übrigens wird das auch beim Werbespruch „Wir können alles“ oft mitgedacht; das „außer Hochdeutsch“ wird im Kopf ergänzt: Wir sprechen Schwäbisch. Für einen Teil der Badener trifft der Spruch auch nicht so gut; sie kommen dem Standarddeutsch viel näher. Aber zurück zu der Frage: Das Regionalbewusstsein ist oft stärker als das Landesbewusstsein - das gilt sicher für Oberschwaben, Hohenlohe, die Kurpfalz, das alemannische Gebiet. Im übrigen sollte man sich, wenn von den Bewohnern des Landes die Rede ist, auch vor Augen halten, dass fast die Hälfte nicht „von hier“ ist - das gilt für die Heimatvertriebenen und die Spätaussiedler, aber auch für die vielen Arbeitsmigranten.

Badener und Württemberger mögen sich nicht besonders, gerade die Badener kultivieren ihren Spott über die Schwaben. Wie lange braucht es, bis dieser Konflikt beigelegt und Baden-Württemberg eine völlige Einheit geworden ist? Ist das überhaupt wünschenswert?
BAUSINGER: Eine Einheit setzt nicht Gleichartigkeit und Dauerharmonie voraus - Spott und Sticheleien gibt es ja auch zwischen benachbarten Ortschaften. Man kann sogar die These vertreten, dass Sticheleien und Konflikte als Kitt wirken können - man nimmt so die Anderen wenigstens wahr. Unter diesem Aspekt ist es höchstens bedenklich, dass zwar die Badener Schwabenwitze erzählen, dass es aber keine Badenerwitze zu geben scheint.

Wenn man auf Mini-Bundesländer wie das Saarland oder Bremen schaut, die sich weigern, mit anderen zu fusionieren, wäre die Vereinigung von Baden und Württemberg gar nicht notwendig gewesen. War das Zusammengehen eine richtige Entscheidung, zumal sich der Einfluss des Landes in Berlin auch so in Grenzen hält?
BAUSINGER: Vielleicht wäre der Einfluss getrennter Südwestländer ja noch kleiner; eine hohenzollerische Landesvertretung in Berlin wäre sicher ein Dauerthema für Kabarettisten. Mit dem Zusammenschluss wurde ja die künstliche Aufteilung durch die Militärregierungen überwunden. Und was dafür sprach, war ähnlich wie bei der späteren Gemeindereform: dass die politischen und wirtschaftlichen Entscheidungen immer größere Dimensionen annahmen. Vielleicht hätte man dem ja auch durch freiwillige Kooperation begegnen können - so, wie es jetzt Ansätze zu einer „Trinationalen Metropolitanregion“ am Oberrhein gibt. Aber nur vielleicht...


Sie haben die Werbekampagne des Landes erwähnt. Hat der Slogan "Wir können alles. Außer Hochdeutsch" etwas bewirkt in Sachen Image-Korrektur außerhalb Baden-Württembergs?

BAUSINGER: Die Wirkung war sicher nicht einheitlich. In Berlin soll der Spruch in den dazugehörigen Kino-Spots Kult geworden sein - man fand ihn eher komisch. Aber ein großer Teil der Werbewirkung besteht ja nicht in der positiven Einfärbung, sondern einfach darin, dass Aufmerksamkeit erregt wird. Und das kann man von der Kampagne sicher sagen.

Die Werbung war mutig, war sie ihr Geld auch wert?
BAUSINGER: Als Normalverdiener steht man den Summen, die hier genannt (oder meistens nicht genannt) werden, etwas irritiert gegenüber. Wenn mir ein schöner Spruch einfällt, krieg ich nix. Es ist auch bloß ein schlechter Trost, dass bei Ribery oder Ballack schon ein einziges Tor fast so teuer ist wie diese Kampagne. Aber jetzt fragen Sie dann gleich wieder, ob hier nicht Neid im Spiel ist...

Sie sind ein bekannter Buchautor und begehrter Vortragsredner, sie können wundervoll formulieren. Aber an Ihrer Sprachfärbung erkennt man die Herkunft. Haben Sie sich jemals wegen ihres schwäbischen Kolorits geniert?

BAUSINGER: In Hamburg sagte nach einem Vortrag eine Dame zu mir, sie hätte noch stundenlang zuhören können - sie höre das Schwäbische so gerne. Das war ein klein bisschen peinlich. Aber das war eine sehr spezielle Konstellation. In den meisten Alltagssituationen spreche ich sowieso Schwäbisch - und in den formaleren ein gemäßigtes Hochdeutsch. Entscheidend scheint mir zu sein, dass man unverkrampft spricht - es gibt verkrampftes Hochdeutsch, aber auch verkrampftes Schwäbisch. Beides übrigens auch im Funk.

Die SÜDWEST PRESSE erkundet jetzt drei Wochen lang "Das Beste im Südwesten". Dem echten Schwaben wird es da gleich ein bisschen unbehaglich. Da könnte ja glatt Selbstlob herauskommen. Wie glauben Sie, wird die Serie ankommen?

BAUSINGER: Die Leute lesen bestimmt gerne, wie gut sie sind. Und wenn nicht, gibt es als Ventil die Leserbriefe - und das Bruddeln.

Natürlich müssen Sie uns auch noch verraten, was für Sie das Beste im Südwesten ist.
BAUSINGER: Das Staatstheater, der Italiener am Stadtrand, manchmal der VfB, meine Nicht-Elite-Uni, der Täleswein, der Jugendgemeinderat, die Alb, und und und - Sie sehen, es droht eine Endlosliste. Das hängt mit der produktiven Vielfalt des Landes zusammen, von der die Rede war.

Und das Schlechteste?
BAUSINGER: Dass es trotz dieser positiven Charakteristik für die jungen Leute auch hier immer schwieriger wird, vernünftige Bedingungen zu finden und zu schaffen.

(Fragen: Raimund Weible, Alfred Wiedemann)


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